The Grey Kritik

the-greyDer Mensch im Kampf gegen auf die raue, erbarmungslose Natur, die keine Rücksicht auf menschliche, existenzielle Ängste nimmt und Fehler gnadenlos betraft: ein altbekanntes Muster vieler Survival-Dramen, die einen scheinbar ungleichen (Überlebens) Kampf ins Zentrum rücken: das Duell Menschen gegen Natur. Auf eindringliche und gelungene Weise schilderten bereits Filme wie „Der Flieger“ (1985) mit Christopher Reeve, „Überleben“ (1993) mit Ethan Hawke oder auch Lee Tamahoris „Auf Messers Schneide“ (1997) mit Alec Baldwin und Anthony Hopkins dieses Szenario. Stets waren es extreme Wetterbedingungen, gefräßige Tiere oder Hunger und Kälte, die schließlich erhebliche Verluste und großes Leid über die Menschen brachten.

Aus diesem Grund erscheint der neue Film von „Hancock“-Regisseur Joe Carnahan, „The Grey“, erst einmal gar nicht so besonders und außergewöhnlich. „The Grey“ kommt zunächst als ein klassisches Survival-Abenteuer daher, das den Kampf einer Truppe von Überlebenden eines Flugzeugabsturzes in der rauen Wildnis von Alaska schildert und damit hinsichtlich Story und Grundkonstellation nicht viel Neues zu bieten hat. Aber: Eine für dieses Gerne äußerst konsequente, auf ständige Spannung und Bedrohung ausgelegte Inszenierung sowie eine unerbittliche Darstellung der „Feinde“, in diesem Fall äußerst gefräßiger Wölfe, machen „The Grey“ zu einem packenden und mitreißenden Abenteuerfilm.

In Alaska, einer der kältesten Regionen der Welt, befindet sich eine Ölbohrstation, auf der Männer arbeiten, die nicht in der Nähe anderer Menschen sein sollen und deshalb weitab jeglicher Zivilisation arbeiten: Ein Großteil der Arbeiter sind Ex-Sträflinge, Mörder und brutale Schläger. Für deren Sicherheit ist der Jäger John Ottway (Liam Neeson) verantwortlich, der die Arbeiter vor den Angriffen wilder Tiere beschützen soll. Doch die Vorgeschichte und Vergangenheit der Männer soll bald keine Rolle mehr spielen: Auf dem Rückflug in den verdienten Urlaub stürzt das Flugzeug inmitten der eiskalten Wildnis von Alaska ab. Nur acht der Männer überleben die Katastrophe. Als wären Kälte und Hunger nicht genug, sehen sie sich bald mit einer weiteren Gefahr konfrontiert: einem Rudel hungriger und extrem aggressiver Wölfe, das in seinem Revier keine Eindringlinge duldet. Auf dem beschwerlichen Weg durch Wildnis kämpfen die Männer gegen die furchterregenden Tiere, die schon bald Jagd auf die Überlebenden machen.

In kühlen, rauen und blassen Bildern schildert Regisseur Carnahan den verlustreichen Überlebenskampf der Männer in der tristen Einöde der schneebedeckten Landschaft. Schon die erste Szene des Films, ein langer Schwenk über eine verschneite, wolkenverhangene Bergkulisse, macht deutlich, welche Richtung „The Grey“ visuell vorgibt. Schon von diesen ersten Sekunden an, regiert ein endloses Grau („Grey“) die optische Szenerie und zieht sich durch den kompletten Film wie die Blutspuren durch den Schnee. Hier gebührt vor allem Kameramann Masanobu Takayanagi Respekt, der die lebensfeindliche Natur in jenen bedeckten, trüben Bildern und trostlosen Farben einfängt. Die Außenaufnahmen des Films entstanden in Smithers, einer im Norden der kanadischen Provinz British Columbia gelegenen Kleinstadt. Dass man als Zuschauer dennoch zu keiner Sekunde daran zweifelt, der Film spiele sich inmitten von Alaska ab, ist diesen eindringlichen und authentischen Bildern zu verdanken.

Eine weitere große Stärke des Films ist die allgegenwärtige Spannung, die Carnahan konsequent und stilsicher spätestens ab dem Zeitpunkt des Auftretens der Wölfe konstant aufrecht erhält. Die allgegenwärtige Bedrohung ist förmlich spürbar und geht ohne Kompromisse auf den Zuschauer über, wenn die Anwesenheit der Tiere wieder einmal nur durch weit entferntes Heulen, in der Dunkelheit aufleuchtende Augen oder den Atem im nachtschwarzen Wald deutlich wird. Die Angriffe der Wölfe geschehen unvermittelt und ohne Vorwarnung, was oftmals für erhöhten Puls sorgt. Hinzu kommt, dass viele der Attacken mit einer Handkamera gedreht wurden, was die Intensität der Angriffe durch die hektischen, fast unübersichtlichen Bilder nochmals verstärkt. Ein wenig überzogen ist jedoch die Darstellung der Wölfe als riesige, menschenfressende Untiere, die brutal und bestialisch auf Menschenjagd gehen. Hier wäre weniger mehr gewesen. Ein Verzicht auf die blutrünstige Überspitzung, hätte in der Konsequenz an dieser Stelle noch mehr Realismus und Glaubwürdigkeit erzeugt. Auch die Optik der digital erschaffenen Wölfe überzeugt nicht restlos, sie erscheinen zu gigantisch und übertrieben monströs. Deutlich wird hier das geringe Produktionsbudget des Films von nur rund 25 Millionen Dollar und dass das Team bei jenen digitalen Effekten sparte.

Dennoch: Die enormen Schauwerte des Films und die intensiven Bilder der rauen Natur machen „The Grey“ zu einem überdurchschnittlichen Survival-Abenteuer. Zudem verfügt der Film mit Liam Neeson noch über einen derart hochklassigen Hauptdarsteller, dass die wenig überzeugenden CGI-Effekte schnell vergessen sind. Neeson verleiht seinem Leitwolf in Menschengestalt, der die Führung der Truppe übernimmt und die Männer durch die Wildnis führt, eine eindringliche Verwundbarkeit. Ottway ist nicht der mächtige, übermenschliche Beschützer der Männer, der das Ableben vieler der Überlebenden verhindern kann. Im Gegenteil: der von Neeson dargestellte Jäger und Überlebenskünstler ist voller Selbstzweifel, Trauer und Unsicherheit, der ein tragisches Ereignis aus der Vergangenheit noch nicht verwunden hat. Das macht ihn menschlich und verletzbar und somit zu einem interessanten Gegenpol zu den brutalen, in ihrem Verhalten eiskalten Tieren. Noch ein Tipp zum Schluss: nach dem Abspann unbedingt sitzen bleiben. Den geduldigen Zuschauer erwartet ein echt fieses Ende.

„The Grey“ ist ein knallhartes, spannungsgeladenes Survival-Drama mit beeindruckenden, nachhaltigen Bildern von der rauen Natur und einem starken Liam Neeson. Einzig die überspitzte Darstellung der Wölfe und die digitalen Effekte vermögen nicht zu überzeugen.

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.


Darsteller:

  • Liam Neeson
  • Dermot Mulroney
  • Frank Grillo
  • James Badge Dale
  • Joe Anderson
  • Nonso Anozie
  • Dallas Roberts
  • Larissa Stadnichuk
  • Ben Bray
  • James Bitonti
  • Jonathan Bitonti

Regie:
Joe Carnahan

Erscheinungsjahr:
2012 / USA

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Ein Kommentar

  1. Tolle Kritik!
    Ich fand The Greay etwas lahm inszeniert, sicherlich hat er eine schöne düstere Grundstimmung. Doch ansonsten hat sich bei mir zwischendrinn immer wieder etwas langeweile verbreitet.

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