Lost in Face Kritik

Lost in Face Kritik

Es gibt Personen, die nicht in der Lage sind Menschen an ihren Gesichtern zu erkennen. Für viele Menschen mit Gesichtserkennungsschwäche gleicht ein menschliches Gesicht dem anderen: sie können sie nicht oder nur sehr schwer voneinander unterscheiden und nehmen statt Gesichtszüge oft nur einen grauen Schleier oder eine Art Nebel war. So wie es bei Carlotta der Fall ist, die ebenfalls unter Prosopagnosie leidet. Sie steht im Zentrum der Dokumentation „Lost in Face“ und hat ganz eigene Techniken entwickelt, um die Personen um sie herum voneinander zu unterscheiden. Der Film beobachtet die Frau in ihrem Alltag und nimmt aktuelle Erkenntnisse der Wissenschaft in den Blick.

Eine Gesichtsblindheit haben weit mehr Menschen als man gemeinhin annehmen würde: Rund ein Prozent aller Personen weltweit leiden an dem „Phänomen“ der Prosopagnosie. Sie sind nicht in der Lage, Gesichtszüge ganzheitlich zu speichern und schnell abzurufen, da die entsprechende Region im Gehirn nicht so funktioniert wie sie soll. Neurowissenschaftler und Forscher versuchen bis heute eindeutig herauszufinden, welche Gene eigentlich für die Entstehung der Schwäche verantwortlich sind. So wie Valentin Riedl, Hirnforscher an der TU München und Filmkünstler, der „Lost in Face“ inszenierte.

Zwischen dem Mediziner und seiner Protagonistin herrscht eine Zuneigung und Vertrautheit, wie man sie in Dokumentarfilmen nur selten sieht. Freimütig und voller Vertrauen öffnet sich Carlotta dem Regisseur, der, nach einigen Kurzfilmen, mit „Lost in Face“ sein Langfilmdebüt vorlegt. Ohne Scheu oder Unsicherheit berichtet die Frau, die sich seit ihrer Kindheit allein und ausgegrenzt fühlt, von und aus ihrem Leben: der Kindheit und Jugend, ihren beruflichen Stationen, den Lebensträumen (eine Weltumseglung) sowie ihren zutiefst persönlichen Wahrnehmungen und Empfindungen.

Riedl erweist sich dabei als umsichtiger, ruhiger und sensibler Begleiter und Gesprächspartner, der hin und wieder aktiv ins Geschehen eingreift oder im Bild zu sehen ist – sich die meiste Zeit aber bedeckt und im Hintergrund hält. Dann lässt er seine Hauptfigur gewähren oder ihren Tagesablauf selber mit der Kamera begleiten. Als besonders stimmungsvoll und feinfühlig erweisen sich die Ausflüge in die Natur. Dort, in der Abgeschiedenheit und abseits der Zivilisation, findet Carlotta Ablenkung und Kraft.

Das Thema der Zivilisationsflucht und das Gefühl, als Außenseiterin ein unverstandenes, abgeschottetes Dasein zu führen, ziehen sich wie ein roter Faden durch den Film. Diesen Gedanken und Inhalten begegnet man, wenn Carlotta etwa von ihren bereits in der Kindheit sehr präsenten Sehnsüchten erzählt, irgendwann einmal weit, weit weg von den Menschen leben zu wollen. Zum Beispiel im Einklang mit der Natur im Kongo oder auf einem Schiff, das den Amazonas entlangschippert. Und wenn Carlotta, die über die Kunst und Malerei einen Weg gefunden hat mit ihrer Schwäche umzugehen, von ihren filmischen Lieblingsfiguren berichtet, zeigt sich abermals, wie sehr sie sich als Einzelgängerin und Außenseiterin fühlt. Mit Außerirdischen, Aliens oder auch Darth Vader aus Star Wars fühle sie sich verbunden, sagt sie.

Untermalt wird „Lost in Face“ von sanftmütigen Klängen, die die Gefahr der Überemotionalisierung gekonnt umgehen. Für (optische) Abwechslung sorgen die animierten Sequenzen, die Carlottas Wahrnehmungen und Empfinden gekonnt und beachtenswert visualisieren.

Fazit: Der zum Teil animierte, mit atmosphärischer Musik unterlegte Dokumentarfilm „Lost in Face“ ist ein einfühlsamer, zutiefst menschlicher Film, der eine große Nähe zur porträtierten Person erzeugt.

Bewertung: 8,5 / 10

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