The Rider Kritik

The Rider Kritik

Brady Blackburn (Brady Jandreau) gewinnt ein Rodeo-Reitturnier nach dem anderen und ist ein echter Champ im Sattel. Eines Tages jedoch kommt es zur Katastrophe: Brady hat einen Unfall, bei dem er schwerste Verletzungen davon trägt. Fortan muss der junge Mann eine Metallplatte im Schädel tragen. Und: Künftig ist das Reiten für ihn tabu. Für Brady eine doppelte Tragödie. Zum einen liebt er nichts mehr als das Rodeo-Reiten und nichts anderes kann dies für ihn ersetzen. Zum anderen definieren sich die Lakota-Sioux, denen Brady entstammt, über die Arbeit und die Beschäftigung mit den Pferden. Wer dort als echter Mann gelten und etwas zählen will, muss sich erfolgreich im Sattel halten können. Ablenkung erfährt der sanftmütige Brady durch seinen Vater Wayne und seine geistig behinderte Schwester Lilly, um die er sich mit viel Geduld kümmert. Ein mahnendes Beispiel für die Gefahren des Rodeo-Reitens ist ihm zudem sein bester Freund Lane, der seit einem Unfall querschnittsgelähmt ist. Schafft es Brady, endgültig mit dem Reiten aufzuhören?

„The Rider“ ist der zweite Film der chinesischen Regisseurin und Produzentin Chloé Zhao, die mit ihrem Debütfilm, „Songs my brothers taught me“, vor drei Jahren gleich für Furore sorgte. Während der Dreharbeiten zu diesem Film lernte sie auch Brady Jandreau, den Hauptdarsteller in „The Rider“, und seine Familie kennen. Gedreht wurde der Neo-Western in den berühmten Badlands von South Dakota. Die von Erosionsrinnen durchzogenen Felslandschaften dienten immer wieder als Drehort und Kulisse vor allem für Western. So drehte z.B. Kevin Costner Ende der 80er-Jahre dort Teile seines Films „Der mit dem Wolf tanzt“. „The Rider“ erlebte seine internationale Premiere in Cannes 2017 und konnte dort die „Art Cinema“-Auszeichnung gewinnen.


Nicht viele (Spiel-)Filme waren in jüngster Vergangenheit von einem derart hohen Grad an Realismus und Unmittelbarkeit geprägt. Dies liegt an der Entscheidung von Filmemacherin Zhao, ihr Werk mit Hilfe eines dokumentarischen Ansatzes umzusetzen. Durch die Handkamera manövriert sie den Zuschauer unmittelbar ins Geschehen und lässt ihn so ganz direkt an Freud und Leid der Hauptfigur teilnehmen. Etwa wenn sich Brady voller Wehmut Videos seiner früheren Rodeo-Glanzauftritte auf dem Smartphone ansieht. Dabei schaut ihm die Kamera direkt über die Schulter, auf das Handy-Display, nur um in der nächsten Einstellung sein schwermütig dreinblickendes Gesicht in Nahaufnahme zu zeigen. Man sieht den von seelischem Schmerz und gewaltiger Trauer gespeisten Gesichtsausdruck eines jungen Mannes, der akzeptieren muss, dass er womöglich nie wieder aufs Pferd steigen wird.

Zhao erreicht jene Authentizität darüber hinaus durch die Besetzung der Rollen mit Laiendarstellern, die sich selbst verkörpern. So spielt der Vater von Hauptdarsteller Brady Jandreau auch im Film das Familienoberhaupt. Und Brady Schwester Lilly wird im Film von seiner tatsächlichen Schwester verkörpert. Dass es sich bei ihnen auch im wahren Leben um eine Familie handelt, merkt man dem Spiel der Dreien an, gerade bei den gemeinsamen Szenen. Nichts wirkt gekünstelt oder aufgesetzt, vielmehr zeichnet sich der Umgang der Familienmitglieder untereinander durch eine einnehmende Wahrhaftigkeit aus. Besonders deutlich wird das z.B. in den Momenten, in denen der trübselige und resignierende Vater das Gespräch mit dem Sohn sucht. Entweder, um Brady den Ernst der Lage deutlich zu machen und die Konsequenz aus dem folgenschweren Unfall knallhart und emotionslos auf den Punkt zu bringen („Du wirst nie wieder reiten“). Oder um seinem Sprössling – wiederum sachlich und ohne Umschweife – klarzumachen, dass im Leben nicht alle Wünsche und Ziele realisierbar sind („Manchmal werden Träume einfach nicht wahr“).

„The Rider“ handelt inhaltlich vom Glauben an sich selbst, dem Festhalten an Lebensträumen sowie dem Umgang mit schlimmen Ereignissen und Traumata. Universelle Themen, die Zhao jederzeit ernst nimmt und in teils traumwandlerische, sinnliche Bilder übersetzt. Hierfür bietet ihr das gewählte Genre – der Western – ganz typische technische Umsetzungs- sowie visuelle Gestaltungsmöglichkeiten. Denn trotz aller tragischen Elemente und Versatzstücke aus dem Bereich des klassischen Familiendramas, versteht sich „The Rider“ nicht zuletzt als liebevolle Hommage an den Wilden Westen, seine Mythen und Legenden.

Und so schwelgt Zhao genüsslich in prachtvollen Panoramaaufnahmen der weiten Wüstenlandschaften und schier endlosen Prärien und inszeniert die Männer in ihrem Film zumeist als schroffe, hartgesottene und schweigsame Einzelkämpfer. Lonesome Rider, die ihre Zeit am liebsten mit ihren Pferden verbringen. Zu dieser eingeschworenen Cowboy-Gemeinschaft will auch Brady unbedingt gehören. Zu akzeptieren, dass sein Lebensweg nach dem Unfall nun vermutlich anders aussieht, ist sein härtester und schwerster Kampf.

Fazit: Schwermütiges, realistisch umgesetztes und mit tollen Laiendarstellern besetztes (Familien-) Drama, das sich auch als wahrhaftige Liebeserklärung an den Wilden Westen und seine Mythen lesen lässt.

Bewertung: 8/10

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.


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