May, die dritte Frau Kritik

May, die dritte Frau Kritik

Vietnam im 19.Jahrhundert: May (Nguyen Phuong Tra My), 14 Jahre alt, befindet sich auf einer Flussreise in einem Boot, um einen Mann zu ehelichen, den sie nicht kennt. So wie es für Frauen ihrer Heimat damals ist. Es handelt sich dabei um einen angesehenen Gutsherrn (Le Vu Long): ein ebenso herrischer wie wohlhabender Besitzer einer Seidenplantage. May soll seine dritte Frau werden, nach Lao (Nhu Quynh Nguyen) und Xuan (Maya Thu Huong). Auf dem Hof wird sie zunächst respektvoll aufgenommen und die beiden anderen Frauen weisen sie in das dortige Leben mit allen Regeln und Ritualen ein. Doch May muss bald lernen, dass nur jene Frau die Anerkennung des Plantagenbesitzers erhält, die ihm einen Sohn schenkt. Überhaupt ist May nun Teil eines Mikrokosmos im ländlich geprägten Vietnam, in dem Frauen wenig zählen. Als bei ihr verbotene Gefühle entstehen, droht eine Katastrophe.

Für Regisseurin und Drehbuchautorin Ash Mayfair war es wichtig, eine rein weibliche Sicht auf die Thematik zu zeigen. Aus diesem Grund besetzte sie ihre komplette Crew hinter der Kamera fast ausschließlich mit weiblichen Mitarbeitern. Von der Cutterin über die Kamerafrau bis zur Kostümbildnerin. Ihre Hauptdarstellerin Tra My fand sie unter 900 jungen Frauen, die sich auf die Rolle der May bewarben.

Mayfair ließ sich für ihren Mix aus Coming-of-Age, Historienfilm und Drama von der eigenen Familiengeschichte beeinflussen. Denn ihrer Großmutter und Urgroßmutter erging es wie May im Film. Sie wuchsen inmitten starrer, patriarchaler Strukturen in stark ländlich geprägten Regionen des südostasiatischen Landes auf. Zu einer Zeit, als die gesellschaftliche Rollenverteilung klar war. Der Mann hatte das Sagen und alle Rechte inne, die Frau hatte ihm untertan und sexuell stets zu Diensten zu sein.

Die gesellschaftliche Position der Frau zur damaligen Zeit lotet Mayfair mit viel Empathie für ihre Figuren und in Form einer ruhigen, fast behäbigen Erzählweise aus. Auf Emotionalitäten oder Sentimentalitäten verzichtet sie. Denn es soll kein Mitleid beim Zuschauer entstehen, vielmehr positioniert und zeigt Mayfair ihre weibliche Hauptfigur als insgeheim ungemein willensstarken, selbstbewussten eigenständigen Menschen, der weiß was er will. Und wen er will.

Diese Selbstsicherheit und jener Stolz manifestieren sich in der aufkeimenden Sexualität Mays, die sich allmählich in Xuan verliebt. Doch natürlich ist lesbische Liebe im Vietnam jener Tage ein absolutes Tabu („Die Götter werden uns bestrafen“). Wichtig und mutig, dass Mayfair auch diesen Aspekt thematisiert. Im selben Moment aber widmet sie sich in betörend schönen, erlesen gefilmten Bildern der Schönheit und Sinnlichkeit ihrer Frauenfiguren. Bei ihr dürfen sie sich ihren Sehnsüchten und der Entdeckung ihres Körpers hingeben – auch wenn vieles davon im Verborgenen stattfinden muss.

Darüber hinaus zeichnet sie ein authentisches, realitätsnahes Bild vom Alltag und Treiben auf einer vietnamesischen Plantage des 19. Jahrhunderts. Mit Liebe zum (Ausstattungs-)Detail und Akkuratesse präsentiert sie ein Leben inmitten alter Traditionen, altüberlieferter vietnamesischer Kultur und friedvoller, erhabener Natur. Und das alles unterlegt mit wahlweise hypnotisch anmutender, sanfter Hintergrundmusik oder meditativer Tier- und Naturgeräusche.

Fazit: Der atmosphärisch feinsinnige, toll besetzte Film „Die dritte Frau“ taucht tief ein in die Traditionen und Kultur Vietnams des 19. Jahrhunderts. Er legt dabei schonungslos und dennoch angenehm unsentimental die Unterdrückung und Unfreiheit der Frau zur damaligen Zeit offen.

Bewertung: 8,5/10

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.

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