Spiel mir das Lied vom Tod Kritik

spiel-mir-das-lied-vom-todDrei bedrohlich dreinblickende Männer in langen Staubmänteln betreten eine vereinsamte Bahnstation inmitten der Einöde der amerikanischen Wüste. Sie warten dort auf jemanden. Lange passiert nichts. Die Kamera zeigt in langen Einstellungen die verschwitzen Gesichter der drei Männer. Im Hintergrund hört man ein quietschendes Windrad, einer der drei Männer vertreibt sich die Zeit mir einer Fliege. Dann kommt der Zug an. Allem Anschein steigt jedoch niemand aus. Der Zug fährt wieder ab. Das Geräusch des Zuges verschwindet langsam und wird immer leiser, die Männer ziehen wieder ab. Dann plötzlich hören sie eine Melodie. Eine Mundharmonika. Ein Mann auf der anderen Seite der Schienen spielt sie. Es kommt zu einem kurzen Gespräch. „Habt ihr ein Pferd für mich?“, fragt der geheimnisvolle Fremde. Einer der drei Männer antwortet: „Wenn ich mich so umsehe, dann sind nur drei da. Sollten wir denn tatsächlich eins vergessen haben?“ Die Antwort des Fremden: „Ihr habt zwei zuviel.“ Dann ein Schusswechsel. Der Beginn der mythischen Pferde-Oper „Spiel mir das Lied vom Tod“ von Sergio Leone, der berühmteste aller Italo-Western.

Der italienische Regisseur Sergio Leone macht sich bereits vor dem Dreh von „C’era una volta il West“ (so der italienische Originaltitel) einen Namen als Regisseur der „Dollar“-Trilogie. Diese drei Filme – „Für eine Handvoll Dollar“ (1964), „Für ein paar Dollar mehr“ (1965) und „Zwei glorreiche Halunken“ (1966) – prägen das Genre des Italo-Western nachhaltig und verhelfen darüber hinaus Clint Eastwood zum weltweiten Durchbruch. Leone ist zwar nicht der Erfinder des Spaghetti-Western, seine Werke beeinflussen dieses Subgenre aber maßgeblich. Mit „Spiel mir das Lied vom Tod“ sollte er sich dann zwei Jahre später selbst übertreffen. Dieses Meisterwerk, 1968 inszeniert und letzter Western von Leone, überragt sogar noch seine großen Vorläufer und gilt – zu Recht – als Meilenstein der Filmgeschichte. Dafür sorgen die verstaubten, dreckigen Bilder, die Leone zusammen mit seinem Kameramann Tonino Delli Colli erzeugt, die langen, fast epischen Einstellungen und Kamerafahrten, eine exzellente Darstellerriege und schließlich ein in allen Belangen genialer Soundtrack.

Hintergrund für die Handlung des Films bildet die Erschließung des unberührten, weiten amerikanischen Westens durch den Bau der Eisenbahn. Ein Schienenstrang nach dem anderen ebnet sich den Weg in die neue Zeit. Der korrupte Chef einer Eisenbahngesellschaft hat es auf das Anwesen eines Farmers abgesehen, das genau durch das neue Eisenbahngebiet verläuft. Dieser weigert sich aber, sein Land einfach aufzugeben – und bezahlt diese Entscheidung mit dem Leben. Seine Witwe Jill (Claudia Cardinale, die damals als eine der schönsten Frauen der Welt gilt) führt das Erbe ihres Mannes fort und weigert sich ebenso die Farm zu verlassen. Das ruft den eiskalten Killer Frank auf den Plan (Henry Fonda, der mit der Rolle des Bösewichts einen Imagewechsel vollzieht), der sich um die Witwe „kümmern“ soll. Der Witwe bieten sich in Form des verschrobenen Gesetzlosen Cheyenne (Jason Robards, wunderbar kauzig und mit unnachahmlichen Hunde-Blick) und eines wortkargen Mundharmonikspielers (Charles Bronson in der Rolle seines Lebens) zwei Gehilfen an, die ihre ganz eigenen Ziele verfolgen. Allen voran der geheimnisvolle Fremde…

Nach seiner „Dollar-Trilogie“ will Leone eigentlich keine Western mehr inszenieren und mit diesem Genre abschließen. Ihm schwebt damals das Gangster-Epos „Es war einmal in Amerika“ vor, für das sich jedoch kein Geldgeber findet. Leone entschließt sich nun doch für einen weiteren Western und dreht schließlich „Spiel mir das Lied vom Tod“ – Leones erste US-Produktion. Er entwickelt die Geschichte gemeinsam mit den damals noch unbekannten Regisseuren Bernardo Bertolucci und Dario Argento und liefert mit „Spiel mir das Lied vom Tod“ zugleich den ersten Teil einer weitern Trilogie, der sogenannten „Amerika“-Trilogie. Es folgen „Todesmelodie“ (1971) und „Es war einmal in Amerika (1984). Alle drei Filme behandeln prägende Abschnitte in der amerikanischen Geschichte, so auch „Spiel mir das Lied vom Tod“. Man kann den Film durchaus als eine Art Western-Märchen ansehen, wirft er doch einen romantisierten Blick auf den amerikanischen Westen vor der industriellen Revolution, also auf das Amerika vor der Erschließung des Westens. Leone zeigt uns den Westen als einen (noch) unzivilisierten und unberührten Ort, der mit dem durch die Eisenbahn hervorgerufenen modernen, industriellen Einbruch in ein neues Zeitalter geführt wird. Wir befinden uns am Wendepunkt zwischen der alten und der neuen, industriellen Welt. „Spiel mir das Lied von Tod“ ist deshalb auch eine melancholische und wehmütige Hommage an eine verlorene Welt, die so nicht mehr existiert. Leone findet dafür atmosphärische und beeindruckende Bilder vom „Wilden Westen“, wie es sie in diesem Genre wohl nur in Filmen von John Ford („Der schwarze Falke“, „Der letzte Befehl“) und Howard Hawks („Red River“, „Rio Bravo“) zu bestaunen gibt.

Dem italienischen Regisseur gelingt es zudem, eine ganze Reihe herausragender Darsteller für den Film zu gewinnen. Er besetzt die Rollen mit erfahrenen Schauspielern und Leinwandgrößen, die mit zum Besten gehören, was die damalige Filmbranche zu bieten hat. Da ist zum einen Henry Fonda als eiskalter und unerbittlicher Killer Frank, der auch nicht davor zurückschreckt, ganze Familien auszulöschen. Fonda stellt den Killer als gefühlslosen und sadistischen Mann ungemein intensiv dar. Er gilt zu dieser Zeit durch seine Rollen in Filmen wie „Die 12 Geschworenen“ (1957) und „Der längste Tag“ (1961) als einer der führenden Charakterdarsteller Hollywoods. Auch Claudia Cardinale als Witwe Jill erweist sich als Glücksgriff. Jill wirkt zugleich zerbrechlich und verletzbar, andererseits unterstreicht sie mit ihrem Verhalten allen voran Frank gegenüber ihr enorm starkes und widerstandsfähiges Wesen. Darüber hinaus lässt einen die Anmut und Schönheit der Cardinale zu der Zeit von „Spiel mir das Lied vom Tod“ (sie ist nicht einmal 30 Jahre alt) auch heute noch sprachlos zurück.

Auch Jason Robards als schrulliger Outlaw Cheyenne und Charles Bronson als schweigsamer und geheimnisvoller „Harmonica“, der seine ganz persönliche Rechnung mit Frank zu begleichen hat, brillieren. Bronson ist damals bereits seit 20 Jahren als Schauspieler aktiv, jedoch schafft er erst als Mundharmonikaspieler seinen großen Durchbruch. Das verdankt er seinem fast ausschließlich auf Ausdruck und Mimik beruhenden Spiel, das in den vielen Nahaufnahmen und langen Einstellungen auf das vernarbte Gesicht besonders zur Geltung kommt. Leone meint damals über Bronson: „Er hat ein Gesicht, mit dem man eine Lokomotive stoppen könnte.“ Deshalb kommt nur Charles Bronson für diese Rolle in Frage.

„Spiel mir das Lied vom Tod“ wirkt mitunter ein wenig langatmig und regelrecht „ausgedehnt“. Doch das ist genau das, was Leone erreichen will: Eine langsam erzählte, episch breite Parabel und Western-Oper über den Amerikanischen Traum von Freiheit, der in „Spiel mir das Lied vom Tod“ ausgeträumt ist. Erwähnt werden soll an dieser Stelle noch die bahnbrechende Filmmusik von Meisterkomponist Ennio Morricone. Es wurde schon viel über ihn und seine Musik für „Spiel mir das Lied vom Tod“ geschrieben. Nur soviel: Wie er jedem Charakter und Protagonisten im Film seine ganz eigene Erkennungsmelodie auf den Leib komponiert ist bis heute unerreicht. Die Charaktere müssen nicht sprechen, die Musik spricht für sie. Und das musikalische Thema von „Harmonica“ ging bekanntlich in die Popkultur ein.

Musik, Dramaturgie, Darsteller und Inszenierung machen „Spiel mir das Lied vom Tod“ zum Höhepunkt des Italo-Westerns und zu einem der besten Filme der Geschichte.

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider


Darsteller

  • Henry Fonda
  • Claudia Cardinale
  • Jason Robards
  • Charles Bronson
  • Gabriele Ferzetti
  • Paolo Stoppa
  • Woody Strode
  • Jack Elam
  • Keenan Wynn
  • Frank Wolff
  • Lionel Stander
  • Livio Andronico

Regie
Sergio Leone

Erscheinungsjahr
1968

Spiel mir das Lied vom Tod Trailer


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1 Kommentar so far »

  1.  

    Günther said

    April 28 2011 @ 11:40

    Mir gefallen vor allem die Körperfahrten mit der Kamera und die Eye-Shots. Einfach atemberaubend, ebenso wie die Fahrt von der Halbtotalen in die Nahaufnahme, um damit den Fokus zu verschieben. Sehr eindringlich und packend. Auch heute noch ein Film den ich mir immer wieder gerne angucke.

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