Es war einmal in Amerika Kritik

Es war einmal in AmerikaSergio Leone galt bereits als Wegbereiter und Meister des Italo-Western (Leone inszenierte die „Dollar“-Trilogie mit Clint Eastwood sowie den Western-Klassiker „Spiel mir das Lied vom Tod“), als er 1984 sein Epos (und gleichzeitig letzten Film) „Es war einmal in Amerika“ vorlegt und einen weiteren Meilenstein schafft, diesmal im Genre des Mafia- und Gangsterfilms. Ein Mammutprojekt: Bis zu sieben Autoren arbeiten an der Adaption des Romans „The Hood“ von Harry Grey und verfassen schließlich knapp 317 Drehbuchseiten, als im Oktober 1981 die erste Klappe fällt. Knapp zwei Jahre sollten die aufreibenden Dreharbeiten dauern, am Ende verfügt Leone über fast zehn Stunden Filmmaterial. Aus diesem kreiert er ein monumentales, überlebensgroßes Meisterwerk von epischer Wucht. War Leone bis dahin einzig bekannt für seine Spaghetti-Western, beweist er mit „Es war einmal in Amerika“ seine inszenatorische Brillanz sowie unverwechselbare Bildsprache und Erzählweise auch im Bereich des Mafiafilms. Seitdem muss man auch Leone zu den großen Gangsterfilm-Regisseuren der jüngeren Filmgeschichte zählen, in einer Reihe mit Francis Ford Coppola („Der Pate“), Brian De Palma („Scarface“, „The Untouchables“, „Carlito’s Way“) und Martin Scorsese („Good Fellas“, „Casino“).

Als Leone 1984 seinen neuen Film „Es war einmal in Amerika“ der Produktionsfirma präsentiert, ist diese alles andere als angetan. Die Studiobosse monieren die Langatmigkeit und Länge des Films (Leones Endversion umfasst fast vier Stunden) sowie angebliche anti-amerikanische Elemente und betrachten den Film in der von Leone vorgelegten Fassung als Kassengift. Die Folge: der italienische Star-Regisseur muss seinen Film für den US-Markt auf mickrige zwei Stunden kürzen. Und das, obwohl Leone zunächst geplant hatte, den Film in zwei Teilen á drei Stunden in die Kinos zu bringen. Die Zwei-Stunden-Fassung floppt schließlich an den amerikanischen Kassen während in Europa die ungekürzte Version gezeigt und von Kritik und Publikum begeistert aufgenommen wird. Seit 2003 liegt „Es war einmal in Amerika“ im Director’s Cut auf DVD vor. Diese Version ist auch nötig, um die ganze Pracht des Films zu genießen. Ein Film, dessen künstlerischer Wert – nach Ansicht vieler führender Experten und Kritiker – mitunter sogar höher zu bewerten ist als seine prägenden Western in den Jahren zuvor.

„Es war einmal in Amerika“ erzählt die Geschichte von fünf Freunden, vom Anfang der Freundschaft im New Yorker Ghetto zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Aufstieg und Fall in der Welt des organisierten Verbrechens. Dazwischen breitet Leone seine epische Geschichte um Freundschaft und Liebe, Vertrauen und Verrat, Schuld und Sühne aus.
Schon früh steht für die Freunde Max, Noodles, Dominic, Cockeye und Patsy fest, dass sie mehr aus ihrem Leben machen wollen als ihre Eltern. Sie wollen nicht für einen Hungerlohn den ganzen Tag schwer schuften müssen. Zu Geld und Ruhm gelangt man in einem jüdischen Viertel in der Lower East Side von New York im Jahre 1922 jedoch nicht durch ehrliche und harte Arbeit. Deshalb beschließen sie, ins kriminelle Geschäft einzusteigen. Sie begehen Diebstähle, zünden Zeitungsläden an und beobachten den für ihr Viertel verantwortlichen Polizeiinspektor beim Sex mit einer Prostituierten, den sie daraufhin erpressen. Zu einem tragischen Zwischenfall kommt es, als die junge Bande auf den Gangsterboss Bugsy trifft. Dieser erschießt den jüngsten der Freunde, Dominic, und sorgt mit seinem Handeln schließlich dafür, dass Noodles aus Rache Bugsy niedersticht. Er wandert ins Gefängnis. Zeitsprung. 1933: Noodles wird aus dem Knast erntlassen und erfährt, dass die Bande auf dem Höhepunkt der Prohibition zu einer gefürchteten Verbrecherorganisation aufgestiegen ist und Reichtum und Macht erlangt hat. Noodles wird von Max in dieses neue Leben eingeführt. Doch für das organisierte Verbrechen stehen schwere Zeiten an: Die Prohibition neigt sich ihrem Ende zu. Max plant mit seinen Freunden einen letzten großen Coup. Ziel: Die Federal Reserve Bank. Das Vorhaben scheint jedoch aussichtslos und würde den Tod aller zur Folge haben. Auch Noodles ist sich dessen bewusst…

Leone gelingt es, für seinen letzten Film eine ganze Reihe hochkarätiger Darsteller zu gewinnen. Dies ist eine der großen Stärken des Films. Die Schauspieler schaffen es mit ihren Darstellungen scheinbar spielend, ihren Rollen Tiefe, Emotionalität und Glaubwürdigkeit zu verleihen. Leone verwendet – wie für ihn typisch – viel Zeit auf die Charakterzeichnung, seine Figuren erhalten den nötigen (filmischen) Raum, die sie zur Entfaltung und Entwicklung benötigen. James Woods, Joe Pesci und Elizabeth McGovern sind zu der Zeit von „Es war einmal in Amerika“ bereits angesehene Schauspieler und überzeugen allesamt vollends in ihren Rollen. Woods als ebenso charismatischer wie gewiefter Bandenchef Max, McGovern als verführerische Deborah, die große Liebe von Noodles und Pesci als rücksichtsloser Gangster Frankie Minaldi, der Auftraggeber eines Juwelendiebstahls, der auch nicht davor zurückschreckt, seine eigenen Bruder ermorden zu lassen. Und schließlich Robert de Niro mit seiner intensiven und bedrückenden Darstellung des (im innersten sensiblen und verletzbaren) Noodles. De Niro zählt dank seiner Leistungen in Filmen wie „Die durch die Hölle gehen“ (1978), „Wie ein wilder Stier“ (1980, Oscar als bester Hauptdarsteller) und „Fesseln der Macht“ (1981) zu Beginn der Achtziger Jahre zu den besten Schauspielern der Welt.

Neben der (durch die Schauspieler beeindruckend dargelegten) Charaktertiefe, verleiht auch Leone selbst dem Film seine ganz eigene, persönliche Note. Wie schon „Spiel mir das Lied vom Tod“ besticht auch „Es war einmal in Amerika“ durch die für ihn typische komplexe Erzählweise. Wie er drei verschiedene Zeitebene (1922, 1933 und 1968 – als der gealterte Noodles an die Orte seiner Kindheit und seines kriminellen Schaffens zurückkehrt) kunstvoll miteinander verwebt und ineinander greifen lässt, ist meisterhaft. Diese verschachtelte Erzähltechnik verlangt dem Zuschauer jedoch auch einiges ab. Es empfiehlt sich daher in jedem Fall, den Film aufgrund der Komplexität seiner Figuren, der langsamen Erzählweise und Fülle an Details (die authentischen, detaillierten Settings des New York der entsprechend dargestellten Zeitebenen und die Ausstattungen sind auch heute noch überwältigend) mehrmals zu sehen – genügend Sitzfleisch vorausgesetzt. Darüber hinaus gilt „Es war einmal in Amerika“ auch als letzter Teil von Leones „Amerika“-Trilogie (neben „Spiel mir das Lied vom Tod“, 1968, und „Todesmelodie“, 1971) und erzählt nicht nur von einem weiteren bedeutenden Kapitel der amerikanischen Geschichte (Prohibition sowie die goldene Ära der Mafia und des organisierten Verbrechens) sondern handelt auch von uramerikanischen Ängsten, Träumen, Wertvorstellungen und Traditionen, eingebettet in die eigene Historie.

Für die musikalische Untermalung ist Leons Haus- und Hofkomponist Ennio Morricone verantwortlich. Wie für Morricone charakterisierend, kreiert er auch für „Es war einmal in Amerika“ einprägsame musikalische Themen, die zu einer eigenen Figur im Film werden. Sie untermalen und unterstreichen die Szenen atmosphärisch dicht und halten durch den wiederholenden Einsatz den Film über weite Strecken zusammen – ein Umstand, der sich als cleveres stilistisches Mittel erweist und ob der Länge des Films auch hilfreich und nötig ist.

„Es war einmal in Amerika“ ist ein bildgewaltiges, großartig besetztes Meisterwerk voller Tragik, Wehmut und Melancholie. Ein wuchtiger Film, der Maßstäbe setzt.

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider


Darsteller

  • Robert De Niro
  • James Woods
  • Elizabeth McGovern
  • Treat Williams
  • Tuesday Weld
  • Burt Young
  • Joe Pesci
  • Danny Aiello
  • William Forsythe
  • James Hayden
  • Darlanne Fluegel
  • Larry Rapp

Erscheinungsjahr
1984

Regie
Sergio Leone

Es war einmal in Amerika Trailer




Weitere Filme/Informationen:

Leave a comment

Name: (Required)

eMail: (Required)

Website:

Comment: