Ein bisschen bleiben wir noch Kritik

Ein bisschen bleiben wir noch Kritik

Die 13-jährige Lilli (Rosa Zant) und ihr Bruder, der 8-jährige Oskar (Leopold Pallua), leben mit ihrer Mutter (Ines Miro) unter ständiger Angst und großer Unsicherheit in Wien. Denn die Drei halten sich illegal dort auf. Vor sechs Jahren sind die Flüchtlinge, die ursprünglich aus Tschetschenien stammen, in Österreich gestrandet. Als die Behörden den Aufenthaltsort herausfinden und der Familie die Abschiebung droht, sieht die unter Depressionen leidende Mutter nur einen Ausweg: sie versucht sich das Leben zu nehmen. Nach diesem Vorfall entscheidet das Jugendamt, dass Lilli und Oskar zu Pflegefamilien kommen sollen. Dass die beiden Geschwister, die ein so enges Verhältnis haben, nun in verschiedenen Familien getrennt voneinander leben, verkraften sie nur schwer. Sie versuchen alles, um ihre Familie wieder zu vereinen.

Der Regisseur des Films, Arash T. Riahi, weiß wie es sich anfühlt, als Kind aus der gewohnten Umgebung gerissen zu werden und neu anfangen zu müssen. Er war elf Jahre alt, als er mit seiner Familie den Iran verließ und nach Österreich kam. „Ein bisschen bleiben wir noch“ ist das Spielfilmdebüt des 48-Jährigen, nachdem er zuvor vor allem als Produzent wirkte und Kinder-Dokumentarfilme inszenierte. „Ein bisschen bleiben wir noch“ erlebte seine Premiere auf dem Filmfest Max-Ophüls-Preis 2020.

Es ist nur zu gut vorstellbar, dass Riahi eigene Erlebnisse und Erfahrungen in seine Geschichte um das Verlorensein zweier Flüchtlingskinder hat einfließen lassen. Wie sonst hätte es ihm gelingen sollen, die inneren Befindlichkeiten und Wahrnehmungen seiner jungen Protagonisten so wahrhaftig und realitätsnah für den Zuschauer greifbar zu machen. Und die mit der neuen Situation (der Umzug in die Pflegefamilien) verbundenen (Verlust-)Ängste sowie Unsicherheiten derart ausgiebig und gleichsam feinfühlig auszuloten.

Viel Schlimmes haben Oskar und Lilli über die Zustände und Situationen in heruntergekommenen Flüchtlingsheimen gehört, in die sie befürchten abgeschoben zu werden. Sie haben in ihrem kurzen Leben viel mitgemacht und die ständige Furcht vor der Entdeckung durch die Behörden hat vor allem bei der Mutter Spuren hinterlassen. Die oft aussichtlose Lage illegaler Einwanderer und der kraftraubende Kampf gegen die Behörden sind nur zwei der vielen weiteren Themen, die „Ein bisschen bleiben wir noch“ behandelt. Hinzu kommen noch Inhalte und Aspekte wie der Kampf gegen Depressionen, der Alltag in Pflegefamilien und die Hoffnung auf bessere Zeiten, die den Kindern letztlich die Kraft zum Durchhalten gibt.

Der Versuch der Kinder, niemals den Kontakt zueinander zu verlieren und ihre jeweiligen Bemühungen, sich in ihrem neuen Familienleben zurechtzufinden – diese zwei Story-Elemente bilden aber zu jeder Zeit das inhaltliche Grundgerüst eines Films, der die Geschehnisse konsequent aus kindlicher Sicht schildert. Und gerade diese Erzählperspektive, jener unverstellte, erfrischende Blickwinkel der Kinder, tut dem Film ungemein gut. Denn er sorgt bei aller Schwere der Thematik für befreiende, immer wieder auch humorvolle, beschwingte Szenen, die ein Lachen aufs Gesicht zaubern. Und für gerade visuell anmutige Einstellungen sowie märchenhaft-magische Bilder, die Lillis und Oskars Vorstellungskraft, Phantasie und ihrem unbändigen Glauben an bessere Zeiten geschuldet sind.

Fazit: Ein aus der Sicht der facettenreich gezeichneten Hauptfiguren dargestellter Blick auf einen kindlichen Umgang mit Themen wie Verlust, Hoffnung und Trauer. Bewegend, wendungsreich, voller Magie.

Bewertung: 9/10

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.

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