Wind River Kritik

Wind River Kritik

Der Wildtierjäger Cory Lambert (Jeremy Renner) macht im Indianerreservat „Wind River“ in Wyoming Jagd auf Raubtiere, das eine Rinderfamilie gerissen hat. Bei seinem Streifzug durch die Winterlandschaft macht er eine grausame Entdeckung: er findet die Leiche der jungen Natalie (Kelsey Asbille). Das Problem ist, dass die chronisch unterbesetzte örtliche Polizeibehörde mit solchen Fällen hoffnungslos überfordert ist. Deshalb wird die unerfahrene, aber toughe FBI-Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen) einberufen, um bei der Aufklärung zu helfen. Sie kann jedoch keine Fährten lesen und auch mit den schweigsamen Bewohnern des Reservats kommt sie nur schwer in Kontakt. Sie bittet Lambert, ihr zu helfen. Dieser erklärt sich bereit, auch, weil er ein ganz persönliches Interesse am Auffinden der Täter hat: vor einiger Zeit verlor er seine 16-jährige Tochter ebenfalls durch ein Gewaltverbrechen.

„Wind River“ ist das Regie-Debüt von Drehbuchautor Taylor Sheridan. Berühmtheit erlangte er mit seinen Drehbüchern für die Filme „Sicario“ und „Hell or High Water“. Aufgrund der schwierigen Drehbedingungen im Reservat (gedreht wurde in Park City, dem größten Indianerreservat der USA), musste das Team Handkameras benutzen. Schienen für aufwendige Kamerafahrten konnte aufgrund des Schnees nichts verlegt werden. Premiere feierte der Film im Rahmen des Sundance Filmfestivals Anfang 2017 in Park City. Die Hauptdarsteller, Renner und Olsen, kannten sich bereits durch den gemeinsamen Dreh zu „First Avenger: Civil War“. Für Renner ist es die erste Kino-Produktion seit „Arrival“ von 2016.


Sheridan vereint in seinem beachtlichen Regie-Debüt die Vorzüge eines in karger, unwirtlicher Natur angesiedelten Schnee-Western mit einem packenden Crime-Drama, das von Anfang bis Ende fesselt. Ein eigener Hauptdarsteller im Film ist der Drehort. Das abgeschieden gelegene, dünn besiedelte Reservat erweist mit seinen schneebedeckten, weiten Landschaften als ebenso berauschend schöner wie unheilvoll-beklemmender Schauplatz der Handlung. Dort leben Menschen, die durchzogen sind von Misstrauen gegenüber allem Fremden. FBI-Agentin Banner muss dies am eigenen Leib erfahren, als sie vor Ort auf eine Mauer des Schweigens trifft.

Elizabeth Olsen überzeugt in der Rolle der couragierten, selbstbewusst auftretenden jungen Ermittlerin voll und ganz. Nicht jeder hätte ihr eine solch unsentimentale, vielschichtige und starke Frauenfigur zugetraut. Auch deshalb, da ihr Erfolg bisher vor allem auf seichten, wenig tiefschürfenden Komödien beruhte. Ebenbürtig ist ihr Jeremy Renner als wortkarger, innerlich zerrissener Fährten-Leser und Wildjäger. Die Darstellung von Renner lässt sich fast schon als minimalistisch beschreiben, da er nicht nur wenig spricht. Auch sein Gestik- und Mimik-Spiel ist reduziert. Von seinem Gesichtsausdruck auf seine inneren Befindlichkeiten zu schließen, ist schier unmöglich.

Nur eines scheint immer wieder durch: er ist getrieben von Rache. Denn der brutale Mord an seiner Tochter hat ihn seelisch gebrochen und eine Wunde gerissen, die niemals heilen wird. An einer Stelle des Films bringt er es auf den Punkt. Der Schmerz werde im Laufe der Zeit nicht weniger. Man gewöhne sich nur daran, sagt er, während er den Vater eines anderen Opfers tröstet. Überhaupt konzentriert sich der Film sehr stark auf das Leid und den alltäglichen Überlebenskampf der in den Reservaten lebenden Ureinwohner. „Wind River“ macht unmissverständlich klar: gerade die Älteren unter den Einheimischen sind es, die leiden. Denn sie müssen das Abdriften ihrer Söhne und Enkel in Alkohol- und Drogensucht mit ansehen. Sie betäuben sich, um dem Frust des Lebens im Reservat zu entfliehen. Denn sie leben an einem Ort, der ihnen von der Regierung zugewiesen wurde und der nicht ihre eigentliche Heimat ist. Hinzu kommen fehlende Aussichten auf eine bessere Zukunft.

Natürlich ist „Wind River“ nicht gänzlich frei von Stereotypen und Klischees. Da gibt es die Einheimischen, die sich zunächst nicht bereit erklären mit den Eindringlingen von außen (in dem Fall Jane Banner) zusammenzuarbeiten. Sie umgeben sich mit einer Mauer des Schweigens. Dann gibt es den schweigsamen Lone-Ranger und Einzelgänger, der von einem persönlichen Schicksal gezeichnet ist (Cory Lambert). Und diese beiden Figuren sind es, die letztlich zueinander finden und sich aufmachen, den Mörder zu jagen. Diese Allgemeinplätze sind natürlich alles andere als neu und Bestandteil so vieler anderer Serienkiller-Thriller. Gerade, wenn sie an einem abseits gelegenen Schauplatz verortet sind. Ausgeglichen wird diese Schwäche aber u.a. durch den düsteren, schwermütigen Soundtrack von Nick Cave und einem der stärksten, mitreißendsten Shoot-Outs der jüngeren Filmgeschichte.

Fazit: Frostige, von bedrohlicher Atmosphäre durchzogener Mix aus Eis-Western und Crime-Thriller. Der Film lebt von seinen beiden komplexen Hauptfiguren, einer ungemein schwermütigen Grundstimmung und der offen zur Schau gestellten Kritik an der restriktiven US-Ureinwohnerpolitik.

Bewertung: 7/10

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.


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