Gladiator

Nachdem viele Historienfilme wie „Ben Hur“ oder „Spartacus“ zu großen Kinohits avancierten, erlitt das Liz-Taylor-Vehikel „Cleopatra“ 1963 einen dermaßen katastrophalen finanziellen Schiffsbruch, dass sich vier Jahrzehnte lang kein Studio mehr an einem großen historischen Leinwand-Epos versuchte. Umso überraschender und eindrucksvoller erfolgte das Comeback des Genres, stilvoll vom mittlerweile geadelten Sir Ridley Scott eingeläutet. „Gladiator“ gewann 6 Oscars und spielte alleine in den Kinos eine halbe Milliarde Dollar ein. Kann Scotts bis dato erfolgreichster Film auch Jahre später noch überzeugen oder trübt eine dicke Patina-Schicht jenen Streifen, in dessen Gefolge unter anderem „Troja“ oder „Königreich der Himmel“ das Leinwandlicht erblickten?
Der Rezipienator wird es euch sagen!

Deutschland: Kein Wintermärchen
180 nach Christus. Die germanischen Barbaren sind das letzte Bollwerk, das sich dem mächtigen Rom noch zu widersetzen versteht. In einer letzten, verlustreichen Schlacht besiegen Roms Legionen unter der Führung des beliebten Generals Maximus Decimus Meridius (Russell Crowe) ein zusammengewürfeltes germanisches Heer. Zufrieden goutiert der weise Kaiser Mark Aurel (Richard Harris) den endgültigen Triumph, macht sich jedoch berechtigte Sorgen darum, wer sein Amt eines Tages übernehmen soll.

Denn sein einziger Sohn Commodus (Joaquin Phoenix) ist ein skrupel- und ehrloser junger Mann, der lediglich sein eigenes Wohl im Auge hat und für die Anliegen der römischen Untertanen keinerlei Interesse zeigt. Ganz anders hingegen der untadelige Maximus, den Mark Aurel inzwischen als jenen Sohn betrachtet, den er sich gewünscht hätte. Deshalb möchte er diesem das Amt des Kaisers anbieten, was Maximus ablehnt.
Später teilt Mark Aurel diese Entscheidung Commodus mit, der seinen eigenen Vater im Zornesrausch tötet und sich selbst zum Kaiser ausruft.

Da ihm Maximus, der die Umstände des Todes sehr richtig erkennt, die Treue verweigert, befiehlt Commodus dessen Hinrichtung. Doch der tollkühne Tribun überwältigt Commodus’ Soldaten und flieht auf seinen Landsitz im heutigen Spanien, um seine Frau und seinen Sohn in Sicherheit zu bringen. Endlich angekommen, muss er feststellen, dass Commodus’ Häscher schneller gewesen waren. Zu allem Unglück wird Maximus von Sklavenhändlern verschleppt, um als Gladiator in diversen Provinzarenen das Volk zu unterhalten.

Rasch gewinnt er nicht nur die Herzen der Massen, sondern auch das Interesse des einst selber als Gladiator erfolgreichen Proximo (Oliver Reed), der Maximus für seine Gladiatorenschule gekauft hat. Als Commodus Roms Massen mit endlosen Gladiatorenspielen für sich einzunehmen versucht, bietet sich Maximus plötzlich die Möglichkeit der Rache am Mörder seiner Familie. Denn Proximos Kämpfer sollen im Kolosseum vor den Augen des Kaisers ihre blutige Kunst beweisen …

Monumentale Schlachtplatte
Egal, was auch immer man vom einstigen Werbefilmer halten mag: Ridley Scotts cineastische Ästhetik hat nicht wenige Filmemacher beeindruckt und zweifellos entscheidend beeinflusst. „Alien“ und „Blade Runner“ gelten zu Recht als Meisterwerke anspruchsvollen SF-Kinos, und mit „Black Rain“ oder „Thelma & Louise“ feierte er gleichfalls Erfolge. Dennoch war sein Stern in den 1990er Jahren stark im Sinken begriffen, nachdem er mit „1492 – Die Eroberung des Paradieses“, „White Squall – Reißende Strömung“ und „Die Akte Jane“ gleich drei Flops in Serie produzierte. Unbeirrt und mit britischer Gelassenheit blieb Scott seiner Linie treu, überraschte Kritik und Publikum mit einem anachronistisch anmutenden Filmplot und feierte ein beeindruckendes Comeback.

Im Rückblick betrachtet war „Gladiator“ ein waghalsiges Unternehmen. Schließlich galt der monumentale Historienfilm zu jener Zeit als ausgestorben. Es bedurfte des unbestreitbaren Genies eines Ridley Scott, um „Gladiator“ zu einem phänomenalen Erfolg avancieren zu lassen. Tatsächlich liegt die größte Stärke des Filmes beileibe nicht in der eher durchschnittlichen Rache-Geschichte, sondern vielmehr in den Schauwerten. Mit großem Aufwand wurden sowohl die Kampfszenen, als auch die Bilder des alltäglichen Lebens in Rom präsentiert.

Dabei schafft es Scott, den Film mit einem gewaltigen Paukenschlag zu eröffnen: Fesselnd und ästhetisch überragend wird die Figur des Maximus eingeführt. Ausgerechnet ein Weizenfeld – der Weizen zieht sich als Symbol wie ein Roter Faden durch den Film – dient als Kulisse einer der eindrucksvollsten Schlachten, die auf der Leinwand je zu erblicken waren. Das in England gedrehte Gefecht zwischen Römischen Legionen und germanischen „Barbaren“ ist an Intensität nur schwer zu übertreffen. Hier wird das Gemetzel nicht verklärt, sondern erbarmungslos in Szene gesetzt. Dabei wirft Scott den Zuschauer selbst in das Getümmel hinein, statt emotionslose Distanz zu wahren, wie man es aus vielen ähnlichen Filmen gewohnt ist. Das aufwühlende Momentum der Gewalt wird nicht nur visuell, sondern auch akustisch gnadenlos durch die Magengrube des Betrachters gepeitscht: Die Schreie der Verwundeten und Sterbenden, das Gebrüll der Kommandos, das Klirren der Schwerter und Rüstungen vermischen sich zu einem beängstigenden Soundtrack menschlicher Abgründe, der schließlich im glanzlosen Höhepunkt des teuer erkauften Sieges kumuliert. Wenn Maximus „Roma Victor!“ brüllt und rundherum von Tod und Qualen umgeben ist, klingt dies eher wie eine Kapitulation, denn wie ein Triumph. In diesem Spiel gibt es keine Sieger, nur Verlieren.

Dennoch wäre es höchst unfair, „Gladiator“ auf die bloßen Schauwerte zu reduzieren. Der bis dahin eher unbekannte Australier Russel Crowe erhielt den Oscar als bester Hauptdarsteller, während der gleichfalls nominierte Joaquin Phoenix leer ausging. Beide Darsteller liefern eine hervorragende Performance ab, wobei Joaquin Phoenix in seiner Rolle als durchtriebener, vor keiner Schandtat zurückschreckender Commodus völlig aufgeht.
„Gladiator“ war leider der letzte Film des großartigen Oliver Reed, der während der Dreharbeiten starb.
Die restliche Schauspiel-Crew wurde nicht sonderlich gefordert: Connie Nielson dient wieder einmal lediglich als hübscher Aufputz und Ralf Möller lässt selbst einen durch seine Filme schlafwandelnden Steven Seagal wie einen sicheren Oscar-Anwärter erscheinen.

Keine Geschichtsstunde
Abseits des Plots entsponnen sich Kontroversen um die historische Korrektheit der dargestellten Figuren und Ereignisse. Dabei erweist sich „Gladiator“ als sehr freie Interpretation der überlieferten Geschichte Roms. Die Liste der „Ungenauigkeiten“ ist ellenlang und beginnt bereits mit der Anfangsszene: Zwar schlugen die Römer mehrere Schlachten gegen die Germanen, konnten jedoch nie einen entscheidenden Sieg erringen. Im Gegenteil: Die vernichtende Niederlage im Teutoburger Wald (wiewohl der Ort des Gefechts nach wie vor umstritten ist), die als „Varus-Schlacht“ in die Geschichte einging, endete mit dem Ende der römischen Bestrebungen, die „germanischen Barbaren“ zu unterwerfen.

Auch die Schicksale und Verstrickungen der Protagonisten untereinander wurden fröhlich an den Haaren herbeigezogen, die sich jedem pflichtbewussten Historiker beim Angucken des Films aufstellen dürften. Zwar trat Commodus die Nachfolge seines Vaters Mark Aurel an, doch weder ermordete er seinen Vater – Mark Aurel erlag im heutigen Wien einer Krankheit -, noch war Commodus für außergewöhnliche Grausamkeiten oder Inzest bekannt. Hierbei orientiert sich der Film wohl eher am Vorbild des selbst für römische Verhältnisse extrem dekadenten und blutrünstigen Caligula.

Aber spielt dies in einem Film eine große Rolle? Zumal aus dieser Zeit lediglich anekdotisches und archäologisches Material vorhanden ist? Selbst der kleinlichste Kritiker muss Scott zugestehen, einen faszinierenden Einblick in die damalige Kultur zu gestatten, wie sie zumindest vorstellbar wäre. Außerdem verzichtet er dankenswerter Weise auf politische Korrektheit, was er leider fünf Jahre später in „Königreich der Himmel“ konterkariert, indem die christlichen Templer als blutrünstige Bestien stigmatisiert werden, während die muslimischen Angreifer in absurder Weise verklärt werden.

Comeback und Höhepunkt des Sandalenfilms
Als Fazit kann man ziehen, dass „Gladiator“ in jeglicher Hinsicht großes Kino ist. Russel Crowe überzeugt als von Rache besessener Gladiator wider Willen, die Spezialeffekte dienen der Story, nicht umgekehrt, Hans Zimmers wuchtiger Soundtrack fügt sich stets perfekt in das jeweilige Leinwandgeschehen ein. Große Kämpfe werden von ebenso großen Intrigen und stillen Momenten unterbrochen, um dem Zuschauer Zeit zum Luftholen zu gönnen. Die Kameraführung ist exzellent und konzentriert sich stets auf das Wesentliche.

Somit bietet Scotts Werk in der fast dreistündigen „Extended Version“, die ausdrücklich zu empfehlen ist, perfekte Unterhaltung für einen spannenden Film-Abend.


Darsteller

  • Russell Crowe … Maximus
  • Joaquin Phoenix … Commodus
  • Connie Nielsen … Lucilla
  • Oliver Reed … Proximo
  • Richard Harris … Marcus Aurelius
  • Djimon Hounsou … Juba
  • David Schofield … Falco
  • John Shrapnel … Gaius
  • Tomas Arana … Quintus
  • Ralf Möller … Hagen

Regie
Ridley Scott

Produktionsland, Jahr
USA, 2000

Gladiator Trailer



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