Aznavour by Charles Kritik

Aznavour by Charles Kritik

Er war als Komponist, Liedtexter und Schauspieler erfolgreich und galt als Chansonnier mit seiner markanten Stimme als „französischer Frank Sinatra“: Charles Aznavour („La Bohème“). Der französisch-armenische Künstler prägte wie wenige andere den Chanson, schrieb weit über tausend Lieder (auch für andere Künstler) und feierte vor allem in seinen reiferen Jahren auch als Filmdarsteller große Erfolge. Darunter in Volker Schlöndorffs Welterfolg „Die Blechtrommel“. Bis zu seinem Tod blieb Aznavour zudem stets ein politisch denkender und politisch aktiver Mensch – der sich mit Leidenschaft für Armenien, der Heimat seiner Eltern, einsetzte. So war er unter anderem als armenischer Botschafter in der Schweiz aktiv. Eines seiner letzten Konzerte spielte er, im Alter von 82 Jahren, vor 50 000 Zuschauern in der Hauptstadt Armeniens Jerewan. „Aznavour by Charles“ ist ein sehr persönlicher Dokumentarfilm über sein Leben und Werk.

Persönlich deshalb, da Aznavour die im Film zu sehenden Aufnahmen selber erstellte und drehte. Mit einer Schmalfilmkamera, die ihm Ende der 40er-Jahre niemand geringeres als die berühmte Sängerin Edith Piaf schenkte. In der Folge hielt der begeisterte Filmer Aznavour bis in die frühen 80er hinein unzählige private und berufliche Ereignisse fest: Filmdrehs, Tourneen und Konzerte, Urlaube und private Anlässe. Kurz vor seinem Tod im Herbst 2018 starteten Aznavour und der Regisseur Marc di Domenico mit der Arbeit an der Doku.

Nach Aznavours Tod war es di Domenico, der sich weiter durch die rund 40 Stunden an Rohmaterial arbeiten und es digitalisieren musste. Aus dieser Fülle an Bildern, Eindrücken und Impressionen montierte er eine poetische, optisch wie akustisch höchst beeindruckende Annäherung an einen Ausnahmekünstler und Weltbürger. Im Zentrum stehen nicht Aznavours (ohnehin bekannte) Lebensstationen und der Blick der Öffentlichkeit auf den populären Franko-Armenier. Vielmehr geht es um seine intime, persönliche Perspektive auf die Welt, die Menschen und das Leben um ihn herum.

Gewissermaßen lassen sich durch die Szenen und Bilder natürlich auch Rückschlüsse auf Aznavours Sicht auf das Leben an sich schließen. Die Aspekte und Themen, die ihn umgetrieben und beschäftigt haben. Wenn er auf den hektischen Straßen New Yorks aufmerksam und ausgiebig die Menschen um ihn herum, nicht zuletzt schwarze wie weiße Einwanderer von überall her, filmt, dann wird klar, dass er sich wirklich für sie interessiert. Für ihre Geschichte und die große Gemeinsamkeit: der Wunsch nach Zugehörigkeit und das Streben danach, ein akzeptiertes Mitglied der Gesellschaft zu werden. Dies verband Aznavour, das wird im Film mehrfach erwähnt und herausgestellt, mit vielen seiner Künstlerkollegen. Darunter Barbara Streisand, Nina Simone oder Ray Charles. Sie alle kannten und kennen das Gefühl der Ausgrenzung aufgrund von Religion, Herkunft oder Hautfarbe.

Daneben sehen wir spannende Impressionen von Aznavours Reisen nach Afrika und Kanada, beim Sightseeing in den USA und beobachten ihn (in Farbe) am Set eines seiner berühmtesten Filme, „Taxi nach Tobrik“ (1961). Passend zu den Bildern gibt der Schauspieler Romain Duris beseelte Sätze voller Poesie zum Besten. Sie stammen von Aznavour selbst und sind in seinen Biografien, von denen er ganze fünf veröffentlicht hat, nachzulesen. Und zuletzt kommen gleichsam Chanson-Fans auf ihre Kosten, da ein Großteil der relevanten, essentiellen Klassiker Aznavours im Film an dramaturgisch klugen Stellen kurz erklingen.

Fazit: Emotionale, bewegende Betrachtung eines großen Künstlerlebens und der reflektierten, tiefgründigen Innenansichten eines einfachen Mannes, der es nach ganz Oben geschafft hat.

Bewertung: 9/10

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.

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