The Wrestler

the wrestlerZehn Jahre nach seinem Spielfilmdebüt „Pi“, landet der gebürtige New Yorker Darren Aronofsky seinen bis dato größten Coup: Das Drama „The Wrestler“ erntet wahre Lobeshymnen seitens der Kritiker, gewinnt den „Goldenen Löwen“ von Venedig, wird für zwei Oscars nominiert und mausert sich zu einem beachtlichen Boxoffice-Hit. Einen beträchtlichen Anteil an diesem Erfolg trägt zweifelsohne Hauptdarsteller Mickey Rourke, der den abgehalfterten Loser mit einer geradezu unheimlichen Intensität verkörpert. Eine Rolle, die dem skandalumwitterten Star buchstäblich auf den Leib geschrieben scheint.
Ob die euphorischen Kritiken gerechtfertigt sind oder „The Wrestler“ überbewertet wird, wollen wir auf zivilisierte Weise außerhalb des Rings erkunden.

Wrest-Leer

Evan Rachel Wood und Mickey Rourke

In den 1980er Jahren war er einer der größten Stars der Wrestler-Szene. Doch von all dem Ruhm ist Randy Robinson (Mickey Rourke), Künstlername „The Ram“, kaum etwas geblieben. Er hat es nicht geschafft, auch außerhalb der Kampfarenen Fuß zu fassen, und deshalb tingelt er mit dem Tross anderer, ehemaliger Wrestler-Stars durch kleine Städte und schlägt sich mehr schlecht als recht durchs Leben.

Zu allem Überfluss will seine einzige Tochter Stephanie (Evan Rachel Wood) nichts mehr von ihm wissen. Einzig und allein die warmherzige Stripperin (Marisa Tomei) kann ihm etwas Trost verschaffen, wenn er sie abends im Nachtklub aufsucht. Doch die nächste Hiobsbotschaft lässt nicht lange auf sich warten: Nach einem Wrestling-Match kollabiert Randy, wird in ein Krankenhaus eingeliefert und erfährt, dass er einen Herzinfarkt hatte, der beim nächsten Mal tödlich enden könnte.
Für Randy bricht eine Welt zusammen, denn Wrestling stellt nicht einfach nur einen kargen Broterwerb dar, sondern bestimmt sein Leben. Entgegen allen Ratschlägen steigt Randy erneut in den Ring …

I’m a Loser, Baby!
„The Wrestler“ reiht sich in die Riege jener Sportfilme ein, die Ex-Stars auf dem Weg zu ihrem Comeback begleiten. Interessanterweise scheint das Publikum nach „Versagern“ zu verlangen, die es letztendlich nicht schaffen, ihre letzten verbliebenen Träume zu verwirklichen und in ihrer Trostlosigkeit gefangen bleiben. Aronofskys Film stellt keine Ausnahme dieser ungeschriebenen Regel dar, im Gegenteil: Randy Robinson ist geradezu der Prototyp des sympathischen Verlierers, der niemals weit genug über sich hinauswächst, um der verhängnisvollen Spirale aus Selbstaufgabe und Demütigung zu entfliehen.

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Von Anfang an macht „The Wrestler“ klar, kein „Feel-good-Movie“ sein zu wollen, das den Zuschauer mit einem Lächeln auf den Lippen nach Hause schickt. Dies trägt natürlich den Keim einer Problematik in sich, der wir uns noch widmen wollen, nämlich einer Hoffnungslosigkeit, die die Intention des Filmes untergräbt, indem sie wie auf Schienen Richtung Abstellgleis rollt.

Eine der Stärken des Filmes ist die schonungslose Nähe zum Protagonisten. Szeneweise erinnert der Stil an Doku-Soaps, wenn Randy auf Schritt und Tritt begleitet und selbst in intimen Situationen – etwa einer Dusche nach einem schmerzhaften Kampf – gefilmt wird. Bildgewaltige Ästhetik, aufwändige Sets oder sonstige optische Gimmicks sucht der geneigte Betrachter vergebens. Aronofsky konzentriert sich voll und ganz auf das Umfeld, in welchem Randy unter Seinesgleichen wandelt: Ausnahmslos Durchschnittsbürger ohne Perspektiven, Träume oder Sehnsüchte.

marisa tomei

Stripperin mit Herz
Die weibliche Hauptrolle verkörpert Marisa Tomei, die sich seit 1992 immerhin als Oscar-Gewinnerin bezeichnen darf (ausgerechnet für ihre Nebenrolle in dem eher mäßig geglückten Klamauk „Mein Vetter Winnie“). Ihre Cassidy ist die klassische Figur der „Hure mit Herz“ – und damit eine der leider unzähligen Klischeefiguren des Films. Über Tomeis erstklassige schauspielerische Fähigkeiten erübrigen sich Diskussionen. Leider kann ihre hervorragende Performance über die Schwächen der Rolle nicht hinwegtäuschen.
„Natürlich“ ist sie gleichfalls eine Gescheiterte; „natürlich“ hat sie ein Kind zu versorgen; „natürlich“ hat sie ein Herz aus Gold; „natürlich“ fühlt sie sich zu Randy hingezogen.
Letztendlich erfüllt Tomei wenig mehr denn eine Alibifunktion innerhalb des Filmes, denn großen Einfluss auf Randys Leben kann man ihr nicht bescheinigen.

Schlimmer erwischt es nur noch Evan Rachel Wood als Randys Tochter Stephanie: Die von ihrem Vater enttäuschte Tochter, die jeglichen Kontakt zu ihm abbricht und ihm, dem Seelenwrack, als letzte Stütze dienen soll, die seinen tiefen Fall verhindern könnte, ist eine Klischeefigur par excellence. Ohnehin bekundet Aronofsky wenig Interesse an ihr und reduziert sie auf die Attribute „wütend“, „Studentin“ und „vermutlich lesbisch“. Schade, dass ein dermaßen komplexes Thema in kaum einem Film angemessen ausgelotet wird.

Faktisch bildet das Dreigespann Randy-Stephanie-Cassidy keine Einheit, was dem Film ungeheure Tiefe hätte verleihen können. Stattdessen dienen beide Frauen lediglich als Staffage für das eigentliche Thema des Filmes: Der Verlierer auf seinem Pfad von Niederlage zu Niederlage.

Morituri te salutant!

Mickey Rourke The Wrestler

Das größte Problem an „The Wrestler“ ist jedoch seine Vorhersehbarkeit: Ohne zu viel vom Plot verraten zu wollen, sollte sich der interessierte Zuschauer keine Hoffnungen auf Überraschungen machen. Das Drama verläuft schnurstracks auf ausgetretenen Pfaden.
An dieser grundlegenden Schwäche des Filmes kann auch ein überragender Mickey Rourke wenig ändern. Gleich seinem filmischen Alter Ego gibt auch er einfach alles auf jener Bühne, deren morsche Bretter seine Welt bedeuten: Die Kampfarenen der Wrestling-Shows! Wohl nicht zufällig fühlt man sich dabei an die antike Welt der Gladiatorenkämpfe erinnert, wenn der das Kolosseum füllende Pöbel Ablenkung vom tristen Alltag suchte und seinen Lieblingen (Gladiatoren waren die umschwärmten Popstars der Antike und konnten es durchaus zu Reichtum und Ruhm bringen) zujubelte. Für diesen Applaus lebt und leidet Randy, der vor selbstzerstörerischem Verhalten (etwa selbst hinzugefügten Wunden, um die Kämpfe dramatischer zu gestalten) nicht haltmacht, um seine Fans zu befriedigen.

Ist „The Wrestler“ nun der ganz große Wurf, als der er gefeiert wird?
Nein, denn die allzu simple Dramaturgie und die Klischeefiguren stehen dem im Wege. Trotzdem lohnt sich der Kinobesuch alleine dank der grandiosen Tour-de-Force, die ein entfesselter Mickey Rourke abliefert.


Darsteller

  • Mickey Rourke … Randy Robinson
  • Marisa Tomei … Cassidy
  • Evan Rachel Wood … Stephanie
  • Mark Margolis … Len
  • Ernest Miller … Der „Ayatollah“
  • Todd Barry … Wayne
  • Wass Stevens … Nick Volpe
  • Judah Friedlander … Scott Brumberg
  • Elizabeth Wood … Melissa
  • Gregg Bello … Larry Cohen

Regie
Darren Aronofsky

Produktionsland, Jahr
USA, 2008

The Wrestler Trailer




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