The Killing of a Sacred Deer Kritik

The Killing of a Sacred Deer Filmkritik

Der Herzchirurg Steven (Colin Farrell) führt mit seiner Frau Anna (Nicole Kidman), und den Kindern Bob (Sunny Suljic) und Kim (Raffey Cassidy), ein beschauliches Leben. Die Familie hat viel Geld und bewohnt ein luxuriöses Anwesen. Auffällig ist nur, dass Steven sich in seiner Freizeit regelmäßig mit dem 16-jährigen Martin (Barry Keoghan) trifft. Sie gehen zusammen ins Café, Martin gibt ihm Geld oder macht ihm immer wieder teure Geschenke, wie etwa eine Uhr. Der Arzt fühlt sich verantwortlich für den Jungen, seitdem dessen Vater bei einer von Steven durchgeführten OP verstarb. Die Lage verschärft sich, als sich Martin immer mehr in Stevens Leben drängt: er schaut immer öfter bei dessen Familie vorbei, trifft sich allein mit Kim und versucht sogar, seine Mutter mit Steven zu verkuppeln. Als es Martin zu viel wird droht Steven, dass Unheil über die Familie kommen wird. Wenig später können Kim und Bob ihre Beine nicht mehr spüren und verweigern die Nahrungsaufnahme. Um den Fluch zu brechen, verlangt Martin von Steven, eines seiner Kinder zu opfern.

Der Grieche Giorgos Lanthimos kehrt zweieinhalb Jahre nach seiner ebenfalls mit Colin Farrell besetzten Groteske „The Lobster“, ins Kino zurück. Der Titel seines neuen Films „The Killing of a Sacred Deer“, geht zurück auf die Mythenbildung um Iphigenie. In der griechischen Mythologie ist sie die Tochter des Königs von Mykene, Agamemnon. Die Dreharbeiten zum Film begannen im August 2016 im US-Bundesstaat Ohio und brachten zum zweiten Mal die beiden Hollywoodstars Farrell und Nicole Kidman zusammen. Beide drehten wenige Monate zuvor bereits das Drama „The Beguiled“ von Sofia Coppola. Seine Weltpremiere feierte „The Killing of a Sacred Deer“ bei den internationalen Filmfestspielen von Cannes 2017.


Regisseur Lanthimos ist ein Meister des Absurden und Surrealen. Das bewies er bereits mit seinem letzten Film „The Lobster“, in dem einige Singles 45 Tage Zeit bekommen, sich zu verlieben. Andernfalls werden sie in Tiere verwandelt. Ebenso abstrus und schwer greifbar mutet ebenso „The Killing of a Sacred Deer“ an, inhaltlich wie zu weiten Teil auch inszenatorisch. Denn lange Zeit fragt sich der Zuschauer z.B.: wieso übernimmt Steven die Rolle des Ersatzvaters von Martin? Warum überhäuft er ihn mit Geschenken und verbringt beinahe mehr Zeit mit Martin als mit seiner Familie? Die Antwort darauf kommt erst im Laufe des Films ans Licht als klar wird, dass es sich bei dem Tod von Martins Vater (wahrscheinlich) mit Nichten um einen tragischen Wink des Schicksals handelte.

Spätestens dann zeigt sich: In „The Killing of a Sacred Deer“ geht es in erster Linie um Sühne. Auge um Auge. Zahn um Zahn. Und darum, die eigene Schuld anzuerkennen und für die Konsequenzen die Verantwortung zu übernehmen. Um seine Vergeltungs-Geschichte zu erzählen, stattet Lanthimos seinen Film mit allerlei Anspielungen auf den antiken Iphigenie-Mythos aus. Darin opferte Agamemnon seine eigene Tochter, um seine Schuld an den Göttern zu sühnen. Sein Vergehen: er hatte auf dem heiligen Hain einen Hirsch („Sacred Deer“) getötet. Ein weiterer Verweis: an einer Stelle des Films wird erwähnt, dass Kim einen Schulaufsatz über den Mythos verfasst hat. Auf diese Art gewährt Lanthimos dem Zuschauer unterschwellige und versteckte Botschaften, auf was es dem verstörten Martin ankommt: Blutrache.

Vor allem eine Szene verdeutlicht, dass Steven aber zunächst die Rolle von Martins verstorbenem Vater einnehmen soll. Eine Szene, die nach wenigen Minuten auf radikale Weise in aberwitzige, schwarzhumorige Gefilde abdriftet. Als nämlich Martins Mutter bei sich zu Hause versucht, Steven zu verführen. Dies versucht sie auf eine derart ungeschickte, beschämende Art, dass man sich als Zuschauer ein verstohlenes Lächeln nicht verkneifen kann. Überhaupt ist der Film immer wieder durchzogen von groteskem, bitterbösem Humor, der für kurze Zeit vergessen lässt, in welch einem Dilemma die Hauptfigur steckt. Etwa jene Momente, in denen Anna für ihren Arztgatten die narkotisierte Patientin spielt. Im Ehebett, als obligatorisches Vorspiel für den daran anknüpfenden Akt.

Dann aber scheint wieder das Grauen durch. Und die unheilvoll-bedrohliche Stimmung einer sich ankündigenden Tragödie, die wie ein Schleier über dem Film liegt. Etwa wenn Martin seinem „Opfer“ Steven in einem verstörenden Gespräch offenbart, was in naher Zukunft mit seinen Kindern passieren wird. Unterstrichen wird diese beständige Atmosphäre der unausweichlichen Gefahr für Leib und Leben durch die markerschütternde, beklemmende musikalische Untermalung: mal in Form kurzer, lauter Töne, mal anhand schriller, verzerrter Streicher-Klänge. Und letztlich tragen auch die einnehmenden darstellerischen Leistungen zum Gelingen des Werks bei. Allen voran Nicole Kidman als hilflose, enorm leidensfähige Ehefrau und Barry Keoghan als psychisch schwerst gestörter junger Mann, überzeugen.

Fazit: Anspielungsreicher, düsterer und teils schwer verdaulicher Mix aus Psychothriller, Horror-Groteske und surrealem Familien-Drama, ausgestattet mit tiefschwarzem Humor und einer markerschütternden musikalischen Untermalung.

Bewertung: 9/10

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.


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