Der Rausch Kritik

Der Rausch Kritik

Martins (Mads Mikkelsen) beste Zeiten sind vorbei. Der Endvierziger versinkt im Selbstmitleid, trauert unbeschwerten Jugendtagen hinterher und langweilt sich in seinem Job. Als unmotivierter Gymnasiallehrer schafft er es längst nicht mehr, seine Schüler zu erreichen. Und die Ehe zu seiner Frau Trine (Maria Bonnevie) ist ohnehin längst eingeschlafen. Nicht viel anders ergeht es Martins Freunden und Lehrerkollegen Tommy (Thomas Bo Larsen), Nikolaj (Magnus Millang) und Peter (Lars Ranthe). Auf einer Geburtstagsfeier fassen die Vier einen wagemutigen Entschluss: Sie wollen zukünftig während der Arbeit und im Privatleben konsequent einen Blutalkoholwert von 0,5 Promille halten. Denn angeblich entspricht dieser Wert dem menschlichen Idealzustand. Und tatsächlich zeigen sich bei Martin bald beachtliche Erfolge. Sowohl mit seiner Frau als auch in der Schule. Doch der (kontrollierte) Alkoholkonsum hat auf die lange Sicht fatale Konsequenzen.

Der dänische Regisseur Thomas Vinterberg („Das Fest“, „Die Jagd“) greift in seinem zwölften Spielfilm eine vom norwegischen Philosophen und Psychiater Finn Skårderud formulierte These auf, die weltweit für Schlagzeilen sorgte. Skårderud behauptete vor rund 20 Jahren, dass wir Menschen mit 0,5 Promille zu wenig auf die Welt kommen – und uns genau dieser Wert ausgeglichener und zufriedener machen würde. Für „Der Rausch“ sicherte sich Vinterberg erneut die Dienste seines Stamm-Hauptdarstellers Mads Mikkelsen. Seine Uraufführung erlebte der Film auf dem Toronto-Filmfest im Herbst 2020.

Vinterberg und sein Co-Drehbuchautor Tobias Lindholm hatten ursprünglich geplant, mit ihrem Film eine Ode an die berauschende Wirkung des Alkohols zu drehen. Am Schluss entschieden sie sich aber dann doch für eine reflektierte, die guten wie schlechten Seiten der Droge Alkohol berücksichtigende Herangehensweise. Doch in der ersten Hälfte dominieren zunächst einmal die mit dem beginnenden Experiment der vier desillusionierten Charaktere einhergehenden positiven Effekte.

Die Figuren erleben einen ganz neuen Alltag, ein von Grund auf anderes, lebensbejahendes Gefühl, das die gängigen Sorgen und Nöte vertreibt. Und sich gleichfalls leistungssteigernd auswirkt. Ob in der Schule und der Arbeit mit der Klasse, ob auf dem Fußballplatz oder im Bett mit der Ehefrau: Durch den Alkohol blühen die zuvor von ihrem ereignislosen Leben gelangweilten Männer auf und sie genießen die entspannende, aufmunternde Wirkung der Wein- und Sekt-Getränke, Spirituosen und schließlich des ganz harten Stoffs.

Doch sobald dieser „harter Stoff“, etwa in Form hochprozentiger Cocktails, Einzug hält, dreht sich die Stimmung. Und „Der Rausch“ präsentiert schonungslos und radikal die negativen Folgen des Rausch- und Suchtmittels. Allerdings immer mit einer Prise Ironie und schwarzen Humors. Und: Tragikomik. Wenn totgeschwiegener Frust und verdrängte Ängste, die man viel zu lange in sich hineingefressen hat, ebenso an die Oberfläche gelangen wie unverarbeitete Krisen, dann erweist sich der Alkohol als Katalysator.

Wendungsreich und raffiniert navigiert Vinterberg seinen großartigen Cast durch dieses unalltägliche und betont schlicht gefilmten Werk. Eine Produktion, die auch vor der großen Tragik nicht Halt macht (einer der Protagonisten wird alkoholkrank). Denn auch die gehört zum Leben dazu. Das Finale aber verfügt ebenso über eine derart rührende, hingebungsvolle Szene, dass einen Vinterberg mit einem angenehmen Grundgefühl und Lächeln auf den Lippen aus dem Film entlässt.

Fazit: Wendungsreiche, fesselnd gespielte Tragikomödie, die ein direktes und unverfälschtes Bild von den guten wie schlechten Eigenschaften der Volksdroge Alkohol vermittelt.

Bewertung: 8/10

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.

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