Me too – Wer will schon normal sein? – Filmkritik

Me too - Wer will schon normal sein? - Filmkritik
Filme über Behinderte sind oftmals Filme ohne Behinderte. Denn: Mit Vorliebe übernehmen „normale“ Schauspieler den Part der körperlich oder geistig beeinträchtigten Figuren und ernten auf diese Weise Anerkennung. Das ist zwar nicht besonders ehrlich, aber effizient. Das spanische Regie-Duo Antonio Naharro und Álvaro Pastor beschritt einen mutigeren Weg.

Der Hauptdarsteller ihres Filmes „Me too – Wer will schon normal sein?“ hat tatsächlich das Down-Syndrom und verkörpert in dem Streifen mehr oder weniger sich selbst. Was nach schwermütigem Sozialdrama klingen mag, entpuppt sich jedoch als zwar ernsthafte, aber erfrischend positive Auseinandersetzung mit einem nach wie vor heiklen Thema.

Was ist schon normal?
Eigentlich sollten Daniel (Pablo Pineda) nach seinem erfolgreich abgeschlossenen Hochschulstudium alle Türen im Leben offenstehen. Allerdings hat er ein kleines „Problem“: Er leidet am Down-Syndrom, was viele Menschen dazu veranlasst, ihn nicht ernst zu nehmen. Trotzdem findet er einen seiner Ausbildung entsprechenden Arbeitsplatz auf einem Amt. Gleich am ersten Tag kommt es aber zu einem Missverständnis: Seine künftige Kollegin Laura (Lola Dueñas, bekannt aus „Das Meer in mir“ und „Volver“) hält ihn für einen Klienten und komplimentiert ihn aus seinem eigenen Büro hinaus!

Daniel ist aber nicht nachtragend, nimmt das Ganze mit Humor und findet in der ebenso attraktiven, wie intelligenten Frau eine neue Bezugsperson, die ihm mit viel Sympathie und Wärme entgegnet. Allmählich beginn er sich in Laura zu verlieben, was auch den Bürokollegen nicht verborgen bleibt. Kann eine solche Liebe überhaupt funktionieren? Auf Anraten seines Bruders gesteht Daniel ihr seine Gefühle, wird aber zurückgewiesen und ist daraufhin natürlich enttäuscht. Was er zunächst nicht ahnt ist, dass Laura ebenfalls Gefühle für ihn empfindet und sich schwere Selbstvorwürfe macht …

Heikles Tabuthema
Antonio Naharro und Álvaro Pastor nahmen sich eines ganz großen Tabuthemas an. Können Behinderte und Nichtbehinderte eine Beziehung eingehen? Und wie reagiert die Gesellschaft darauf? Wie bereits eingangs erwähnt würde man in einem solchen Film viel Schwermut, bedeutungsvolle Blicke, Anfeindungen, Vorurteile und ähnliches erwarten. „Me too – Wer will schon normal sein?“ erweist sich jedoch als wunderbar kluger und einfühlsamer Film.

Dies beginnt bereits bei der Auswahl des Protagonisten. Hauptdarsteller Pablo Pineda ist der erste Europäer mit Down-Syndrom, der einen Hochschulabschluss geschafft hat. Schon dadurch grenzt sich dieser Film von ähnlichen Werken deutlich ab. Denn die Hauptfigur ist kein „hilfloser Behinderter“, dem die großmütigen Nichtbehinderten den Weg durchs Leben zeigen müssen – notfalls auch gegen deren Willen – sondern ein intelligenter und selbstbewusster Mensch, der statt Mitleid und Hilfe lediglich Respekt und Anerkennung einfordert.

Auf der anderen Seite ist Laura, wunderbar gespielt von Lola Dueñas, keine herzensgute Prinzessin, die sich Hals über Kopf in den neuen Kollegen verliebt. Ein Schatten aus ihrer Vergangenheit verdüstert jede potenzielle Beziehung. Wahllos nimmt sie Männer mit nach Hause, baut jedoch zu keinem davon irgendeine tiefere Beziehung auf. Konsequenterweise schwingt in ihrer Ablehnung körperlicher Zuneigung zu Daniel die Angst mit, diese besonders fragile und kostbare Freundschaft zu zerstören.

Ist Liebe normal?
Neben Pablo Pineda spielen noch weitere Menschen mit Down-Syndrom eine wesentliche Rolle in „Me too – Wer will schon normal sein?“. Diese werden zwar die meiste Zeit über freundlich und respektvoll behandelt, doch als sich zwei Behinderte ineinander verlieben, ist es mit dem Respekt nicht mehr allzu weit her. Plötzlich sieht sich auch Daniel in der Zwickmühle gefangen: Einerseits kann er ihre verzweifelte Liebe, die in einem Ausreißversuch mündet, nachvollziehen. Andererseits muss er sie gewissermaßen vor sich selbst beschützen. Keine einfache Aufgabe, die er und Laura übernehmen.

Gleichzeitig werden derlei ernsthafte Überlegungen humorvoll aufgelockert – glücklicherweise nicht, indem die Behinderten vorgeführt werden, sondern durch spontan wirkende Alltagskomik. Humor durchzieht den Film von der ersten bis zur letzten Sekunde.

Hoch anrechnen muss man „Me too – Wer will schon normal sein?“ auch den Verdienst, den moralischen Zeigefinger nicht zu erheben. Daniels Andersartigkeit stellt über weite Strecken hinweg kaum ein Problem dar. Erst, als seine Zuneigung zu Laura offenbar wird, regt sich Skepsis. Diese speist sich aber auch aus Lauras Ruf, ein „Luder“ zu sein, das selbst vor dem netten Daniel nicht Halt mache …

Wie einfach wäre es gewesen, die Umgebung als feindlich und bösartig zu schildern. Dankenswerterweise verzichtet der Film darauf und konzentriert sich auf das „Tabuthema“, das er – so viel sei verraten – auf eine eigenwillige Weise löst, ohne den Zuschauer vor den Kopf zu stoßen.

Fazit: „Me too – Wer will schon normal sein?“ ist warmherziges Kino ohne heuchlerisches Mitleid. Selten zuvor wurde der mitunter komplizierte Umgang zwischen Behinderten und Nichtbehinderten humorvoller und vor allem positiver dargestellt als in diesem spanischen Film, den man unbedingt gesehen haben sollte.


Darsteller

  • Lola Dueñas … Laura Valiente
  • Pablo Pineda … Daniel
  • Isabel García Lorca … Mª Ángeles
  • Naharro … Santi
  • Pedro Álvarez-Ossorio … Bernabé
  • María Bravo … Reyes
  • Consuelo Trujillo … Consuelo
  • Joaquín Perles … Pepe
  • Teresa Arbolí … Rocío
  • Ana De los Riscos … Macarena
  • Ana Peregrina … Encarni
  • Lourdes Naharro … Luisa
  • Daniel Parejo … Pedro
  • Catalina Lladó … Pilar
  • Susana Monje … Nuria Valiente

Regie
Antonio Naharro, Álvaro Pastor

Produktionsland, Jahr
Spanien, 2009

Me too – Wer will schon normal sein? Trailer



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