Sag du es mir Kritik

Moni (Christina Große) und ihre Schwester Silke (Gisa Flake) haben kein einfaches Verhältnis. Zu unterschiedlich sind ihre Ansichten, zu verschieden ihre Lebenswege. Doch jetzt muss Moni ihrer Schwester beistehen. Diese wurde von einem Fremden von einer Brücke gestoßen und hat (sogar nur leicht verletzt) überlebt. Da die Polizei davon ausgeht, dass ein Betrunkener Silke gestoßen hat, muss Moni selber aktiv werden: Sie will den Täter auf eigene Faust finden. Und wird tatsächlich fündig. Es handelt sich bei dem Täter um den Polizisten René (Marc-Benjamin Puch), der eigentlich ein stabiles, zufriedenes Leben geführt hat. Bis zu dem Tag, als er Silke – ohne Grund und völlig unvermittelt – von der Havelbrücke geschupst hat. René hat keine Erklärung für die Tat und will mit Silke in Kontakt treten.

Nach vier Kurzfilmen realisierte der Kölner Michael Fetter Nathansky mit „Sag du es mir“ seinen ersten abendfüllenden Spielfilm. Seine erste (Kurz-) Doku drehte er 2014 im Alter von 20 Jahren. Der Film fand damals Eingang ins Programm des DOK Filmfests Leipzig. Nathansky, der an der Filmhochschule Babelsberg Regie studiert, drehte „Sag du es mir“ an Originalschauplätzen in der brandenburgischen Hauptstadt Potsdam.

Erstaunlich stil-und inszenierungssicher geht Kino-Debütant Nathansky in seinem zu weiten Teilen mit Handkamera umgesetzten Mix aus Krimi, Drama und Großstadt-Ballade zu Werke. Die Story an sich scheint zunächst alles andere als besonders spannend oder tiefgründig zu sein. Doch was Nathansky daraus macht und wie er gängige Sehgewohnheiten unterläuft, ist aller Ehren wert.

Am meisten profitiert „Sag du es mir“ von seiner episodenartigen, komplexen Erzählweise, in der die Geschehnisse aus drei Perspektiven geschildert werden: Einmal aus der Sicht von Moni, dann aus Sicht von René und schließlich aus dem Blickwinkel Silkes. So entstehen ein ungeheurer Sogmoment und eine fiebrige Spannung, derer man sich kaum entziehen kann. Denn sicher kann man sich lange nicht sein: Wie kam es tatsächlich zu dem Vorfall? Wer erinnert sich falsch? Lügt möglicherweise jemand ganz bewusst? Gibt es vielleicht gar nicht die eine Wahrheit?

Geschickt spielt der Film an dieser Stelle mit der Subjektivität von Erinnerung und Erfahrung. Darüber hinaus liefert er ein Figurenkabinett, mit dem die Identifikation leicht fällt. Moni, René, Silke. Sie alle sind orientierungslose Großstädter Mitte bis Ende 30, auf der Suche nach sich selbst. Ihre Probleme und Alltagsnöte kennt man aus dem eigenen Leben: Unausgesprochenes mit den lieben Verwandten, Beziehungsstress, emotionale Altlasten, der Frust über den immer gleichen Tagesablauf. All diese Inhalte und Themen arbeitet der Film sorgsam und feinfühlig heraus.

Schade ist, dass „Sag du es mir“ einige Nebenhandlungen in den Raum wirft, ohne diese abschließend zu verfolgen und ihnen die nötige Relevanz zuzugestehen. Etwa ein Selbstmord im Kollegenkreis sowie eine Entführung. Auf die Darstellung der Ursachen bzw. die Präsentation zufriedenstellender (Auf)Lösungen verzichtet Nathansky leider.

Fazit: Unkonventionelles, couragiertes Regiedebüt mit einer ungewöhnlichen Erzählweise und einer besonnenen Art der Inszenierung.

Bewertung: 7/10

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.

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