Sunburned Kritik

Die vierzehnjährige Claire (Zita Gaier) verbringt die Ferien mit ihrer älteren Schwester Zoe (Nicolai Borger) und ihrer Mutter Sophie (Sabine Timoteo) in einem Hotel am Strand in der spanischen Region Andalusien. Claire ist enttäuscht, dass ihre Mutter, die die meiste Zeit am Pool des Hotels verbringt, nur wenig Interesse für ihre Töchter zeigt. Immerhin bleibt Claire noch ihre Schwester, an die sie sich in den ersten Tagen klammert. Doch auch das wird zunehmend schwerer, als sich Zoe in einen gleichaltrigen Jungen verliebt und mit diesem ihre Zeit verbringt. Auf sich allein gestellt und gelangweilt, streift Claire am Strand umher. Dort lernt sie bald darauf den Strandverkäufer Amram (Gedion Oduor Wekesa) kennen. Claire will dem aus dem Senegal stammenden Jungen, der sich nichts mehr wünscht als seinen Vater endlich wieder zu sehen, helfen. Es ist der Beginn einer komplizierten Beziehung.

„Sunburned“ ist der dritte Spielfilm der in Berlin lebenden schwedischen Regisseurin Carolina Hellsgård. Bekannt wurde die studierte Filmwissenschaftlerin mit ihrem Drama „Wanja“, das 2015 auf der Berlinale debütierte. Drei Jahre später sorgte sie mit ihrem Horrorfilm „Endzeit“ für Furore. Ein feministischer Film, der eine Zombie-Apokalypse aus weiblicher Perspektive schildert. „Sunburned“, für den Hellsgård auch das Drehbuch schrieb, ist eine deutsch-polnische Koproduktion.

Hellsgård erzählt in ihrem neuesten Werk eine außergewöhnliche (Coming-of-Age-) Geschichte aus der Sicht einer mutigen jugendlichen Protagonistin. Diese eignet sich – obwohl sie nicht vor Diebstahl zurückschreckt um Amram zu helfen – hervorragend als Identifikationsfigur. Denn Claire steht symptomatisch für eine Generation von jungen Menschen, die sich aufgrund der sie umgebenden medialen Welten und der stets präsenten digitalen Verlockungen überfordert und einsam fühlt. Hinzu kommt ein fehlendes elterliches Interesse, das sich unter anderem in Form einer egoistischen, vergnügungssüchtigen Mutter zeigt, die lieber am Pool mit den – wesentlich jüngeren – Animateuren flirtet als sich um ihre Töchter zu kümmern.

Zita Gaier spielt diese sich unverstanden und verloren fühlende Claire ganz wunderbar. Claire ist eine Außenseiterin inmitten sich vergnügender und sorgenfreier Erwachsener. Bis sie eines Tages auf den senegalesischen Migranten Amram (authentisch in seiner Darstellung: Gedion Oduor Wekesa) trifft. Claire und Amram verstehen einander und Hellsgård nimmt sich viel Zeit, um das Kennenlernen der Beiden zu schildern. Sie erkunden die Insel, treiben Schabernack und kommen näher. Allerdings ist nie so ganz klar, welche Art von Beziehung die zwei Jugendlichen eigentlich führen. Es scheint eine besondere Mischung aus Freundschaft, Abhängigkeitsverhältnis, Urlaubsflirt und erster Liebe zu sein.

Dass dies nie so eindeutig offensichtlich wird und Claire wenig später moralisch fragwürdige Entscheidungen trifft, die dem Film eine subtil bedrohliche Stimmung verleihen, machen den Reiz dieses kleinen aber feinen, sehr menschlichen Films aus. Ein Werk, das den Betrachter zur Reflexion und zum kritischen Hinterfragen herausfordert. Besonders lobenswert ist es, dass Hellsgård beim Betrachten des Schicksals eines ums Überlenden kämpfenden Flüchtlings (Amram verkauft für ein paar Cent am Tag Armbänder) keine allseits bekannten Bilder und Szenen von im Meer treibenden Flüchtlingsbooten oder verwahrlosten Unterkünften bemüht. Sie zeigt diesen Jugendlichen stattdessen als heranwachsenden Mann, mit ganz normalen Bedürfnissen, einer langsam erwachenden Sexualität und dem Verlangen nach Schutz sowie Sicherheit.

Fazit: Feinfühliger und besonnen erzählter Mix aus Flüchtlingsschicksal, Familiendrama, Tourismus-Kritik und Coming-of-Age, der von seinen überzeugenden Darstellern sowie der lebensnahen Figurenzeichnung lebt.

Bewertung: 8/10

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.


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