Fatso – und wovon träumst du?

Fatso – und wovon träumst du?Teenie-Komödien zählen zu den sichersten Blockbustern, sind sie doch günstig zu produzieren und lassen sich beliebig in Serie produzieren. Die wohl erfolgreichste dieser Serien stellt „American Pie“ dar, die mittlerweile bei Teil 7 (!) angelangt ist. Im Fahrwasser dieses Erfolges entstanden Myriaden an ähnlich derben, meist nicht annähernd so witzigen Komödien. Selbst das nicht gerade als Filmland bekannte Norwegen schickte 2008 eine von „American Pie“ inspirierte Komödie ins Rennen. „Fatso – und wovon träumst du?“ war im Land der Fjorde ein Riesenhit und schickt sich mit der Veröffentlichung auf DVD an, auch Resteuropa zu erobern.

Ob der Streifen tatsächlich etwas taugt oder eher für Nachtmahre sorgt, erfahrt ihr in nachfolgender, verträumter Kritik.

The (sexy) Girl Next Door
Von Rino (Nils Jørgen Kaalstad) träumt wohl keine Frau. Der Mittzwanziger ist dick, trägt eine Krankenkassenbrille und sein Haar fettig, bringt in Gegenwart attraktiver Frauen kaum einen geraden Satz auf die Reihe und verdingt sich sein karges Einkommen mit dem Übersetzen von Gebrauchsanleitungen ins Norwegische. Kurzum: Er ist ein Loser, wie er im Buche steht. Trost spenden ihm lediglich die Gegenwart seines sarkastischen Kumpels Fillip (Kyrre Hellum) sowie eine umfangreiche Pornosammlung. Entspannung findet er einzig beim Zeichnen obszöner Comics, in denen er seiner Verzweiflung, ohnmächtiger Wut und Einsamkeit freien Lauf lässt.

Ausgerechnet sein eigener Vater stellt eines Tages Rinos Leben völlig auf den Kopf, indem er ein Zimmer an die hübsche Malin (Josefin Ljungman) vermietet. Die neue Mitbewohnerin schlägt wie ein Blitz in Rinos Herz ein, denn sie ist nicht nur bildschön, sondern zudem sexuell völlig unverklemmt. Leider hat sie bereits einen Freund, der sie jeden Abend im Nebenzimmer lautstark beglückt. Doch davon lässt sich der geborene Junggeselle nicht beirren: Zahlreiche ungeschickte Annäherungsversuche später scheint er tatsächlich eine Chance bei Malin zu haben …

Bittere Komödie: „Fatso – und wovon träumst du?“
Der Film basiert zwar auf dem kontroversiell rezipierten Roman „Fatso“ von Lars Ramslie, wobei der Titel bereits Programm ist: „Fatso“ ist eine verächtliche Bezeichnung für stark übergewichtige Leute. Doch obwohl Rinos Körperfülle klarerweise eine gewichtige – dieser unvermeidliche Kalauer sei dem Schreiber verziehen – Rolle spielt, ist sie nicht der einzige Grund für das Außenseiterdasein des Protagonisten. Tatsächlich hindern vielmehr die Defizite im sozialen Bereich Rino daran, bei Frauen bzw. Menschen im Allgemeinen Anklang zu finden. Seine Begeisterung für Pornos, die für einige peinliche Situationen sorgt, resultiert aus seinem Unvermögen, eine echte Beziehung mit dem anderen Geschlecht aufzubauen.

Dadurch gerät er in einen verhängnisvollen Kreislauf, der ihn wie ein Strudel nach unten zieht: Je mehr Frust er entwickelt, desto mehr kapselt er sich von seiner Umwelt ab und greift auf Ersatzbefriedigungen zurück, was ihn wiederum als ekelhaften Perversling erscheinen lässt und zu noch tieferen Verletzungen und somit Frust führt.

Referenz an „American Pie“
Trotz des für eine derbe Komödie ungewohnt ernsthaften Plots kommt der Humor nicht zu kurz. Bereits in den ersten Filmminuten darf der geneigte Zuschauer mehrere Male herzhaft über Rinos Ungeschicklichkeit lachen. In einer deutlichen Referenz an „American Pie“ zweckentfremdet der schüchterne Außenseiter eine Honigmelone, was nicht unbemerkt bleibt.

Auch wenn ein solcher Streifen natürlich nicht unbedingt dem Realismus verpflichtet ist, taucht „Fatso – und wovon träumst du?“ sehr tief ins Seelenleben des Anti-Helden ein. Anstatt den einfachen Weg zu wählen und zu zeigen, wie Rino öffentlich vorgeführt wird, entscheidet sich Regisseur Arild Fröhlich für ein ungleich subtileres, gleichwohl schmerzhafteres Stilmittel, nämlich die Animation von Rinos mit Tusche gezeichneten Cartoons. In diesen wird die Welt zwar bizarr, dennoch klar nachvollziehbar verfremdet. Mittels der Bildersprache gelingt die unmittelbare Kommunikation mit dem Zuschauer, der unmissverständlich des Protagonisten Schmerz begreifen kann.

Happyend ist was für Weicheier!
Der Film ist äußerst konsequent inszeniert und gaukelt dem Rezipienten keine Sekunde lang vor, Rino könnte sich wie in einem typischen Hollywood-Rührstück über Nacht von einem belächelten Außenseiter zum tollen Hengst wandeln, dem die Frauen zu Füßen liegen. Von Anfang an lässt der Film keine Hoffnung auf ein wundersames Happyend aufkommen. Stattdessen zementiert er den Status des Protagonisten als „Loser“, ohne ihn vorzuführen oder zu glorifizieren. Rino ist nun einmal so, wie er ist. Dies wird insbesondere in seiner Beziehung zu Malin deutlich. Dass diese ihn lediglich emotional ausnutzt ist keine große Überraschung. Allerdings liegt auch Rino wenig an Malins Persönlichkeit, da er in ihr kaum mehr als einen begehrenswert schönen Frauenkörper und somit die Fleischwerdung seiner Pornofilme sieht.

Wer angesichts dessen ein zähes Sozialdrama befürchtet sei ausdrücklich beruhigt: Berührend ungeschönten Momenten folgen unweigerlich Fettnäpfchen, in die Rino zielsicher tappt, wobei nicht nur der Humor und die Dialoge überaus derbe sind, sondern auch freizügige Bilderwelten präsentiert werden. Leuten, denen bereits der Apfelkuchen in „American Pie“ zu schlüpfrig erschien, seien vor dem furchterregenden Anblick blanker Frauenbrüste, masturbierender Comicfiguren oder fliegender Penise gewarnt.

Die Schauspielleistungen befinden sich allesamt im Grünen Bereich, wobei Hauptdarsteller Nils Jørgen Kaalstad eine Glanzvorstellung abliefert. Obwohl er einen oftmals geradezu abstoßenden Charakter verkörpert, gelingt es ihm, Sympathie für Rino zu erwecken.

Kleinere Schwächen wie fehlende Charakterisierungen der meist auf pure Klischeefiguren reduzierten Nebenrollen oder ein etwas zu abruptes Filmende leisten dem Vergnügen keinen Abbruch. „Fatso – und wovon träumst du?“ ist beileibe keine Meisterwerk, unterhält aber eineinhalb Stunden lang auf durchwegs hohem Niveau und hinterlässt den Zuschauer das eine oder andere Male nachdenklich.

Der Schreiber dieser Zeilen träumt übrigens von Elektrischen Schafen …


Darsteller

  • Nils Jørgen Kaalstad … Rino
  • Josefin Ljungman … Malin
  • Kyrre Hellum … Fillip
  • Per Kjerstad Andersen … Magnus
  • Maren Bervell … Verkäuferin
  • Marie Gisselbæk … Nina
  • Ann Eleonora Jørgensen … Prostituierte
  • Petter Kaalstad … Rinos Vater
  • Julia Markiewicz … Nikita
  • Lisa Loven … Martine
  • Matti Herman Nyqvist … Mathias
  • Jenny Skavlan … Synnøve

Regie
Arild Fröhlich

Produktionsland, Jahr
Norwegen, 2008

Fatso – und wovon träumst du? – Trailer


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