Silence Kritik

Silence Kritik

Portugal 1638: Der Jesuit Sebastião Rodrigues (Andrew Garfield) wird nach Japan geschickt, um dort Missionsarbeit zu leisten. Begleitet wird er von seinem Glaubensbruder Francisco Garrpe (Adam Driver). Außerdem sollen sie in dem ostasiatischen Land einem Gerücht auf den Grund gehen: der angesehene Pater Cristóvão Ferreira (Liam Neeson) soll nämlich vom Glauben abgefallen sein und dem Christentum abgeschworen haben. In dem Inselstaat angekommen, bietet sich den beiden jungen Jesuiten ein Bild des Schreckens: Christen und Missionare werden brutal verfolgt. Entdeckt man ihren Glauben oder ihre missionarischen Bestrebungen, sind sie dem Tode geweiht. Der Grund ist ein niedergeschlagener Aufstand auf einer nahegelegenen Halbinsel, der von Bauern initiiert wurde. Seit diesem Vorfall sind in Japan Andersgläubige von Folter, Kreuzigungen und Tod, bedroht.

„Silence“ ist der erste Film von Regie-Altmeister Martin Scorsese („Taxi Driver“, „GoodFellas“) seit seiner dreistündigen Dekadenz-Dramödie „The Wolf of Wall Street“ mit Leonardo DiCaprio (2013). Bereits seit Beginn der 90er-Jahre plante Scorsese, den Roman “Chinmoku” (Deutscher Titel: Schweigen) – 1966 vom japanischen Autor Shusaku Endo veröffentlicht – zu verfilmen. Jedoch kam es immer wieder zu Planänderungen und der Regisseur musste andere Produktionen vorziehen. Anfang 2015 war es dann soweit: in Taiwan begannen die Dreharbeiten für das Epos, das insgesamt rund 50 Millionen Dollar Produktionskosten verschlang. Gedreht wurde bis Mitte 2015 und erst Ende 2016 hatte „Silence“ im Vatikanstaat seine Weltpremiere. Bei dieser waren auch einige hundert Anhänger des Jesuitenordens anwesend, die Scorsese zuvor persönlich eingeladen hatte.

Die wolkenverhangenen Berge, das wunderschöne Meer, der Nebel, die Urwald-ähnliche Natur: der Drehort des Films, Taiwan, spiegelt geradezu Eins-zu-Eins und auf extrem authentische Weise, die landschaftlichen Gegebenheiten und die erhabene Natur-Vielfalt Japans, wieder. Die prächtigen Landschaftsaufnahmen von Kameramann Rodrigo Pietro (zu Recht Oscar-nominiert) sowie die realistischen Kulissen, sind ein eigener Hauptdarsteller des Films. Scorsese lieferte wahrscheinlich in den letzten 30 Jahren (seit „Die letzte Versuchung Christi“ von 1988) in keinem seiner Filme derart plastische, gestochen scharfe Bilder einer wilden, archaischen Natur.

Mitten in diese Natur versetzt er die beiden jungen Jesuiten, leidenschaftlich und kraftvoll verkörpert von Andrew Garfield (u.a. The Amazing Spider-Man) und Adam Driver. Drivers Perfomance geht wahrlich – nicht nur im übertragenen Sinne – an die Nieren, nahm er für den Film doch satte 25 Kilo ab. Dennoch steht Garfield darstellerisch im Zentrum. Und das nicht nur, da auf ihn mehr Leinwandzeit entfällt. Seine Figur – der historisch belegte Sebastião Rodrigues – ist ambivalenter und vielschichtiger als die seines Bruders Francisco Garrpe. Im ersten Drittel des Films, ist man noch beeindruckt von Rodrigues‘ tiefer Verwurzelung im Glauben und der Standhaftigkeit seiner Person.

Je weiter der Film jedoch voranschreitet und auch die Gräueltaten um ihn herum zunehmen, desto eher fragt man sich, was Rodrigues noch alles bereit ist zu tun, um so viele seiner „Glaubensgenossen“ – mehr oder weniger – zu opfern. Freilich trägt nicht er die Schuld am überaus brutalen Vorgehen der Japaner und den Verbrechen an den Missionaren und Christen. Jedoch wird es immer schwerer, seine Handlungen von bloßem religiösem Fanatismus zu unterscheiden. Ein Fanatismus, der ihn in die Nähe eines gottesfürchtigen Hardliners rückt – und damit, rein theoretisch, nicht allzu weit weg von den verblendeten Gotteskriegern und Dschihadisten eines IS. Diese Ambivalenz der Figur ist eine Herausforderung für den Zuschauer, da eine Identifikation nicht immer leicht ist. Aber sie stellt eine der großen Stärken des Films dar. Die Japaner werden hier übrigens mit Nichten als kalte, herzlose und ultrabrutale Schlächter dargestellt. Vielmehr versucht Scorsese auch ihre Motivation für die Gräueltaten darzulegen und alle Perspektiven, möglichst gleichberechtigt, zu schildern. Der christliche Glaube stellt für die Japaner eine Gefahr dar, die in ihren Augen ein ganzes Volk auslöschen könnte. Sie tun letztlich nichts weiter, als sich der Bedrohung zu erwehren. Dieser Umstand ist nachvollziehbar. Die Methoden, derer sie sich bedienen, sind freilich das eigentliche Problem.

Der Film hat bei einer Laufzeit von fast 165 Minuten und trotz seiner langsamen, behutsamen Erzählweise und des elegischen Sounddesigns, erstaunlicherweise kaum Längen. Vorausgesetzt, man lässt sich voll und ganz auf die Thematik ein und hat ein Faible für bildgewaltige Epen. An Aktualität ist „Silence“ zudem kaum zu überbieten. Denn er stellt, in Zeiten zunehmender Anzahl religiös motivierter Anschläge, universelle, zentrale Fragen zum Verhältnis Mensch-Glaube. Fragen, die bereits im 17. Jahrhundert aktuell waren und es auch heute noch, mehr denn je, sind: wie weit geht der Mensch für seinen Glauben? Ist ihm die Religion mehr Wert als sein eigenes Leben?

Fazit: Bildgewaltiges, kraftvolles Religions-Drama vor betörender Natur-Kulisse. Darstellerisch brillant und mit komplexen, vielschichtigen Figuren ausgestattet, stellt der Film Fragen nach dem Sinn und der Wertigkeit von religiösem Eifer, Gottesgläubigkeit und spirituellem Fanatismus.

Bewertung 4/5

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.


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