Wagenknecht Kritik

Zwei Jahre lang begleitete die Filmemacherin Sandra Kaudelka die ehemalige Fraktions-vorsitzenden der Linken, Sahra Wagenknecht, mit der Kamera. Die Dreharbeiten begannen Anfang 2017, als sich die Linke im Wahlkampf zu den anstehenden Bundestagswahlen befindet. Eine wichtige Wahl sowohl für die Partei als auch für Wagenknecht: Erstmals seit der Wiedervereinigung besteht die Chance, dass die Linke in eine regierende Koalition eintreten könnte. Mit großem Eifer und Tatendrang widmet sich Wagenknecht in der Folge dem Wahlkampf und in den kommenden zwei Jahren dem Kampf gegen das Erstarken der Rechten und Populisten. Am Ende der Dreharbeiten erklärt eine niedergeschlagene Wagenknecht ihren Rückzug vom Amt der Fraktionsvorsitzenden.

„Wagenknecht“ ist die zweite Langdoku von Kaudelka, die 2014 ihr Studium an der Berliner Filmschule mit dem Dokumentarfilm „Einzelkämpfer“ beendete. Darin geht es um frühere DDR-Leitungssportler und wie sich deren Leben nach der Wende verändert hat. Nach dem Zusammenbruch der DDR ging es für Sahra Wagenknecht in der PDS zunächst steil aufwärts: Bereits ab 1991, mit gerade 21 Jahren, war sie Mitglied im Parteivorstand der SED-Nachfolgepartei. 2004 zog sie ins Europaparlament ein, 2009 in den Bundestag. Ende 2015 war sie auf dem Höhepunkt ihrer parteipolitischen Karriere, als sie eine von zwei Fraktionsvorsitzenden der Linken wurde (neben Dietmar Bartsch).

Interessanterweise stehen zunächst weniger die Person und der (politische) Werdegang Wagenknechts im Zentrum dieser 105 Minuten langen Polit-Doku, als vielmehr der aufreibende und kräftezehrende Politiker-Alltag. Und: der immer wieder sehr skurrile und groteske Medien- und Polit-Betrieb. Dies offenbart sich in vielen Szenen, die Wagenknecht etwa bei unzähligen Presseterminen, Fotoshootings, TV-Shows und Interviews zeigen. Im Rahmen eines „Bunte“-Shootings vor dem Reichstag etwa soll sie sich lasziv auf einer Picknickdecke räkeln. Ihr werden Posen und Gesten auferlegt, die so gar nicht zur makellosen Aura und dem professionellen Auftreten Wagenknechts passen – weshalb das Shooting letztlich so auch nicht stattfindet. In Interviews mit einigen TV-Sendern kommen darüber hinaus Fragen auf, die nichts mit Wagenknechts politischer Arbeit zu tun haben sondern viel zu sehr ins Private vorstoßen.

All dies offenbart den alltäglichen, medialen Wahnsinn, dem sich ganz besonders Wagenknecht in den späten 10er-Jahren ausgesetzt sah. Denn zu dieser Zeit gehörte sie zu den medial präsentesten und populärsten Politikerinnen des Landes. Beeindruckend ist zu sehen, welches Pensum sie im Zuge des Wahlkampfes 2017 leistet. Kaudelka folgt Wagenknecht zu Bürgergesprächen, zu Terminen bei Ortsgruppen und -verbänden, auf die Bühnen großer Wahlkampfveranstaltungen und zu Gesprächsrunden aller Art. Termin folgt auf Termin, Wahlkampf im Akkord. Wagenknecht agiert dabei stets fehlerlos, hochkonzentriert und voller Energie – doch in ihrem Inneren sieht es anders aus. Spätestens als ihr die Parteiführung nach dem respektablen Ergebnis bei der späteren Bundestagswahl vorwirft, Wähler vergrault zu haben, kommt es zum Bruch. „Das was man mir gesagt hat, war nicht gerade sehr motivierend“, fasst sie es an einer Stelle des sehr sehenswerten, da sehr intimen Films diplomatisch zusammen.

In einigen sehr persönlichen Aufnahmen, die Wagenknecht zum Beispiel beim Radfahren oder in der Maske kurz vor einem Interview zeigen, kommt man der toughen Politikerin dann noch näher. Man sieht eine zunehmend entkräftete, erschöpfte Frau, die aufopferungsvoll für ihre Überzeugungen gekämpft hat aber letztlich an parteiinternen Streitereien und zwischenmenschlichen Unstimmigkeiten gescheitert ist.

Fazit: Erhellende, spannende Langzeit-Doku über die Fallstricke und Mechanismen des Berliner Politikbetriebes am Beispiel einer der prägendsten Oppositionspolitikerinnen der jüngeren Vergangenheit.

Bewertung: 7 / 10

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.

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