Shape of water Kritik

Baltimore 1963: Die stumme Putzfrau Elisa (Sally Hawkins) arbeitet in einer geheimen Forschungsstation der US-Regierung. Sie geht dort unauffällig ihrer täglichen Arbeit nach und kaum jemand nimmt Notiz von ihr. Durch Zufall kommt sie eines Tages hinter ein streng geheimes Experiment des Militärs: in einem Tank wird ein ebenso mysteriöses wie geheimnisvolles Fischwesen – optisch eine Mischung aus Amphibie und Mensch – gefangen gehalten. Im Laufe der Zeit nähern sich Elisa und der Amphibienmann, zwei von der Gesellschaft Verstoßene, immer mehr einander an. Bis sich Elisa, die noch nie einen Freund hatte, in das Wesen verliebt. Als sie erfährt, dass dieses seziert werden soll, fasst sie mit ihrem Nachbarn Giles (Richard Jenkins) einen Entschluss: sie will die Kreatur in einer Nacht-und-Nebel-Aktion befreien. Eine Aktion, die dem Wesen zwar die Freiheit schenkt, allerdings Elisa und Giles auch mächtig Ärger einhandelt. Denn nicht nur das US-Militär sondern auch russische Spione haben es auf die heilenden Kräfte des Amphibienmannes abgesehen.

Mit dem Fantasyfilm „Shape of Water“ realisierte der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro ein Herzensprojekt, für dessen Umsetzung er viele Jahre kämpfte. Und mit dem er sich treu blieb. Denn fast alle Filme des 53-jährigen gehören diesem Genre an oder weisen Versatzstücke dessen auf. Die Bekanntesten: „Hellboy“ (2004), Pan’s Labyrinth (2006) und „Crimson Peak“ (2015). Die 20-Millionen-Dollar-Produkion „Shape of Water“ entstand von August bis November 2016 in Toronto und Kalifornien. Die Weltpremiere fand auf dem letztjährigen Filmfest Venedig statt. Hauptdarstellerin Sally Hawkins erlangte vor allem durch ihre Zusammenarbeit mit Woody Allen Berühmtheit („Cassandras Traum“, „Blue Jasmine“).


Regisseur Del Toro gelingt mit „Shape of Water“ schon jetzt eines der bezauberndsten, magischsten Kino-Märchen des Jahres. Ein Film voller kleiner und großer Wunder, der ein Herz für seine Außenseiter-Figuren hat und sich zudem durch allerlei Anspielungen auf die Film- und Kinogeschichte auszeichnet – und damit Del Toros Liebe zum Kino und der goldenen Kino-Ära unterstreicht. Jene Anspielungen und Andeutungen sind mal subtil, mal werden sie überdeutlich angesprochen. Etwa wenn der Sicherheitschef des Labors, Richard Strickland (fabelhaft böse und unsympathisch: Michael Shannon), erwähnt, dass die Kreatur aus dem Amazonas gefischt wurde. Eine klare Reminiszenz an den 50er-Jahre-Horror-Klassiker „Der Schrecken vom Amazonas“, den Del Toro kultisch verehrt.

Ein weiterer Verweis ist die Wohnung von Elisa, der elfenhaft-zerbrechlichen Hauptfigur des Films, liegt direkt über einem kleinen, beschaulichen Kino. Dessen Tage sind allerdings gezählt, da die Besucher schon länger ausbleiben. Der Grund: die Konkurrenz durch das (damals noch recht junge) Medium „Fernsehen“, das im Film in den meisten Wohnungen in Dauerschleife läuft. Hier verweist Del Toro beiläufig auf das langsam zu Ende gehende goldene Zeitalter des Kinos, das durch immer neue, technisch fortschrittlichere Medien abgelöst wird. Heute wären das Technologien bzw. Dienste wie Streaming, Breitband-Internet und Co.

Zu keinem Zeitpunkt des Films gibt der mexikanische Kino-Magier eine seiner Außenseiter-Figuren der Lächerlichkeit preis. Vielleicht auch, weil Del Toro früher selbst, vor allem wegen seines Gewichts, ein Außenseiter war und gehänselt wurde. Stets mit Respekt und großer Anteilnahme begegnet er seinen tiefgründigen, liebenswürdigen Charakteren, von denen jeder seine ganz eigenen Alltagsprobleme hat. Elisa z.B. hat keinerlei Erfahrung mit Männern und noch nie Sexualität erlebt, und das obwohl sie mit einer durchaus großen Lust danach ausgestattet ist. Jedoch kann sie sich nur in der Sicherheit und im Schutz des Wassers, etwa in der heimischen Badewanne, selbst befriedigen. Dann wäre da z.B. noch ihr Nachbar Giles, der homosexuell ist und seine Neigungen in den frühen 60er-Jahren natürlich alles andere als offen ausleben kann oder auch Elisas Arbeitskollegin Zelda. Diese wird von keinem so richtig ernst genommen und respektiert, schon gar nicht vom eigenen Mann.

Und zu guter Letzt gibt es natürlich noch das mysteriöse, herzensgute Mischwesen aus dem Amazonas. Es ist humaner als jeder Mensch, zudem sanftmütiger und emotionaler. Facettenreich und mit viel Hingabe erweckt Del-Toro-Stammschauspieler Doug Jones das fragile Geschöpf zum Leben. Und: mit einem vielseitigen, nuancierten Gestik- und Mimikspiel. Denn viel mehr als Jones‘ Augen und die Grundzüge seines Gesichts sind unter dem dicken Latex-Kostüm nicht zu erkennen.

Gut ist auch, dass Del Toro auf jeglichen Anflug von Kitsch und Pathos verzichtet, gerade was die zarte Liebesgeschichte angeht. Hier wäre es ein Leichtes gewesen, den Film in seichte „Frau-liebt-Monster“-Gewässer abdriften zu lassen, doch Del Toro wählt einen klugen, weit komplexeren Ansatz abseits von Melodram und Schmalz. Das zeigt sich auch an der beeindruckenden Schluss-Viertelstunde, in der es ordentlich zur Sache geht. Und das Werk seine märchenhafte Note voll ausspielt. Ganz zum Schluss nämlich, wenn es unter Wasser zu einer herzzerreißenden Verwandlung kommt.

Fazit: Zu Herzen gehendes, von jeglichem Kitsch befreites Fantasy-Märchen mit vielschichtigen, von der Gesellschaft geächteten Figuren, die von glaubhaft agierenden Darstellern verkörpert werden.
Bewertung: 9/10

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.


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2 Comments so far »

  1.  

    Julia said

    März 1 2018 @ 11:03

    Magisch,poetisch,visionär – einer der schönsten Filme, die ich zuletzt im Kino sehen durfte. Ich hoffe sehr, dass er bei der kommenden Oscar-Verleihung entsprechend berücksichtigt wird. LG

  2.  

    kamil dudek said

    März 5 2018 @ 20:36

    Glückwunsch! Wohl verdient

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