Stiller Kamerad Kritik

Stiller Kamerad Kritik

Dieser sehr emotionale Dokumentarfilm von Leonhard Hollmann aus dem Jahr 2017 zeigt behutsam, wie die Kraft der Nähe von Pferden, Traumata bei Soldaten heilen kann. Seitdem auch deutsche Soldaten in Kriegsgebieten eingesetzt werden, machen sie Erfahrungen mit lebensbedrohlichen Situationen. Sie werden Zeugen von Gewaltverbrechen und Zerstörungen, oder müssen selbst töten. Der Film begleitet zwei Soldaten und eine Soldatin, die diese Erlebnisse traumatisiert haben.

Sie leiden an Depressionen und Panikattacken, die als Symptome der „Posttraumatischen Belastungsstörung“ auftreten. Unverarbeitete Erfahrungen machen krank und können oft nicht einfach nur mit Medikamenten und Gesprächstherapien behandelt werden. Im Alltag von PTBS Erkrankten katapultieren sie eigentlich harmlose Situationen zurück in das Erlebte. Die Zahl der von Auslandseinsätzen zurückkehrenden Soldaten, die lebensbedrohliche Erfahrungen machen mussten, steigt kontinuierlich. Die Nachfrage nach hilfreichen Therapien wird größer. Kennzeichnend für die „Posttraumatische Belastungsstörung“ ist, dass die Erkrankung oft erst Jahre später auftritt. Angstsymptome, die von den Betroffenen oft nicht als solche erkannt werden, werden nicht selten mit Alkohol verdrängt. Das führt oft wiederum zu verstärkten Depressionen und Arbeitsunfähigkeit. Aber es sind nicht nur eigene Todeserfahrungen, die zur PTBS führen, es sind auch eigene Schuldgefühle, wenn Zivilisten nicht gerettet werden konnten. Das Gepräch mit der Soldatin ist dazu sehr emotional und intim. Auch der Konflikt, als Soldat eigentlich nicht über das Erlebte sprechen zu dürfen, verschlechtert die Situation der Betroffenen. Sie haben starke Schuldgefühle.

Die im Film dokumentierte Therapie mit Pferden zählt zu den „Tiergestützten Therapieverfahren“, wie beispielsweise das therapeutische Reiten. Sie werden von den Krankenkassen nicht getragen, da sie zu den alternativen Heilmethoden zählen. Trotzdem sind gerade hiermit die Heilungschancen von psychisch Erkrankten sehr hoch. Der Film zeigt, wie die Therapeutin Claudia Swierczek erfolgreich Pferde zur Behandlung der Erkrankten einsetzt. Sie agieren als „Therapeutische Begleiter“. Die Betroffenen haben keinen Zugang zu ihren Gefühlen und genau das spüren Pferde. Sie spiegeln die Traurigkeit und psychischen Verletzungen der Menschen und suchen die Nähe zu ihnen. Der Kontakt der hochsensiblen Tiere macht es möglich, dass die inneren Blockaden gelöst und die verdrängten Ereignisse verarbeitet werden können. Im Film sind es genau die intimen Momente, wenn die Pferde die Soldaten aufmunternd anstupsen, die dem Film eine emotionale Tiefe geben. Im Fokus sind die Traumatisierten, aber auch die Pferde, die den Zuschauer überraschen.

Es ist ein Dokumentarfilm, der fernab von Pferdesport, Pferdeflüsterei und Ponyhofmentalität, eine erstaunlich neue Sicht über das Sozialverhalten von Pferden aufzeigt. Gerade die Nahaufnahmen machen für den Zuschauer visuell spürbar, wie sehr die Tiere den Menschen verbunden sind, wenn sie auf Augenhöhe behandelt werden. Sie bleiben bei Menschen, wenn sie krank sind und leisten das, was Menschen nicht können. Es ist aber auch das Umfeld in der freien Natur, welches im Gegensatz zur kalten Atmosphäre eines Krankenhauses die Stimmungslage hebt. Hierzu ist das Gespräch mit einem Soldaten sehr aufschlussreich. Die Idee zu dieser Dokumentation hatte der Regisseur Leonhard Hollmann nachdem er die Therapeutin Claudia Swierczek kennenlernte. Ihr Ansatz, Pferde als ausgesprochene Fluchttiere mit ehemals kämpferischen Soldaten zusammenzubringen, inspirierte ihn. Der Film geht zu Herzen und wirft die Frage auf, warum diese Therapie von den Kassen nicht übernommen wird. Sie hilft. Ein großartiger Film über die stillen Seelen der Pferde.

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