Walhalla Rising Filmkritik

Ein Wikingerfilm aus Dänemark – wie überraschend! Oder etwa doch nicht? Was zunächst nach einer klaren Angelegenheit aussieht – raue Wikingergesellen, düstere Landschaften, dreckige Kämpfe – wandelt sich in ein philosophisch angehauchtes Autorenkino. „Walhalla Rising“ entzieht sich dem Mainstream und stellt quasi die Antithese zu „Königreich der Himmel“ oder „Der 13. Krieger“ dar. Obwohl auch hier viel Blut fließt und ansatzweise das Gift des Pathos durchlinst, inszenierte der Däne Nicolas Winding Refn einen ungewöhnlichen Abenteuerfilm, der mit „Apocalypse Now“ mehr am Hut hat, als mit tranigen Historienepen der vergangenen Jahre.

Alsdann: Erhebt euch, nehmt die gehörnten Helme von euren Häuptern und lauschet den Worten eures hoffentlich noch weit vom Eintritt in Walhall entfernten Filmkritikers!

Wickie und die halbstarken Männer
Um das Jahr 1000 nach Christus herum, vermutlich am frühen Nachmittag: In den eisigen Weiten Skandinaviens überleben nur die Härtesten. Einer von ihnen ist Einauge (Mads Mikkelsen) ein stoischer Hüne mit schier übermenschlicher Kraft und keinem Gewissen, der als Sklave Kämpfe gegen andere Sklaven bestreiten muss. Nur der blonde Junge Are (Maarten Stevenson) sieht in dem Muskelprotz etwas anderes als einen gefährlichen Irren. Die Chance zur Flucht ermöglicht sich durch den zufälligen Fund einer abgebrochenen Speerspitze, mit der er einem seiner Bewacher die Kehle aufschlitzt. Auch mit den beiden anderen Wächtern macht er nicht viel Federlesens.

Nach anfänglichem Zögern schließt sich ihm Are auf dem Weg ins Nirgendwo an. Dabei geraten die beiden in eine Gruppe frisch christianisierter Männer die davon träumen, Jerusalem aus den Fängen der Barbaren zurückzuerobern und dabei Reichtum und Ruhm zu erlangen. Einauge und Are, der als eine Art Sprachrohr des stummen Ex-Sklaven dient, schließen sich ihnen an. Doch die Reise ins Heilige Land erweist sich als tückisch: Lange Zeit schlingern sie hilflos auf windstiller Hoher See, bis sie endlich eine Küste erreichen. Wo sie sich befinden ist ungewiss. Gewiss ist hingegen die offene Feindschaft der sich geschickt versteckenden Einwohner dieses Gebiets. Nur langsam dräut den Männern, dass sie in diesem Land weder willkommen sind, noch etwas anderes als Tod und Verderben finden werden …

Bildgewaltiger Epos
An historischen Epen mangelte es seit Ridley Scotts triumphaler Wiedererweckung des Genres mit „Gladiator“ nicht. Scott selbst führte den Zuschauer ins Zentrum der Kreuzzüge, Howard McCain drehte in „Outlander“ den Wikingern einen echten Außerirdischen an und sogar Robert Zemeckis („Zurück in die Zukunft“) wagte sich an eine Neuverfilmung der „Beowulf“-Saga. Geschichtsfilme sind „in“! Bevorzugt mit schönen Menschen besetzt, tollen Spezialeffekten und natürlich großen Schlachten versehen.

Der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn hält von diesem Trend offenbar rein gar nichts. Denn sein „Walhall Rising“ entpuppt sich als kopflastige, mystisch verbrämte Reise in die Abgründe der Hölle. Kurzum: Keine edlen Recken, keine heroischen Taten und schon gar keine hübschen, aufsässigen Prinzessinnen, die aus wessen Klauen auch immer befreit, geheiratet und zur braven Hausfrau transformiert werden müssen.

Dabei spielt Refn in der ersten Viertelstunde noch mit den Erwartungen des Zuschauers und befriedigt diese teilweise, indem er blutige Zweikämpfe inszeniert. Alles nur Show, die dazu dient, „Einauge“ – dieser Name wird dem namenlosen Protagonisten erst viel später vom ihn begleitenden Jungen verliehen – würdig einzuführen. Die eigentliche Hauptrolle übernehmen aber die grandiosen Naturaufnahmen: Zwischen den Fjorden, am Meer, in den Nebeln, im Gebirge: Überall wird der Mensch zum schwächlichen Winzling degradiert, der sich anmaßt, wider die Urgewalten anzukämpfen, wohlwissend, dass er diesen Kampf verlieren muss.

Der Tragik dieses Scheiterns schließt sich der Mann ohne Biographie an. Woher Einauge kam, weshalb er wurde, was er ist, wie er sein linkes Auge einbüßte, bleibt unbeantwortet. Weder spricht er auch nur ein einziges Wort, noch gestattet er sich irgendeine Geste oder Mimik. Seine Sprache sind Waffen, und ob sein „Sprachrohr“ Are tatsächlich seine Gedanken wiedergibt ist fraglich.

Verlorene Männer
Aber um derlei Fragen schert sich der Film ohnehin keinen Deut. Stattdessen entmystifiziert er lächerlichen Pathos und Kitsch, indem er die „Kämpfer für Gott“ auf eine Reise ohne Wiederkehr schickt, wo sie das Ungewisse erwartet. Hinter den Nebeln, so die Diktion des Streifens, befindet sich das Nichts. Verloren sind sie allesamt, die diese Fahrt antreten – und verloren sind wir allesamt, die wir die Fahrt des Lebens antreten. Wie sinnlose jegliches Trachten nach Ruhm, Ehre und Reichtum ist zeigt Refn überdeutlich, etwa wenn entlang unbekannter Ufer Kreuze als Zeichen des Christentums aufgestellt werden und der Anführer der Männer von der Erschaffung eines neuen Jerusalem phantasiert, obwohl er und seine Krieger Hunger leiden und gegen einen unsichtbar bleibenden Feind kämpfen.

Eine glasklare und stringente Handlung weist „Valhalla Rising“ nicht auf. Immer wieder fließen Einauges Visionen in den Plot ein und geben Hinweise darauf, was passieren wird oder was passiert sein könnte. Entscheidender Charakter kommt hierbei den Farben zu. Während in der „normalen“ Handlung düstere Erdfarben dominieren, sind Einauges Visionen von Rottönen gezeichnet. Sicher: Das erscheint mitunter etwas klischeehaft, mindert aber die archaische Gewalt nicht, die dieser Film erzeugt.

Mit James Camerons edlen Wilden aus „Avatar“ haben diese Menschen nichts am Hut. Ob Heiden, Christen oder Wilde: Verloren sind sie allesamt …

Aus dem fabelhaft ausgewählten Cast ragt Mads Mikkelsen heraus, der mehr an einen Geist, als einen realen Menschen erinnert. Seine Wege bleiben stets unergründlich und – ohne den Schluss vorwegnehmen zu wollen – er selbst scheint auf Grund seiner völligen Emotionslosigkeit eine eigene Spezies Mensch zu sein. Nicht besser oder schlechter, einfach anders.

Anders, wie es auch dieser Film ist. „Valhall Rising“ lädt zum munteren Interpretieren ein und wendet sich in erster Linie an Zuschauer mit der Lust auf das Unbekannte. Wer sich atemlose Daueraction, klare Handlungsfäden und ausgesucht schöne Schauspieler erwartet, kommt hier nicht auf seine Kosten. Aufgeschlossene Zeitgenossen sollten hingegen unbedingt diese eineinhalbstündige Reise in verborgene Welten und dem, was dazwischen liegt, wagen.


Darsteller

  • Mads Mikkelsen … One Eye
  • Maarten Stevenson … Are
  • Gordon Brown … Hagen
  • Andrew Flanagan … Gudmond
  • Gary Lewis … Kare
  • Gary McCormack … Hauk
  • Alexander Morton … Barde
  • Jamie Sives … Gorm
  • Ewan Stewart … Eirik
  • Mathew Zajac … Malkolm
  • Rony Bridges … Magnus
  • Robert Harrison … Roger
  • P.B. McBeath … Mann mit Speer
  • Callum Mitchell … Wachsoldat
  • Stewart Porter … Kenneth

Regie
Nicolas Winding Refn

Produktionsland, Jahr
GB/Dänemark, 2009

Valhalla Rising Trailer




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2 Comments so far »

  1.  

    Veronika Reinbach said

    März 29 2011 @ 09:26

    Das darf man nicht verpassen, meine ich. Mindestens, um man einen Vergleich zu machen.

  2.  

    Alexander said

    März 31 2011 @ 12:12

    Dann gehöre ich wohl eher nicht zu den “Aufgeschlossene Zeitgenossen”, da ich den Film nach ca. 30 Minuten ausgeschaltet habe. Ganz ehrlich, ich habe schon lange nicht mehr so einen Unsinn gesehen. Für mich bestand der Film nur aus unnützer und übertriebener Gewalt. Einen Handlungsfaden konnte ich leider nicht entdecken. Vielmehr schien es mir so, als würde eine Metzelszene der nächsten Folgen. Nicht, dass ich dagegen etwas hätte, aber in diesem Film war es sogar mir zu viel.

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