Wer wir waren Kritik

Wer wir waren Kritik

Wie würden andere, künftige Generationen unsere Gegenwart betrachten und bewerten? Wie würde man auf unseren Planeten und seinen Zustand blicken? Wenn wir, so wie wir hier im Jahre 2021 leben, schon längst nicht mehr da sind. Nur zwei der Kernfragen, die Regisseur Marc Bauder mit seinem Dokumentarfilm zu beantworten versucht. Dafür begleitete er sechs Protagonisten, die die Welt und das Leben an sich aus unterschiedlichsten Perspektiven betrachten: den Astronaut Alexander Gerst, die Ozeanologin Sylvia Earle, Wirtschaftswissenschaftler Dennis Snower, die Roboterethikerin Janina Loh, Matthieu Ricard, ein buddhistischer Mönch, und den Autor Felwine Sarr. Sie begeben sich mit Bauder auf eine die Gesellschaft und die gesamte Menschheit mit einbeziehende Antwortsuche.

„Wer wir waren“ nimmt direkt Bezug auf das letzte, posthum erschienene Werk des Intellektuellen Roger Willemsen, der 2016 an Krebs verstarb. Aus seinem Essay-Band „Wer wir waren“ sollte eigentlich ein Buch werden, doch so weit kam es nicht mehr. Marc Bauder verknüpft Willemsens Überlegungen mit dem Porträt der sechs visionären Persönlichkeiten. Der gebürtige Stuttgarter ist vor allem auf Dokus und TV-Reportagen spezialisiert, inszenierte mit Filmen wie „Das System“ (2016) aber auch bereits fiktionale Werke.

Willemsens Essay beinhaltet komplexe, tiefgründige Betrachtungen und Ansichten, die vielfältige Themen zum Inhalt haben aber dennoch auf das große Ganze, das verbindende Element, abzielen. Und es besteht aus anspruchsvollen, verschachtelten Sätzen wie:

„Wir leben als die neuen Menschen mitten in einer Multiplikation der Aufmerksamkeitsherde. […] Wir wissen es, wir horten eine Art schlechtes Gewissen angesichts unserer Flüchtigkeit und kultivieren sie weiter, die flache Aufmerksamkeit, die jedes Detail darin weniger prägnant, auch weniger beeindruckend erscheinen lässt.“

Diese (zum Teil sehr kryptischen) Aussagen Willemsens in filmische Bilder zu übersetzen ist quasi unmöglich, weshalb Bauder gut daran tut, sich den Auffassungen und Fragestellungen der Essays in Form einer Doku mit einfacher, stringenter Dramaturgie anzunähern. Die Unterschiedlichkeit der Porträtierten sowie deren berufliche Tätigkeiten sind spannend und mannigfaltig. Die geäußerten Gedanken der Gesprächspartner eröffnen tatsächlich lehrreiche, ungeahnte Sichtweisen auf das Mensch sein, die Umwelt – und die mysteriösen, wenig erforschten Orte unserer Welt. Dazu zählen die unendlichen Weiten des Alls, die Astronaut Alex Gerst repräsentiert sowie die geheimnisvollen Tiefen der Meere, über die Meeresbiologin Earle berichtet. Die Botschaft ist klar: Die Geheimnisse und Schönheiten unseres Planeten reichen von ganz unten bis ganz oben, vom Meeresboden bis ins Weltall.

„Wer wir waren“ präsentiert zudem edle Hochglanzbilder und erlesene Aufnahmen von exotischen Orten sowie gestochen scharfe Impressionen von den entlegensten Punkten unserer Biosphäre. Er lässt jedoch die Frage offen, wie wir all die angesprochenen Ziele und Forderungen – von der „Menschengemeinschaft“ bis zum „globalen Uns“ – erreichen sollen. An dieser Stelle bleiben Film und Interviewte zu vage und ungenau. Zwar ist die Themenvielalt üppig (Armut, Ausbeutung, Digitalisierung, KI, Robotik, Kolonialisierung), doch an zu vielen Stellen bleiben die Wissenschaftler echte Erklärungsansätze und mögliche, realistische Umsetzungsmaßnahmen schuldig. Und langweilen stattdessen mit floskelhaften Botschaften oder an Poesiealben erinnernde, inhaltsleere und pathetische Formulierungen („Wahre Freiheit besteht darin, das Ruder in die Hand zu nehmen“).

Fazit: Die spirituell angehauchte, poetisch-reflexive Welterklärung bleibt zu oft viel zu oberflächlich und spekulativ. Immerhin überzeugen die bildgewaltigen Aufnahmen und die Vielseitigkeit der ausgewählten Wissenschaftler.

Bewertung: 5/10

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