Enfant Terrible Kritik

Rainer Werner Fassbinder (Oliver Masucci) ist der wohl wichtigste deutsche Filmemacher der Nachkriegszeit. Und dass, obwohl er bereits kurz nach seinem 37. Geburtstag verstarb.  Zu verdanken hat er dies einer bis heute unerreichten Schaffenskraft und Kreativität: In nur 13 Jahre als Regisseur inszenierte er rund 40 Spielfilme und mehrere TV-Serien. Der perfektionistische, arbeitswütige und ruhelose Fassbinder lebte ein Leben am Limit: Wenig Schlaf, Alkohol, Drogen, unzählige parallel realisierte Filmprojekte, wechselnde Liebschaften mit Männern und Frauen. Nach seiner Zeit am Theater in den späten 60er-Jahren, entwickelte er sich spätestens ab den mittleren 70ern zum führenden deutschen Autorenfilmer. Seine Klassiker „Effi Briest“, „Angst essen Seele auf“, „Berlin Alexanderplatz“ oder auch „Lili Marleen“ gehören heute zu den wichtigsten Arbeiten des Neuen Deutschen Films.

Ursprünglich war geplant, dass „Enfant Terrible“ in Cannes seine Weltpremiere feiert, aufgrund von Corona fiel das renommierte Festival in diesem Jahr allerdings aus. Regisseur Oskar Roehler bringt „Entfant Terrible“ dennoch pünktlich im Jahr des 75. Geburtstags Fassbinders in die deutschen Kinos. Er feierte 2000 mit dem Schwarz-Weiß-Drama „Die Unberührbare“ seinen Durchbruch. Seither inszenierte er unterschiedliche Genres wie Biografien („Jud Süß“), Komödien („Lulu und Jimi“) und Romanzen („Der alte Affe Angst“).

Kaum einen besseren Darsteller als Oliver Masucci  („Er ist wieder da“) hätte Roehler, der schon öfter mit seinem Hauptdarsteller zusammenarbeitete, finden können. Masucci ist zwar 15 bis 25 Jahre älter als der im Film dargestellte Fassbinder (je nachdem von welcher Lebensphase „Entfant Terrible“ gerade erzählt), dennoch gelingt es ihm problemlos, den manischen, launischen Künstler glaubhaft zu verkörpern. Mit fettigen Haaren, Buckel, Plauze und Kippe im Mund spielt er mit vollem Körpereinsatz einen Mann, der seine Kollegen und Mitstreiter (der berühmte „Fassbinder-Clan“) drangsalieren und erniedrigte konnte. Oder ihnen seine unabdingbare Zuneigung und Bewunderung zukommen ließ.

Wie etwa den großen, entscheidenden Beziehungen in seinem Leben, die „Entfant Terrible“ ausführlich beschreibt und durchleuchtet. Darunter jene mit dem Marrokaner El Hedi ben Salem, Fassbinders Lebensliebe. Die beiden waren zwei Jahre zusammen und Fassbinder besetzte den hünenhaften, charismatischen Salem in einigen seiner Filme. Oder Achim Meier, ein Wirt in Fassbinder Stamm-Lokal „Deutsche Eiche“. Von 1974 bis 1978 lebten die Beiden in einer Beziehung. Nach der Trennung durch Fassbinder nahm sich Meier das Leben. Bis zuletzt kam Fassbinder über diese Tragödie nicht hinweg. Auch dieses Ereignis schildert der insgesamt fast 135 Minuten lange Film nachdrücklich sowie geduldig.

Ebenso agieren die übrigen Darsteller einfühlsam, besonnen und unter großem spielerischem Einsatz. Sie spielen all jene zentralen Freunde, Affären, Wegbegleiter und Künstlerkollegen aus Fassbinders engstem Umfeld und Kreis. Darunter: Eva Mattes als Brigitte Mira, Frida Hamann als Fassbinders Muse Hanna Schygulla , Hary Prinz als Kurt Raab (Prinz‘ Gestus und Ähnlichkeit mit Raab sind beeindruckend) oder Jochen Schropp als Armin Meier.

Roehler entscheidet sich zudem für ein ganz und gar minimalistisches, bewusst künstlich und reduziert gehaltenes Set-Design und zum Teil nur angedeutete, aufgemalte Kulissen, Requisiten sowie Häuserfassaden. Dies erscheint zu Beginn etwas unkonventionell und man muss sich an dieses Theaterhafte und theatralische Element erst gewöhnen. Doch letztlich verdeutlicht Roehler damit auch die Bedeutung von Theater und unmittelbarem Schauspiel für Fassbinder, dessen Arbeitsweise immer stark vom Theater beeinflusst war: schnell, unverstellt, authentisch und körperlich.

Fazit: Mutiges, clever inszeniertes und herausragend gespieltes Biopic über den unermüdlichsten, produktivsten aller deutschen Filmemacher, das alle wichtigen filmischen Arbeiten Fassbinders ab den 70er-Jahren bis zu seinem frühen Tod berücksichtigt und gleichsam den (privaten wie beruflichen) Beziehungen die erforderliche Beachtung schenkt.

Bewertung: 10/10

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.

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