The Man from Earth

The Man from Earth RezensionWas wäre, wenn ein guter Freund behauptete, er sei 14.000 Jahre alt? Dieser auf den ersten Blick völlig absurden Frage widmet sich Richard Schenkmans mit Filmpreisen überhäufter Streifen „The Man from Earth“. Obwohl der Film das Label „Science Fiction“ trägt, handelt es sich um ein Kammerstück, das ohne jegliche Spezialeffekte daherkommt und größtenteils in einer kleinen Hütte spielt.
Kann das gut gehen? Und vielmehr: Kann so etwas tatsächlich spannend sein? Diese Fragen werden in garantiert weniger als 14.000 Jahren beantwortet werden!

Fred Feuersteins Zeitgenosse
Sehr zum Unverständnis seiner Kollegen und Freunde kündigt Professor John Oldman (David Lee Smith) an der Universität, um irgendwo ein neues Leben zu beginnen. Am Tag seines Umzugs suchen sie ihn ein letztes Mal auf, um sich von ihrem lieb gewonnenen Freund zu verabschieden. Was ihn zu seiner Entscheidung bewogen hat, will John anfangs nicht erklären. Nur zögerlich gibt er schließlich sein Motiv preis, das buchstäblich unglaublich klingt: Da er seit 14.000 Jahren am Leben ist darf er an keinem Ort allzu lange verweilen, um keinen Verdacht zu erregen.
Und mehr noch: Tatsächlich habe er unter einem gänzlich anderen Namen die Weltgeschichte für immer verändert …

Science? Fiction?
Wer sich einen actiongeladenen SF-Kracher erwartet, könnte falscher nicht liegen: „The Man from Earth“ erzeugt seine Spannung lediglich durch Dialoge, die ihre Wirkung erst allmählich entfalten. Tatsächlich könnte der Film genauso gut auf einer Bühne aufgeführt werden – und wenig überraschend wirkt die spärliche Kulisse zunächst ungewohnt.
Sämtliche Bedenken, ob Schenkmans neuer Streifen dennoch zu fesseln weiß, lösen sich binnen weniger Minuten auf, sofern man als Zuschauer bereit ist, sich auf dieses Gedankenexperiment einzulassen.

Denn: Dieser hochintelligente Film lebt nicht einfach von seiner originellen Plotidee, sondern vor allem von den sich daraus entspinnenden Fragen, die unweigerlich auftreten und unaufhörlich im Kopf des Betrachters kreisen.

Wie definiert man Realität?
Die augenscheinlichste Frage ist natürlich jene, ob Johns Geschichte wahr sein kann oder er seine Kollegen auf den Arm nimmt. Aus Sicht der Zuhörer beunruhigt, die Tatsache, dass er eben jene – angebliche? – Lebensgeschichte eines nahezu Unsterblichen ebenso plausibel, wie auch realistisch wiederzugeben vermag. Die anfängliche Skepsis seiner Freunde schlägt deshalb langsam, aber sicher in stete Verunsicherung um.
Johns Beschreibungen sind derart plastisch, dass die Anwesenden nur vor einem mehr Angst haben, als der Vorstellung, er wäre geisteskrank: Was, wenn die Geschichte wahr ist?
Welche Auswirkungen hätte dies auf die „Realität“ jedes Einzelnen?

Wie beweist man eine subjektive Realität?
Subtiler wird der Beweisfrage nachgegangen: Wie kann John seine Behauptungen beweisen? So banal dies auch klingen mag, zeigt sich doch rasch die faktische Unmöglichkeit dieses Unterfangens. Schließlich handelt es sich beim Begriff „Realität“, besonders in Zusammenhang mit „Historie“, um einen Konsens, der von zahlreichen Individuen getroffen wurde. Muss Realität deshalb verworfen werden, wenn sie „subjektiv“ erlebt wird und sich das Mäntelchen des Konsenses nicht überstreifen kann?

Lehrstück mit kleinem Mangel
„The Man from Earth“ verdient die größtenteils positiven Kritiken und geernteten Lorbeeren redlich! Er ist der seltene Glückfall eines stillen, und doch enorm packenden Filmes, dessen Wirkung mit dem Abspann nicht völlig verpufft, sondern herausfordert, die gestellten Fragen selber zu beantworten.

Während die Schauwerte gegen Null tendieren, sind die darstellerischen Leistungen auf einem hohen Niveau angesiedelt. Der eher unbekannte David Lee Smith glänzt in der Rolle des Protagonisten vor allem durch Zurückhaltung. Sein John Oldman (Nomen est Omen!) ist ein gleichwohl sympathischer, als auch faszinierend ungewöhnlicher Mensch der es nicht nötig hat, sich großartig in Szene zu setzen. Im Gegenteil: Spricht er von seiner langen, schillernden Vergangenheit, behält er eine gewisse Distanz zu sich selbst.
Er ist kein Held und wollte niemals einer sein. Was er erlebte, tat oder auch verabsäumte, geschah stets in dem Bewusstsein, sich trotz seiner Einzigartigkeit nicht über andere Menschen zu stellen.

Wenn es etwas zu bemängeln gibt, dann das Ende, welches eine Spur zu mainstreammäßig geriet. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, da sich jeder an intelligenter, origineller Unterhaltung zum Nachdenken Interessierte von den Qualitäten des Filmes persönlich überzeugen sollte.

„The Man from Earth“ ist kein künstlich aufgeblasenes, „großes“ Kino, sondern ein Kleinod zeitgenössischer Kinokunst. Meine Empfehlung: Am besten im Freundeskreis ansehen und anschließend darüber diskutieren.


Darsteller

  • David Lee Smith … John Oldman
  • John Billingsleyt … Harry
  • Tony Todd … Dan
  • Ellen Crawford … Edith
  • William Katt… Art
  • Alexis Thorpe … Linda Murphy
  • Richard Riehle … Dr. Will Gruber

Regie
Richard Schenkman

Produktionsland, Jahr
USA, 2007

The Man from Earth Trailer


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4 Comments so far »

  1.  

    void said

    März 26 2009 @ 10:20

    der film ist für mich ein genuss.

    gruss
    void

  2.  

    john youngman said

    Juli 14 2009 @ 02:14

    ich muss dem “kleinen mängel” wiedersprechen es ist meiner meinung nach ein gelunges, wenn nicht sogar leicht überraschendes ende, welches die art verwirrung die, im späteren verlauf, aufkommt doch wieder entwirrt und noch einmal die frage auf wirft wie es wohl wäre wenn….

    mir hat der film sehr gut gefallen,
    endlich mal eine abwechslung von diesen stumpfen hollywood blockbustern und ein film der einen doch mal zum nachdenken anregt.

    gruß John 😉

  3.  

    Rainer said

    August 5 2009 @ 17:25

    @ john
    Ist natürlich reine Geschmackssache, ob man die “Auflösung” gut oder schlecht findet. Persönlich hätte ich einen anderen Schluss bevorzugt, aber, hey!, jedem seine Meinung. 🙂

  4.  

    Erleuchtung said

    Februar 8 2011 @ 03:22

    Hilfsbereitschaft, Toleranz, Nächstenliebe, Demut und schonungsloser Realismus – es sind die Lehren des Lebens, die wir verfolgen sollen und die unserem Leben einen Sinn geben. Diese Werte kommen von Innen, wir müssen sie an unsere Kinder weitergeben und ihnen vorleben, nur so kann das Gute auf der Welt existieren. Nennt es, wie ihr es wollte, ob Good, Gott, Allah, Budda etc. Es ist das Gute, dass die höhere Kraft ausmacht und unsere Welt zu einem besseren Ort macht.

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