Anonymus Kritik

Bei Roland Emmerich denkt man normalerweise nicht an Kostüm-Dramen oder Verschwörungs-Thriller. Emmerich steht seit Beginn seiner Hollywood-Karriere in den frühen 1990er-Jahren wie kein Zweiter für Special Effects-Orgien und Popcorn-Kino für die Massen. Doch genau das – Drama und Thriller – bringt Emmerich in seinem neuesten Film „Anonymus“ nun zusammen. Zum ersten Mal seit „Der Patriot“ (2000) legt er einem seiner Filme ein Drehbuch zugrunde, das nicht aus seiner Feder stammt. Das Script zu „Anonymus“ verfasste der renommierte Autor John Orloff, der u.a. auch das Drehbuch für „Band of Brothers“ schrieb. Die Dreharbeiten für „Anonymus“ begannen im Frühjahr 2010 in den Filmstudios Babelsberg in Potsdam und die Produktionskosten beliefen sich auf knapp 30 Millionen Dollar – für einen Emmerich-Film geradezu ein Schnäppchen.

Roland Emmerich machte sich wie kaum ein anderer einen Namen als Schöpfer von regelrechten Effektspektakeln. Computeranimationen und Bildgewalt standen bei ihm stets im Zentrum der Filme, Story und Dramaturgie blieben zumeist auf der Strecke. Das brachte ihm im Laufe der Jahre immer wieder heftige Kritik ein. Den Zuschauer interessierte das stets herzlich wenig und so entwickelten sich die Emmerich-Filme zu weltweiten Kassenschlagern – allein seine 90er-Hits „Independence Day“ und „Godzilla“ spielten zusammen über eine Milliarde US-Dollar ein. Einen derartigen Erfolg wird Emmerich mit „Anonymus“ wohl nicht landen – dafür ist der komplexe Plot nicht massentauglich genug. Dennoch: „Anonymus“ ist bis dahin Emmerichs außergewöhnlichstes Projekt.

Zur Story: Seit Jahrzehnten regiert Queen Elizabeth I in England. Wie aus dem Nichts reift der unbekannte Schauspieler William Shakespeare zum Theaterautor, der mit seinen Stücken das menschliche Wesen wie auch die politische Situation im Land spiegelt und damit das Volk begeistert und für sich gewinnt. Was jedoch nur wenige Wissen: Der Earl of Oxford, Erzfeind von Elizabeths intrigantem Berater, ist der wahre Verfasser der Werke. Oxford darf sich aufgrund seines Standes jedoch nicht als Autor zu erkennen geben und bleibt daher im Verborgenen. Shakespeare nutzt diesen Umstand für sich. Doch wann fliegt der Schwindel auf…

„Anonymus“ ist der untypischste aller Emmerich-Filme. Hier geht es nicht um das Ende der Welt oder bildgewaltige Zerstörungs-Wut. Emmerich schafft hier zum ersten mal seit fast 20 Jahren einen Film, der sich bewusst nicht am Mainstream orientiert und gar nicht erst versucht, die kommerziellen Erfolge seiner Vorgängerfilme zu erreichen. Dafür ist die Story nicht zugänglich genug und die Umsetzung allzu verworren geraten. „Anonymus“ macht es mit der Vielzahl an Zeitsprüngen und den vielen Handlungsebenen dem Zuschauer alles andere als leicht. Der Film beginnt im New York der Gegenwart, macht dann einen Zeitsprung zurück ins Jahr 1604 und beleuchtet in Rückblenden die Vorfälle der vorangegangen 50 Jahre. Aller dramaturgischen Mängel zum Trotz, bietet „Anonymus“ dennoch enorme Schauwerte. Zwar fliegt hier weder das Empire State Building in die Luft noch wird New York von einer Riesenechse plattgemacht. Aber die opulente Ausstattung und die prachtvollen Kostüme sind authentisch und optisch beeindruckend gelungen.

Auch darstellerisch kann „Anonymus“ punkten: Allen voran Rhys Ifans und Vanessa Redgrave als Earl of Oxford und Queen Elizabeth I. überzeugen und verleihen ihren Figuren Ausdruck und charakterliche Tiefe. Redgrave beweist, dass sie zu den profiliertesten und gefragtesten Film- und Bühnenschauspielerinnen Englands gehört. Ihre Darstellung der Queen kommt jedoch nicht ganz an die Brillanz von Cate Blanchett heran, die die Queen bereits 1998 („Elizabeth“) eindrucksvoll verkörperte.

Emmerich einmal anders: „Anonymus“ setzt die Frage nach der wahren Identität Shakespeares mit den Mitteln des opulenten Kostümfilms um. Ausstattung und Kulissen sind eindrucksvoll geraten und trösten über die komplizierte und langatmige Erzählweise hinweg.

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.


Darsteller:

  • Jamie Campbell Bower
  • Rhys Ifans
  • David Thewlis
  • Joely Richardson
  • Vanessa Redgrave
  • Derek Jacobi
  • Xavier Samuel
  • Rafe Spall
  • Edward Hogg
  • Vicky Krieps
  • Mark Rylance
  • Ned Dennehy

Regie:
Roland Emmerich

Erscheinungsjahr:
2011

Anonymus Trailer

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2 Kommentare

  1. Mich hat der Film nicht wirklich angesprochen aber mein Freund war begeistert…
    Mir war er zu langatmig ihn hat das Szenario einfach nur gefesselt.
    Sollte sich also jeder selbst ein Bild von machen.

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