Sing Street Kritik

sing street kritikDie irische Hauptstadt Dublin 1985: Der 14-jährige Conor wächst in schwierigen Verhältnissen auf: seine Eltern stehen kurz vor der Scheidung und aus finanzieller Not muss er die Schule wechseln. In seiner neuen Schule zieht er sich zurück und flüchtet mit Hilfe seines großen Bruders Brendon (Jack Reynor) in die Welt von New Wave und Pop. Insgeheim träumt er von der hübschen Raphina (Lucy Boynton), die er jeden Tag gegenüber der Schule stehen sieht. Da sie für ihn unerreichbar ist, denkt er sich etwas ganz besonderes aus, um ihr Herz für sich zu gewinnen: er bietet ihr an, in einem Musikvideo seiner Band mitzuspielen. Dass Brendon weder singen noch ein Instrument spielen kann, geschweige denn eine eigene Band hat, ahnt Raphina nicht. Damit sein ausgeklügelter Plan nicht scheitert, gründet er mit dem Multiinstrumentalisten Eamonn (Mark McKenna) sowie einigen Jungs aus der Umgebung, eine Indie-Pop-Band. Conor bleibt nicht viel Zeit, seine Fähigkeiten zu verbessern, da Raphina in ein paar Wochen nach London ziehen will.

Der aus Dublin stammende Regisseur John Carney bleibt mit „Sing Street“ seinem angestammten Genre der romantischen Musik-Komödie, treu. Im Gegensatz zu seinen vorherigen Erfolgsfilmen „Once“ (2006) und „Can a song save your life“ (2013) sind die Protagonisten hier allesamt im Teenie-Alter. Carney, der in den frühen 90ern als Bassist Teil einer Rockband war, verarbeitete mit „Sing Street“ Erlebnisse und Erinnerungen aus seiner eigenen Jugend in der irischen Metropole. Dort wurde der Film auch gedreht, der nicht zuletzt auch von seinem poppigen 80er-Jahre-Soundtrack lebt. Im Film sind neben bekannten Titeln jener Tage von Pop- und Rock-Größen wie Duran Duran, Hall and Oates oder Joe Jackson auch viele Neukompositionen zu hören, die Carney gemeinsam mit dem Musiker Gary Clark schrieb. Clark war in den 80er-Jahren Sänger der kurzzeitig erfolgreichen Band Danny Wilson („Mary’s Prayer).

Regisseur Carney sagte kürzlich in einem Interview, dass er für seinen Film hinsichtlich Ausstattung, Outfits und Musik nicht viel recherchieren musste, da er sich noch sehr gut an die damalige Zeit – seine Jugendjahre in Dublin – erinnern könne. Sein Erinnerungsvermögen täuschte den 44-jährigen Filmemacher nicht, „Sing Street“ atmet zu jeder Zeit den Duft der (mittleren) 80er-Jahre, einer schrill-bunten Zeit, die von Föhnwellen, Schulterpolstern, anderer modischer Todsünden und stylischen Musikvideos bestimmt war. Dazu verfügt der Film über unzählige, großartige Hinweise und Reminiszenzen – oft versteckt und leicht zu übersehen – an die Kunst und Musik jener Tage, die vor allem Pop-Fans und Musik-Liebhabern große Freude bereiten dürfte: von einem Genesis-Song, der unauffällig und kurz aber doch hörbar im Auto von Raphinas Freund läuft, einem von Conor (mehr schlecht als recht) zum besten gegebenen aktuellen Top-Hit aus den Charts oder der Plattensammlung von Bruder Brendon, die, bei genauerem hinsehen, Klassiker von der Human League und Soft Cell, enthält.

Auf humorvolle und extrem gelungene Weise spielt der Film zudem mit der Mode jener Zeit und führt – mit Hilfe eines großartigen „Running-Gag“ – damit auch gleichzeitig den Selbstfindungsprozess von Jugendlichen vor Augen, den diese auf der Suche nach der eigenen Persönlichkeit, durchlaufen. Wenn Brendon seinem kleinen Bruder Nachhilfe in Sachen Musik und Bands gibt, so zeigt sich dieser (in seinem Schauspieldebüt äußerst abgeklärt und charismatisch agierend: Hauptdarsteller Jack Reynor) als gelehriger Schüler: am Tag nach der brüderlichen „Pop-Nachhilfe“ adaptieren Conor und Bandkollegen sogleich den Style und das Outfit der jeweils neu kennengelernten Band, egal ob es der düstere Gothic-Anstrich von The Cure ist oder der edle Dandy-Style von New Romantic-Bands wie Spandau Ballet. Als eine der stärksten, weil emotionalsten Szenen erweist sich eine Traum-Sequenz von Conor, in der alle wichtigen Personen in seinem Leben eine zentrale Rolle spielen. Diese mehrminütige Szene steckt voller Witz, Nostalgie und viel Liebe zum Detail – welche schließlich den gesamten Film auszeichnet.

Die einzigen Schwächen sind die wenig originelle Grundprämisse vom rebellischen Außenseiter, der mit seinen (unglaubwürdig schnell angeeigneten) herausragenden Songwriter-Fähigkeiten, die Frau seiner Träume gewinnt sowie die Tatsache, dass einige Inhaltsfetzen und schicksalhafte Erlebnisse im früheren Leben der Figuren (z.B. Raphinas angedeutete Vergewaltigung), nur grob skizziert oder kurz angerissen werden.

Fazit: Von einem herrlich eingängigen 80er-Soundtrack getragene, nostalgische Coming-of-Age-Story, die von den unverbrauchten Darstellern und der Liebe zum Detail lebt.

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.


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1 Kommentar so far »

  1.  

    Pit the Pit said

    Juli 26 2016 @ 13:53

    Um nochmal kurz zu meinem Conjuring-Kommentar zurückzukommen von gerade: ich hoffe, es wird von diesem sehr guten Film – eine echte Indie-Perle – nie einen verhunzten Aufguss oder einen zweiten Teil geben. Das kann nur Schief gehen. Allein der Soundtrack und die Einblendung der Songs an den exakt passenden Stellen machen ihn sehr sehr sehenswert!!

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