Untraceable

UntraceableHigh-Tech-Thriller bergen stets die Gefahr in sich, den Zuschauer entweder mit technischen Details zu langweilen oder ihn zu überfordern. Mitunter gesellt sich ein dritter Gefahrenpunkt hinzu, nämlich dann, wenn eine Technologie absurd falsch dargestellt und geradezu dämonisiert wird. Mit Schaudern erinnert sich der geneigte SF-Fan an zahlreiche Filme aus den pessimistischen 1970er Jahren, in denen Computer per se als Werkzeug des Bösen charakterisiert wurden.
Gregory Hoblit geht sogar einen Schritt weiter und erklärt die Nutzer des Internet zu einem psychopathischen Haufen Irrer, Gangster und Perverser.
Wenn ihr wissen wollt, wieso „Untraceable“ statt eines Thrillers einem Katastrophenfilm ähnelt, müsst ihr gar nichts machen. Eure IPs wurden ohnehin bereits geloggt … wir beobachten euch über eure Webcams …

Aus per Maus
Jennifer Marsh (Diane Lane) ist eine der eifrigsten FBI-Agentinnen im Kampf gegen kriminelle Internet-Machenschaften. Für gewöhnlich handelt es sich dabei um mehr oder weniger harmlose Betrügereien. Doch der anonyme Betreiber einer Website namens „killwithme“ überschreitet alle Grenzen dessen, was sie bislang erlebt hat: Er entführt Menschen und setzt sie schrecklichen Qualen aus.
Dem nicht genug, steigt die Intensität der Folter mit den Besucherzahlen der Website an – bis das Opfer der Tortur erliegt.
Als Jennifer die Identität des Psychopathen herausfindet, ist plötzlich auch ihr eigenes Leben in Gefahr …

Klischeetopia
Eines der vielen Probleme des Films sind bereits die Charaktere selbst, die wie aus dem Hollywood-Musterkatalog für Klischeefiguren anmuten. Die toughe FBI-Agentin, die als allein erziehende Mutter Kind und Karriere unter einen Hut bringen muss, ist an Abgelutschtheit wohl ebenso schwer zu überbieten wie der geniale Killer, der noch dazu sowohl über eine Teleportations- wie auch Gedankenlesemaschine verfügen muss.

Diese Klischeehaftigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch die Story. Selbst visuell fällt Regisseur Hoblit auf altbekannte Motive: Unablässig prasselnder Regen, triste Grau- und Brauntöne, die üblichen dunklen und sterilen Räumlichkeiten.

Nepp 2.0
Aber auch auf storytechnischer Ebene bewegt sich der Streifen nicht einen Millimeter über bekanntes Terrain hinaus. Der (als Massenmedium) relativ neuen Technologie Internet wird mit allen nur erdenklich negativen Vorurteilen begegnet. Der Film macht keinen Hehl daraus, dass er das Web als Ansammlung sozial und moralisch korrumpierten Gesindels versteht. Während der erste „Fall“ noch von einem Web-Betrüger handelt, der sich – nein, wie originell! – als pubertierender Computer-Nerd herausstellt, geht es schon wenig später ans Eingemachte. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn um grausige Folterszenen ist „Untraceable“ nicht verlegen.
Und konterkariert damit die eigene Botschaft von den „voyeuristischen“ Internet-Usern, die sich zu Millionen am Live-Tod eines Menschen ergötzen.

Zielgruppe: Not found …
An wen sich dieser Film im Speziellen richtet, bleibt das einzige Rätsel des Films. Der halbgare Spagat zwischen Splatter wie „Saw“, High-Tech-Thriller und dem üblichen „Cop-jagt-Psychopathen“-Einheitsbrei gelingt nicht einmal ansatzweise. „Untraceable“ landet unsanft zwischen allen Stühlen.
Einzig als Holzhammer-Filmpamphlet wider das böse Internet würde der Film wenigstens halbwegs taugen. Mehr an Negativ-Propaganda kann man in knapp 100 Filmminuten kaum noch packen. Mehr an Langeweile leider auch nicht …

Unwatchable
Wie so viele andere Filme ist auch dieser Geschmackssache. Ob man sich nun bei dem öden Technikgebrabbel, den nur schwer nachvollziehbaren Gedankensprüngen bei der Suche nach dem Killer oder der spannungsarmen Verfolgungsjagd langweilt, ist Ermessenssache.
Dass „Untraceable“ eher „Unwatchable“ heißen sollte, liegt zu einem großen Teil am Drehbuch. Selbst die Identität des Killers wird dem Zuschauer früh aufgedeckt und somit die einzige potenziell spannende Frage aus dem Film genommen.

So bieder wie der Film selbst agieren auch die Protagonisten. Die an sich großartige Diane Lane vermag dem Streifen mangels intelligenter Rolle keinen Stempel aufzudrücken. Das übrige Ensemble aus eher unbekannten Darstellern kann ihr ohnehin nicht das Wasser reichen.

Fazit: „Untraceable“ hätte ein spannender Thriller werden können, entpuppt sich jedoch als eine der ganz großen negativen Überraschungen des Jahres. Der Plot dümpelt ohne jegliche Wendung oder Finte glatt wie auf Schienen dahin, das „Motiv“ des Killers ist ebenso hanebüchen wie die Vorstellung, Millionen Internetuser würden sich an der Live-Folter ergötzen. Auf Schnitzer wie jenen, dass niemand auf die nahe liegende Idee kommt, die Websites des Killers aus dem Netz zu nehmen, kommt es bei der Menge an Murks gar nicht mehr an.


Darsteller

  • Diane Lane … Jennifer Marsh
  • Colin Hanks … Griffin Dowd
  • Billy Burke … Eric Box
  • Joseph Cross … Owen Reilly
  • Mary Beth Hurt … Stella Marsh

Regie
Gregory Hoblit

Produktionsland, Jahr
USA 2008

Untraceable Trailer


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3 Comments so far »

  1.  

    MARTIN said

    Juli 5 2009 @ 22:40

    Sehr gute Kritik! Genau das, was ich beim Sehen dachte.
    Ich könnte mir vorstellen, dass das FBI und die NSA diesen Streifen gesponsert haben. So werden zunehmende Überwachungsmassnahmen der dummen Konsumenten-Schaar plausibel gemacht. Schließlich müssen wir Bürger vor solchem Abschaum (die Worte “Stück Scheiße” fallen im Film ziemlich häufig) beschützt werden! Zumindest kam mir dieser Gedanke… Mag sich jeder seine eigene Meinung bilden – zumindest in dieser Hinsicht ist dieser Film vielleicht einen Blick wert.
    Was mir ebenfalls aufgefallen ist, ist die doch recht häufig vorhandene Schleichwerbung. Microsoft, DNSStuff, Pepsi uva.

  2.  

    MARTIN said

    Juli 5 2009 @ 22:44

    Auch schön, was passiert, wenn Ihr die Webseite http://www.killwithme.com/ ansurft. Propaganda pur! Das muss gestoppt werden, nichts anderes!
    Bedenklich was sich da tut…..

  3.  

    Rainer said

    August 5 2009 @ 17:29

    @ Martin
    Ob das inzwischen der Lieblingsfilm von Frau von der Laien ist? 🙂
    Den Film könnte man Szene für Szene auseinandernehmen, weil er dermaßen abstrus ist. Und dann noch die Klischees: Der kleine, pickelige Teenie-Hacker … Mann, Mann, …

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