The Descent – Abgrund des Grauens

The Descent - Abgrund des Grauens FilmkritikEinen im wahrsten Sinne des Wortes beklemmenden Horrortrip schildert Neil Marshall („Doomsday“) mit seinem ersten großen Film „The Descent – Abgrund des Grauens“. Der nur rund sechs Millionen Dollar teure Horrorstreifen spielte weltweit alleine in den Kinos das Achtfache ein und erhielt teils hymnische Kritiken. Dabei ist das Setting – eine Gruppe völlig verschiedener Charaktere gerät in eine bedrohliche Extremsituation und muss sich einem schier übermächtigen Feind stellen – auf den ersten Blick alles andere als originell.

Ungewöhnlich, zumal für einen Horrorfilm, ist jedoch die Tatsache, dass sämtliche Protagonisten von Frauen dargestellt werden, die sich ihrer Haut zumindest so gut wie Männer erwehren, anstatt sich kreischend von Muskelprotzen retten zu lassen. Ob der Film gemäß seinem Titel einen qualitativen Abstieg oder doch einen Höheflug des Horrorgenres darstellt, soll nachfolgend ergründet werden.

Unterirdischer Selbstfindungstrip
Die sechs Freundinnen Sarah (Shauna Macdonald), Juno (Natalie Jackson Mendoza), Beth (Alex Reid), Rebecca (Saskia Mulder), Sam (MyAnna Buring) und Holly (Nora-Jane Noone) beschließen, in einem Höhlensystem der Appalachen den Alltag zumindest für ein paar Stunden hinter sich zu lassen. Vor allem Sarah hat diese Abwechslung bitter nötig, hat sie doch ihren Ehemann und ihre Tochter bei einem tragischen Autounfall verloren – ein Trauma, das sie nicht mehr los lässt und ihr ständig wiederkehrende Träume von ihrer kleinen Tochter beschert.

Die Führung der Gruppe übernimmt die hartgesottene Juno, der die Freundinnen auch die Auswahl des Höhlensystems verdanken. Nach dem problemlosen Abstieg und dem Bestaunen der unterirdischen Naturwunder geschieht ein folgenschwerer Zwischenfall: Sarah bleibt beim Durchrobben einer engen Röhre stecken. Beth gelingt es, die in Panik verfallende Sarah aus der misslichen Situation zu befreien. In letzter Sekunde, denn unmittelbar hinter der sich aus der Röhre windenden jungen Frau stürzt der Fels ein und verschüttet den Durchgang.

Erst jetzt rückt Juno mit der Wahrheit heraus: Anstatt in ein erschlossenes, hat sie ihre Freundinnen in ein noch völlig unerforschtes Höhlensystem geführt, um das Abenteuer aufregender zu gestalten und womöglich interessante Entdeckungen zu machen. Der Preis für den Leichtsinn ist hoch, denn nun müssen die sechs Frauen auf eigene Faust den Aufstieg in die Oberwelt schaffen. Während sie den rettenden Weg nach oben suchen wird immer klarer, dass sie von jemandem beobachtet werden. Schließlich erfolgt der erste Angriff auf die Frauen: Blinde, an die unterirdische Welt perfekt angepasste Kreaturen hungern nach frischem Fleisch …

Klaustrophobischer Horrortrip
„The Descent – Abgrund des Grauens“ ist trotz des etwas melodramatischen Aufbaus zu Beginn derart fesselnd, dass man keine Sekunde davon versäumen möchte. Betulich wird der Abstieg der sechs Protagonistinnen in das unterirdische Höhlensystem geschildert. Die den wohl meisten Zuschauern bestenfalls aus Filmen oder Büchern bekannte unterirdische Welt ist ein glänzender Ausgangspunkt für puren Horror. Denn abgeschiedener von jeglicher Zivilisation oder wehrloser kann man als Mensch gar nicht sein, als unter der Erdoberfläche. Zumal die überlebensnotwendige Energie der Taschenlampen unweigerlich zu versiegen droht.

Um die volle Wirkung des Filmes zu entfalten, sollte dieser abends in einem abgedunkelten Raum angeguckt werden. Denn wenn etwa Sarah in einem engen Durchgang stecken bleibt und in Panik verfällt, kann dies der Zuschauer fast schmerzlich am eigenen Leib nachfühlen. Gefangen zwischen tausenden Tonnen an Gestein, abseits potenzieller Hilfe, in wenigen Stunden ewige Finsternis drohend …

Überhaupt versteht es Regisseur Neil Marshall, für einzigartige Atmosphäre zu sorgen. In den engen Höhlenräumen lauert beständig Gefahr. Zunächst geht diese von den Umständen des verschütteten Gangs zurück ins Tageslicht aus. Danach folgen die gastunfreundlichen Bewohnter der Höhle und schlussendlich brechen auch noch gruppeninterne Konflikte aus.
Ungeduldige Splatterfreunde, denen es gar nicht rasch genug mit dem Blutvergießen gehen kann, seien vorgewarnt: Bis zum ersten Angriff dauert es lange, sehr lange. Dennoch stellt sich keine Minute lang auch nur ansatzweise Langeweile ein.

Kriecherische Schleimer
Jene bedrohlichen Kreaturen, die den Frauen das Überleben schwer machen, werden hervorragend in den Film integriert. Ihre Gestalt und ihr Verhalten sind schnörkellos und dennoch äußerst effizient. Marshall schildert sie als perfekt an ihre Umwelt angepasste Fleischfresser, die sich ähnlich Fledermäusen am Schall orientieren. Die schleimigen Wesen haben überdies hinaus einen gewaltigen Vorteil gegenüber den unfreiwilligen Eindringlingen in ihre Welt: Sie benötigen zur Orientierung kein Licht, welches wiederum den Frauen allmählich auszugehen droht …

Der erste Schockeffekt erfolgt übrigens auf beinahe nebenläufige Weise, wie „The Descent – Abgrund des Grauens“ überhaupt ungemein sparsam und gleichzeitig extrem effizient kalte Schauer über den Rücken des Zuschauers zu jagen versteht.

Dankenswerterweise entstanden die Höhlenkreaturen nicht am Computer, sondern werden von Schauspielern verkörpert. Nicht nur auf Grund dieses Umstands bewegt sich der Streifen nahe am klassischen Horrorfilm der 1970er und 1980er Jahre. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen nicht die Effekte, sondern die Charaktere. Was in den letzten Jahren höchst selten geworden ist, nämlich das Zittern um die Filmfiguren, wird hier endlich wieder praktiziert. Die hervorragend agierenden Schauspielerinnen hauchen den jeweiligen Figuren höchst überzeugend Leben ein. Dabei erweist sich die sorgfältige Auswahl der Darstellercrew als Vorteil: Man nimmt den jungen Frauen ihre Schicksale bzw. Eitelkeiten schon deshalb ab, weil sie selbstbewusst agieren und keine hilflosen, rein nach optischen Gesichtspunkten ausgewählten Püppchen erweisen.

Konsequenterweise geht es vor allem im letzten Drittel des Films heftig zur Sache und entdecken die von der Zivilisation verwöhnten Frauen ihre Überlebensinstinkte.

Besonderes Lob verdient auch die musikalische Untermalung, die perfekt zum Geschehen auf der Leinwand bzw. dem Bildschirm passt und somit einen angenehmen Kontrapunkt zum ärgerlichen Pseudo-Soundtrack vieler Horrorfilme bildet, die eher wahllos amerikanisches Pop-Gedudel unter die Tonspur mischen.

Fazit: „The Descent – Abgrund des Grauens“ kann jedem Horrorfan nur ans Herz gelegt werden! Simpler, aber effektiver Plot, hervorragende Schauspielerinnen, tolle Effekte und pures Grauen. Was kann man mehr von einem Genrestreifen verlangen?


Darsteller

  • Shauna Macdonald … Sarah
  • Natalie Jackson Mendoza … Juno
  • Alex Reid … Beth
  • Saskia Mulder … Rebecca
  • MyAnna Buring … Sam
  • Nora-Jane Noone … Holly
  • Oliver Milburn … Paul
  • Molly Kayll … Jessica

Regie
Neil Marshall

Produktionsland, Jahr
GB, 2005

The Descent – Abgrund des Grauens Trailer



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