Tenet Kritik

Nach einem lebensgefährlichen Terror-Einsatz in der Kiewer Oper wird einem namenlosen Geheimdienstagenten (John David Washington) offenbart, dass er Teil eines Tests war – den er bestanden hat. Künftig soll er mit seinem Kollegen Neil (Robert Pattinson) an einer streng geheimen Operation arbeiten, die nichts weniger zum Ziel hat als den Dritten Weltkrieg zu verhindern. Als einzigen Hinweis erhält er eine seltsame Wortschöpfung (Tenet) sowie eine Einweisung in die Welt der Inversion. Der Zeitumkehrung. Diese macht sich der schwerreiche Oligarch Sator (Kenneth Branagh) zu Nutze, um Personen und Gegenstände durch die Zeit zu schicken. Sein Ziel: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu seinen Gunsten zu verändern. Gelingt es, den mächtigen Gegenspieler rechtzeitig auszuschalten?

Regisseur Christopher Nolan ist bekannt für seine komplexen Stoffe und verschachtelten Erzählweisen, die gewohnten Sehgewohnheiten widersprechen. In seinem Meisterwerk „Interstellar“ befasste er sich mit Quantenphysik und Gravitation, in „Inception“ ging es um Bewusstseinserweiterung sowie die Vermengung von Traum und Wirklichkeit. „Tenet“, der ab Frühjahr 2019 in sieben Ländern gedreht wurde, behandelt in erster Linie den Themenkomplex Zeitparadoxien. Die Kosten für Nolans Mix aus Thriller, psychologischem Drama, Sci-Fi und Spionage-Action beliefen sich auf rund 225 Millionen Dollar.

Wie es für Nolan typisch ist, geht es auch in „Tenet“ alles andere als geradlinig und stringent zu. Spätestens wenn die Zahl der Zeitreisen ab Mitte des insgesamt fast 150 Minuten langen, epischen Films zunimmt, ist vom Kinobesucher Aufmerksamkeit gefragt. Bis es aber soweit ist, hat dieser bereits eine einstündige wilde, mitreißende und optisch phänomenale Filmerfahrung hinter sich. Das liegt vor allem an zwei Aspekten. Zum einen bedient sich der visionäre Filmemacher nie zuvor gesehener Techniken und Bilder, um die Inversion, also die Zeitreisen, visuell darzustellen.

Dies zeigt sich nicht zuletzt in den ungemein dringlichen, körperlich intensiven Kampfszenen, in denen die Zeitebenen häufig ganz unmittelbar aufeinandertreffen: Etwa wenn sich der „gegenwärtige“ Protagonist (Washington) mit einem invertierten, also rückwärts durch die Zeit bewegten, Gegenspieler einen – herausragend choreografierten – Nahkampf liefert. Ihren Höhepunkt erfährt diese Verschmelzung der Zeiten in einer wagemutigen, beeindruckenden Verfolgungsjagd auf der Autobahn, die zweifelsfrei zu den Action-Höhepunkte zählt.

Der zweite Grund: Die Darsteller passen hervorragend in ihre Rollen. Sie alle agieren äußerst glaubhaft und setzen auf psychologischen Feinsinn sowie Tiefgründigkeit. Vor allem Pattinson als (zu Beginn) undurchsichtiger, charismatischer Agentenkollege sowie Branagh als zu allem fähiger, Besitz ergreifender Psychopath. Dass die Drehbuchautoren bei den Motivationen für deren Handlungen leider zu sehr auf abgenutzte Klischees und Allgemeinplätze setzen – dafür können die Schauspieler nichts. So ist etwa der Grund, wieso Sato die Welt in den Abgrund stürzen will, viel zu schwach und unmotiviert.

Im letzten Drittel stellen sich dann leider auch Verwirrung und Konfusion ein. Gerade in den finalen 25 Minuten, wenn Nolan mehrere Dutzend Agenten, Elitesoldaten und Bösewichte gleichzeitig durch die verschiedenen Zeiten schickt. Auf der Leinwand entsteht ein schwindelerregendes Chaos, ein undurchsichtiges, wirres Durcheinander an sich vor- und rückwärts bewegenden Menschen, Fahrzeugen und Gegenständen, bei dem man irgendwann völlig den Überblick verliert.

Fazit: Kurze Verschiebungen, psychologische Andeutungen und hintersinnige Paradoxien treffen auf eine kraftvolle Bildsprache, bahnbrechende Kampfszenen und eine wuchtige Inszenierung. Demgegenüber stehen jedoch ein undurchdringliches, hemmungslos chaotisches Durcheinander der Handlungs- und Zeitebene im letzten Drittel sowie schwach gezeichnete Figuren. So wird Nolans „Tenet“ nicht zum erhoffen Meisterwerk, aber doch immerhin zu einem sehr guten, optisch und technisch starken Spionage-Sci-Fi-Mix.

Bewertung: 7,5 / 10

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.

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