The Sisters Brothers Kritik

The Sisters Brothers Kritik

Im ganzen Wilden Westen sind die Auftragskiller Eli (John C. Reilly) und Charlie Sisters (Joaquin Phoenix) berühmt-berüchtigt. Ihr neuester Job: Sie sollen den Goldsucher und Chemiker Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed) ermorden. Ihr Auftraggeber ist ein zwielichtiger, nur unter dem Namen „Kommodore“ bekannter Mann (Rutger Hauer). Doch bevor die Sisters Brothers den Mord vollstrecken können gilt es, Warm erst einmal aufzuspüren. Der melancholische Träumer Eli und der trinkfeste Soziopath Charlie vermuten ihr nächstes Opfer bei Sacramento. Auf ihrer langen Reise durch die unwirtlichen Landschaften Oregons müssen sie einigen Gefahren trotzen. Eine der größten: Detectiv Jim Morris (Jake Gyllenhaal), der ebenfalls auf der Suche nach Warm ist und den Brüdern immer einen Schritt voraus ist.

Der französische Regisseur und Drehbuchautor Jacques Audiard wurde durch seine von der Kritik gefeierten Genrefilme bekannt. Darunter das Flüchtlingsdrama „Dämonen und Wunder“ (2015) sowie „Der Geschmack von Rost und Knochen“ (2012). Sein neuester Film basiert auf dem gleichnamigen Western-Roman des Kanadiers Patrick deWitt, der 2011 veröffentlicht wurde. Audiard und sein Team drehten „The Sisters Brothers“ in Rumänien sowie in der spanischen Provinz Almeria, in der in den 60er- und 70er-Jahren zahlreiche (Italo-) Western entstanden. Weltpremiere feierte der Film im Herbst 2018 bei den Filmfestspielen von Venedig.


Bereits kurz nach der Weltpremiere vor rund einem halben Jahr war in vielen Kritiken zu lesen, dass sich Audiard mit „The Sisters Brothers“ vor dem ur-amerkanischsten Genre überhaupt verbeugt – obwohl er mit einigen der gängigen Versatzstücke und typischen Westernelementen bricht. Und tatsächlich, Audiards erster englischsprachiger Film ist durch und durch untypisch für einen Film dieser Gattung. Anders als in den großen Klassikern des Genres wie etwa „Zwölf Uhr mittags“, „Die glorreichen Sieben“ oder „The Wild Bunch“ hält sich der Franzose zum Beispiel kaum mit Schießereien auf. Und wenn, dann zeigt er diese entweder aus weiter Entfernung oder lässt sie zu weiten Teilen außerhalb des für den Zuschauer erkennbaren Blickfelds stattfinden.

Des Weiteren handelt es sich bei den vier Hauptfiguren Eli, Charlie, Kermit und Jim keinesfalls um wortkarge Einzelgänger. Man denke nur an „klassische“, mythenumrankte Revolverhelden und kompromisslose, einsilbrige Zyniker wie sie einst vor allem von Clint Eastwood („Für eine Handvoll Dollar“) oder Robert Mitchum („Der Einzelgänger“) verkörpert wurden. „The Sisters Brothers“ ist frei von solchen Stereotypen, was dem Film ungemein guttut. Alle vier männlichen Protagonisten reden viel (miteinander) und sind durchaus in der Lage, ihre Situationen und Lebensumstände klug zu reflektieren. Zwei von ihnen – Kermit und Jim – sind sogar überdurchschnittlich intelligent und akademisch gebildet. Charaktere, die es in früheren Western praktisch nie zu sehen gab. Ein Großteil des Unterhaltungswerts ergibt sich dann auch aus jenen Wortgefechten, allen voran aus denen zwischen den beiden ungleichen Brüdern.

John C. Reilly und Joaquin Phoenix erweisen sich dabei als Idealbesetzung, die Chemie zwischen ihnen stimmt zu jeder Zeit. Doch so verschieden sie sind, eines eint die Beiden: die von Gewalt und der Alkoholsucht des Vaters geprägte Kindheit. Sie hat vor allem aus Charlie einen verbitterten, unberechenbaren Killer gemacht, der ebenso wie der verhasste Vater an der Flasche hängt. Wie tief bei Beiden der Schmerz über das Geschehene sitzt, offenbart sich erst nach und nach und Form langer, intensiver Gespräche zwischen Eli und Charlie. Ein nachdrücklicher Seelenstriptease zu Pferde, während die erhabene Natur der unbefleckten Landstriche Oregons an einem vorbeiziehen. So etwas gab es im Kino des neuen Jahrtausends noch nicht. Und es verdeutlicht wieder einmal das Talent Audiards, sich den Seelenqualen seiner geschundenen Protagonisten behutsam und anhand von beachtlichen Dialogen anzunähern. Apropos beachtlich: Auch die musikalische Untermalung der fesselnden Verfolgungsjagd ist durch und durch Western-untypisch und dennoch mehr als passend. Audiard entschied sich für flirrenden, unruhigen Jazz und von John Cage beeinflusste, fahrige Klang-Experimente, die das aufgewühlte Innenleben der Figuren widerspiegeln.

Fazit: „The Sisters Brothers“ ist ein unkonventioneller, komplexer (Anti-) Western über zwei traumatisierte Brüder, die Jagd nach Reichtum und die Flucht vor dem eigenen Selbst.

Bewertung: 8/10

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.


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