Schlaf Kritik

Marlene (Sandra Hüller) lebt mit ihrer Tochter Mona (Gro Swantje Kohlhof) in Hamburg und leidet unter wiederkehrenden Alpträumen. Der Ort der düsteren Träume ist ein Waldhotel, das sie eines Tages in einer Zeitschriftenannonce wiederzuerkennen glaubt. Ohne lange zu überlegen fährt sie nach Stainbach, einem unscheinbaren kleinen Dorf, in dem sich das Hotel Sonnenhügel befindet – das Hotel aus ihren Träumen. Vor Ort erkennt Marlene, dass ihre quälenden Träume in direktem Zusammenhang zu drei Suiziden stehen, die einst in dem Hotel passiert sind. Kurz darauf fällt Marlene in eine Art komatösen Zustand und wird in die Psychiatrie eingewiesen. Daraufhin reist Mona nach Stainbach, um den unheimlichen Vorgängen auf den Grund zu gehen. Der Beginn eines lebensbedrohlichen Horrortrips.

Seit ihrem überragenden Auftritt in der Komödie „Toni Erdmann“ vor vier Jahren zählt Sandra Hüller zu den gefragtesten deutschsprachigen Schauspielerinnen. So spielte sie in den letzten Jahren in von der Kritik frenetisch bejubelten Arthouse-Filmen (u.a. „In den Gängen“), drehte im letzten Jahr den internationalen Weltraumfilm „Proxima“ (zusammen mit Eva Green) und wird 2020 neben „Schlaf“ mit „Exil“ noch in mindestens einem weiteren Film im Kino zu sehen sein. „Schlaf“ ist das Langfilm-Debüt von Autor, Editor und Filmemacher Michael Venus, der in den frühen 10er-Jahren einige Kurzfilme realisierte.

Mit seinem Team begab sich der 44-jährige in den Oberharz, und zwar in die niedersächsische 15.000-Seelen-Gemeinde Clausthal-Zellerfeld. Eine idyllisch anmutende und von reichlich Wald umschlossene Fachwerkkleinstadt, die geprägt ist von engen Gassen und verwinkelten Straßenzügen – und den idealen Schauplatz für „Schlaf“ darstellt. Der abgeschiedene Handlungsort von Venus‘ Film, der ungemein schnell zur Sache kommt und wenig Vorlauf benötigt (schon nach zehn Minuten befindet sich Marlene im Hotel), trägt zu großen Teilen zur bedrückenden, unheilvollen Stimmung bei. Hinzu kommt das geschickte Spiel mit tierischer Symbolik, das den Zuschauer grübeln lässt und interessante Fragen aufwirft. Und: die Vielzahl an undurchsichtigen Figuren, deren wahre Absichten lange im Dunkeln bleiben.

Da sind der patriarchalisch auftretende und sich einer martialischen Sprache bedienende Hotelbesitzer Otto (grobschlächtig und abgründig: August Schmölzer), seine distanzierte Frau Lore, ihr sich von Beginn an seltsam verhaltender Sohn oder auch die kecke Hotelangestellte Franzi, die mehr zu wissen scheint als sie zugibt. Sie sorgt mit ihren derben Sprüchen für die wenigen richtig witzigen Augenblicke im Film. Abgesehen davon aber bestimmen Andeutungen und Verweise, rätselhafte Traum-im-Traum-Sequenzen, überraschende Schockmomente und ein immer weiter voranschreitendes Verschwimmen von Realität und Einbildung das Geschehen. In all diesen Szenen erweist sich „Schlaf“ als stilsicher inszenierter, wirkungsvoller psychologischer Mystery-Thriller mit Horror-Touch.

Das große Problem ist, dass der Film mit voranschreitender Spieldauer und gerade in den letzten zwanzig Minuten immer konfuser und verworrener wird. Es wird zur großen Herausforderung, den Überblick zu behalten. Zudem entsteht aufgrund der Vielzahl an immer neuen Enthüllungen sowie auftretenden Personen (etwa eine sonderbare blasse Frau, die ein Schlüssel zu Marlenes Vergangenheit darstellt) beim Betrachten vor allem eines: zunehmende Verwirrung. Ein paar sehr billige, trashig wirkende Effekte (Stichwort: Feuer) hätte man sich zudem sparen können. Und ein großer Verlust ist es, dass die famose Sandra Hüller nach ihrer Einweisung in die Klinik, etwa nach rund 30 Minuten, für den weiteren Film kaum mehr eine Rolle spielt und dementsprechend nur noch selten zu sehen ist.

Fazit: Stimmungsvoller, vor finsterer Kulisse angesiedelter Mystery-Thriller über nicht bewältigte Traumata und die Ausweglosigkeit der Verdrängung, dem im letzten Drittel die Luft ausgeht und der sich in einem fahrig-chaotischen Handlungsverlauf verstrickt.

Bewertung: 5/10

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.

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