In my room Kritik

In my room Kritik

Einzelgänger Armin (Hans Löw) hat‘s nicht leicht: Immer knapp bei Kasse, lebt er als freiberuflicher Kameramann meist ziellos in den Tag hinein. Stets in der Hoffnung, neue Aufträge an Land zu ziehen. Besonders schlimm kommt es, als er Filmaufnahmen aus dem Bundestag versemmelt und seine freie Mitarbeit verliert. Als er abends auch noch einen sicher geglaubten One-Night-Stand in den Sand setzt, ist er völlig am Ende. Am nächsten Tag dann die Überraschung: Es gibt keine Menschen mehr um ihn herum, alle scheinen wie vom Boden verschluckt. Menschenleere PKWs, Haustüren stehen offen und tausende Nutztiere sind ihren Ställen entflohen. Nach einer gewissen Zeit beginnt Armin, sich an das neue Leben anzupassen und von der Natur zu leben – als Tierzüchter und Landwirt. Als er unerwartet doch noch einen zweiten Menschen trifft, traut er seinen Augen nicht. Es ist die hübsche Italienerin Kirsi (Elena Radonicich), in die er sich kurz darauf verliebt.

„In my room“ ist der erste Film von Regisseur Ulrich Köhler seit dessen Durchbruch „Schlafkrankheit“ (2011). Seit den 90er-Jahren zählt Köhler, der ab 1993 regelmäßig Kurzfilme veröffentlichte, zur Berliner Schule – jener Gruppe junger Filmemacher, die in ihren Werken alltägliche, oft selbst erlebte Geschichten verarbeiten und sich auf den deutschen Autorenfilm der 70er-Jahre beziehen. Köhler lebt mit Maren Ade zusammen, der als Regisseurin mit der preisgekrönten Komödie „Toni Erdmann“ 2016 ein Welterfolg gelang. „In my room“ feierte in der Sektion „Un certain regard“ bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes seine Premiere.


Schon lange hat man auf der Leinwand keinen solch erfrischenden, witzigen filmischen Einstieg mehr gesehen: Man sieht verwackelte Aufnahmen aus dem Foyer des deutschen Bundestags, in dem sich die Polit-Prominenz ein fröhliches Stell-dich-ein gibt. Wir erblicken Karl Lauterbach, Sahra Wagenknecht oder auch Volker Kauder, wie sie sich vor den Mikros der Medienschaffenden positionieren und zu reden beginnen. Dann ein Schnitt, noch bevor der erste Satz gesprochen ist. In der nächsten Einstellung sieht man Lauterbach, Wagenknecht und Co. wieder von dannen ziehen. So geht es die ganze Zeit. Hauptfigur Armin hatte lediglich die Aufgabe, mit seiner Kamera die Politiker bei ihren Statements einzufangen. Doch da er stets die „Aufnahme“- mit der „Stopp“-Taste verwechselte, kommt er mit keinem brauchbaren Interview zurück in die Redaktion – und wird vor die Tür gesetzt.

Es ist der skurrile, unkonventionelle Auftakt zu einem durch und durch ungewöhnlichen Film jenseits aller Sehgewohnheiten, der sich zudem nur schwer eindeutig einem Genre zuordnen lässt. Auch deshalb passen die ersten fünf Minuten so wunderbar zu dieser Mischung aus Einsiedler-Drama, Familienfilm, Tragikomödie, Abenteuer und Sci-Fi-Dystopie. Gewissermaßen stehen diese ersten Minuten auch symptomatisch für den weiteren Verlauf des Films, denn mindestens ebenso turbulent, unvorhersehbar und spleenig geht es weiter. Dabei setzt Köhler auch immer wieder auf unfreiwillige Komik, die dafür sorgt, dass einem Armin (wunderbar verschroben: Hans Löw) einfach nur leid tut. Etwa wenn er seine Disco-Bekanntschaft (Emma Bading) wegen eines blöden, unnötigen Streits um eine Zahnbürste aus seiner Wohnung vergrault.

Ein krasser Wandel vollzieht sich nach rund 40 Minuten, wenn aus „In my room“ dann eben jene „I am legend“-Variante wird und sich Armin scheinbar allein auf der Erde befindet. Auch hier ein Bruch mit gängigen (Sci-Fi-) Sehgewohnheiten: denn Erklärungen für diesen dystopischen Zustand liefert Köhler keine, nicht einmal im Ansatz. Dafür gelingen ihm beeindruckende, atmosphärische Bilder, die das Setting jederzeit glaubhaft erscheinen lassen. Wenn zum Beispiel ein riesiges Party-Schiff, das wenige Stunden zuvor noch hunderte Feierwütige übers Wasser schipperte, plötzlich völlig ausgestorben umhertreibt, stellt sich durchaus ein Gefühl der Beklemmung ein. Ganz zu schweigen von den dutzenden verlassenen, am Wegesrand stehenden Autos.

Armins Hilflosigkeit weicht jedoch schon bald einer neu gewonnen Lust am Leben, die in der befreiendsten Szene des Films gipfelt. Armin brettert mit einem Polizeiwagen über die Straßen, durch die Dörfer und die Innenstädte. Gefilmt wurde die rasante Szene frontal durch die Windscheibe, was den Zuschauer mitten ins Geschehen versetzt und den Puls in die Höhe treibt. Im letzten Drittel, nachdem Armin Kirsi kennengelernt hat, vollzieht „In my room“ dann nochmals einen Stil- und Stimmungswechsel – und wird zu einer berührenden, zarten Adam-und-Eva-Geschichte inmitten einer verlassenen, unwirtlichen Natur.

Fazit: Von skurrilem Humor und wahnwitzigen Einfällen durchzogener Genre-Mix, der einen der besten filmischen Einstiege seit langem bietet und mit einem bärenstarken Hauptdarsteller besticht.

Bewertung: 9/10

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.


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