Werk ohne Autor Kritik

Werk ohne Autor Kritik

Anfang der 60er-Jahre entkommt der Künstler Kurt Barnert (Tom Schilling) der DDR und plant einen Neubeginn in Westdeutschland. Ein Neustart abseits des rückständigen sozialistischen Systems, für das er sich als Kunst- und Freskenmaler verdingen musste. An seiner Seite: seine Freundin, die Modedesignerin Ellie Seeband (Paula Beer), die er an der Kunstakademie kennenlernte. Doch obwohl sich Kurt nun ganz seiner Kunst widmen kann, lassen ihn die quälenden Erinnerungen an seine Kindheit nicht los. Er wuchs im Nazi-Regime nahe Dresden auf und ihn verband eine besonders enge Beziehung zu seiner Tante Elisabeth (Saskia Rosendahl). Diese besuchte mit dem jungen Kurt häufiger Ausstellungen und förderte sein Kunstverständnis. Doch ihr Leben endete tragisch: Da bei ihr Jugendwahn und Schizophrenie diagnostiziert wurden, fiel sie 1945 der zweiten Phase des NS-Euthanasieprogramms zum Opfer. Mitverantwortlich für ihren Tod war der erfolgreiche Gynäkologe Carl Seeband (Sebastian Koch), der ein führendes Parteimitglied war. Er ist Kurts Schwiegervater – doch der Künstler ahnt nichts von dessen Vergangenheit.

„Werk ohne Autor“ ist nach „Das Leben der Anderen“ und „The Tourist“ der dritte Spielfilm von Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck. Für sein Historiendrama ließ er sich vom Leben des Künstlers Gerhard Richter beeinflussen. Von Donnersmarck und sein Team drehten „Werk ohne Autor“ im Sommer 2016 unter anderem in Sachsen und Nordrhein-Westfalen. Mit Sebastian Koch arbeitete der Filmemacher bereits beim Oscar-prämierten DDR-Drama „Das Leben der Anderen“ zusammen. Für Hauptdarsteller Tom Schilling ist „Werk ohne Autor“ die erste Kino-Produktion seit „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk“ von 2015.


Obwohl „Werk ohne Autor“ von vielen Medienschaffenden (und auch von Richter selbst) unter anderem für seine reißerische, dramatisierende Art der Inszenierung kritisiert wurde, gelingt von Donnersmarck dennoch ein vielschichtiges, durch und durch packendes Geschichts-Epos. Natürlich appelliert der Filmemacher gezielt an die Emotionen der Zuschauer, wenn er die Ermordung von Kurts Tante in der Gaskammer explizit zeigt – und sich mit der Kamera direkt an die Seite der Todgeweihten begibt. Ebenso wie er ausführlich das nächtliche Flächenbombardement auf Dresden im Februar 1945, das die prachtvolle Stadt an der Elbe in ein trostloses Meer aus Schutt und Asche verwandelte, in gestochen scharfe Hochglanzbilder kleidet. Und natürlich dockt er direkt an die Gefühle der Zuschauer an, wenn er (auch das wurde vielfach kritisiert) über die dramatischen Szenen pathetisch anmutende Musik legt und jene musikalische Untermalung sogar fast in den Vordergrund rückt.

Doch abseits all dieser Affektiertheit und Emotionalisierung ist „Werk ohne Autor“ ein spannendes, herausragend gespieltes Drama, das über eine phantastische Ausstattung und ein jederzeit glaubwürdiges Setting verfügt – und damit über ein hohes Maß an Unmittelbarkeit und Realismus. Unabhängig davon, welche Zeit bzw. Phase im Leben des Malers gerade im Mittelpunkt der filmischen Betrachtung steht: Die Kindheit und Jugendjahre unter dem Hakenkreuz, die Nachkriegszeit und ersten künstlerischen Schritte im zerstörten Dresden oder der Neustart in der BRD im Frühjahr 1961. Die Bedeutung einer glaubhaften visuellen Umsetzung eines Geschichtsfilms, der den historischen Hintergrund vor dem er spielt, für den Zuschauer authentisch widerspiegelt, wird gemeinhin etwas unterschätzt. „Werk ohne Autor“ beherrscht das Prinzip der harmonisch aufeinander abgestimmten Ausstattung und Requisite sowie der kraftvollen Bildsprache perfekt.

Auch die Darsteller machen ihre Sache gut. Allen voran überzeugen Tom Schilling als an die Kraft der Kunst glaubender, charismatischer aber zumeist innerlich zerrissener Maler und Sebastian Koch als dessen Schwiegervater. Koch legt seine Figur als narzisstischen, überheblichen Egomanen und Opportunisten an, der nicht einmal davor zurückschreckt, seiner eigenen Tochter das Kind aus dem Leib zu schneiden – weil ihm die Nase des potentiellen Kindsvaters und Schwiegersohns nicht passt. Als Zuschauer fällt es einem mitunter schwer, sich emotional dieser Figur zu nähern. Denn so sehr man angewidert ist von Seebands Egozentrik und antiquiert-steinzeitlichen Ansichten, so bemitleidenswert agiert er in seinem beharrlichen Bemühen, die braune Vergangenheit zu vertuschen. Schade ist lediglich, dass der Figur Ellie Seeband keine bedeutendere Rolle im Film zugestanden wird – und sich von Donnersmarck die meiste Zeit über darin ergeht, Paula Beers Körper in ruhigen, schwelgerischen Kamerafahrten ins rechte Licht zu rücken und so in ästhetischen Aufnahmen einzufangen.

Fazit: Trotz einiger überdramatisierender Momente gelingt von Donnersmarck ein majestätisch bebilderter, visuell beeindruckender Film über die Macht der Kunst und der Liebe, ausgestattet mit einem rührend und enorm feinfühlig agierenden Cast.

Bewertung: 8/10

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.


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