Wir beide Kritik

Für Außenstehende sind Madeleine (Martine Chevallier) und Nina (Barbara Sukowa) lediglich unscheinbare Nachbarn, die sich gut verstehen, aber die keine tiefe Freundschaft oder ähnliches verbindet. Die Wahrheit sieht jedoch anders aus: Seit vielen Jahren führen die zwei Frauen eine geheime Liebesbeziehung und wünschen sich nichts sehnlicher, als gemeinsam ein neues Leben in Italien zu beginnen. Madeleine aber schafft es nicht, ihren Kindern zu sagen, dass sie lesbisch ist. Und so bleibt es zunächst dabei, dass ihre Liebe nur im Stillen, im Verborgenen, gelebt werden und stattfinden kann. Noch komplizierter und tragischer wird es, als Madeleine einen schweren Schlaganfall erleidet. Nun kümmern sich andere Menschen rund um die Uhr um Madeleine: die Tochter, Ärzte, eine Pflegerin. Und Nina? Die muss fortan noch härter kämpfen um zu ihrer Lebensliebe durchzudringen.

Der Italiener Filippo Meneghetti legt mit „Wir beide“ seinen Debütfilm vor. Zuvor realisierte der 38-Jährige lediglich einen Kurz- und einen Dokumentarfilm. Umso beachtlicher, dass der studierte Anthropologe gleich für sein Erstlingswerk zwei der erfolgreichsten, populärsten Charakter- und Theaterdarstellerinnen ihres jeweiligen Heimatlandes gewinnen konnte: Die Französin Martine Chevallier („Jefferson in Paris“) und die deutsche Darstellerin Barbara Sukowa, die in Klassikern wie „Lola“, „Rosa Luxemburg“ und „Homo Faber“ mitwirkte.

„Wir beide“ ist ein exakt auf seine beiden famosen, feinfühlig aufspielenden Hauptdarstellerinnen zugeschnittenes Drama, das tief berührt und mitreißt. Ein großer Reiz geht dabei von der charakterlichen Unterschiedlichkeit von Madeleine und Nina aus. Die eine (Madeleine) ist zurückhaltend, schüchtern und kann bis heute ihren Kindern gegenüber nicht offen zu ihrer Sexualität stehen. In einer eindringlichen Szene am Esstisch wird dies abermals deutlich. Nina hingegen erscheint forsch, selbstbewusst und als treibende Kraft – auch nach dem Schlaganafall, wenn auch nicht sofort.

Sind Chevallier und Sukowa gemeinsam in zu sehen, wenn sie sich ganz ihrer Liebe hingeben und die wenigen unbeobachteten Augenblicke der Zweisamkeit in der Wohnung genießen können, dann sind dies die emotional gewichtigsten, nachdrücklichsten (Stichwort: Tanz) Momente des Films. Beide Hauptdarstellerinnen, Sukowa und Chevallier, agieren jederzeit präzise, hingebungsvoll und verleihen ihren Figuren eine unvergleichliche Präsenz.

Regelrecht zum Thriller verkommt „Wir beide“ stellenweise, wenn Regisseur Meneghetti Nina bei ihren Versuchen beobachtet, unbemerkt und heimlich zu Madeleine in die Wohnung zu kommen. Oder bei ihren harschen Bemühungen, ihrer großen Liebe nah zu sein – auf welche Art auch immer. Und sei es nur eine flüchtige Berührung, ein Streicheln über die Schulter, ein Kuss auf die Wange.

Gerade sobald in Madeleines Wohnung die Pflegerin und Angehörigen (zum Beispiel die etwas steif wirkende Tochter) ein und aus gehen, entstehen Szenen knisternder Spannung: Merken Madeleines Kinder etwas? Kommen ihnen bestimmte Dinge verdächtig vor? Etwa die zweite Zahnbürste in Madeleines Badezimmer oder die Tatsache, dass Ninas Wohnung sehr spärlich und karg eingerichtet ist – und all die Jahre offenbar nur als (quasi leerstehende) Scheinwohnung diente? Da die Wahrheit jederzeit ans Licht kommen könnte, schwingt unterschwellig beständig ein Gefühl der subtilen Anspannung mit.

Fazit: Leidenschaftlich gespieltes, unsentimentales und mutiges Drama über unterdrückte Emotionen, die Angst vor der Wahrheit und eine große Liebe.

Bewertung: 9/10

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