Rocketman Kritik

Rocketman Kritik

Der Teenager Reginald Dwight (Taron Egerton) lebt Mitte der 60er-Jahre ein unauffälliges, ruhiges Leben in der Nähe von London. Reg hat eine Brille, ist etwas dicklich und sehr schüchtern. Einzig am Klavier fühlt er sich wohl. Als er Ende der 60er-Jahre den Texter Bernie Taupin kennenlernt, entsteht eines der erfolgreichsten Komponisten-Songwriter-Gespanne der Musikgeschichte. 1969 gelingt den Beiden mit „Your Song“ der Durchbruch. Reginald, der sich mittlerweile Elton John nennt, wird in den kommenden Jahrzehnten unzählige Welthits verbuchen und über 300 Millionen Alben verkaufen. Doch je erfolgreicher Elton John wird, desto mehr verfällt er den Drogen und einem ausschweifenden Lebensstil. „Rocketman“ lässt die erfolgreichste Zeit in Johns Karriere Revue passieren und zeigt einen Mann, der mit einem Bein immer auch am Abgrund steht.

Der Brite Dexter Fletcher bewies bereits mit dem Queen-Film „Bohemian Rhapsody“ (2018) sein Talent für die Vermengung von Musik und biografischen Elementen. Zwei Jahre zuvor wurde er mit dem Biopic „Eddie the Eagle“ als Regisseur bekannt. Der im Sommer 2018 gedrehte „Rocketman“, der beim Filmfest in Cannes im Mai 2019 debütierte, wurde mit einem Budget von 40 Millionen Dollar realisiert. Damit war „Rocketman“ rund 15 Millionen Dollar günstiger als der Welterfolg „Bohemian Rhapsody“.


„Rocketman“ ist ein regelrechtes Spektakel für die Sinne, das als schrilles, kunterbuntes Musical seinen Reiz vor allem aus den gelungenen Tanz- und Gesangsnummern bezieht. Nun spult Fletcher die einzelnen Songs (sage und schreibe 22 an der Zahl) aber nicht einfach nur gelangweilt ab und reiht ideenlos einen Hit an den anderen. Die Musikstücke, die Hauptdarsteller Egerton ausnahmslos alle selbst singt, sind vielmehr gekonnt und stimmig mit der Handlung verwoben und an den genau richtigen Stellen platziert. Dies macht einen Großteil der dramaturgischen Finesse aus.

Neben der famosen Leistung von Egerton trägt ebenfalls die detailreiche, authentische Ausstattung zur gelungenen Wirkung des Films bei. Egal ob Johns ikonografische, extravagante Bühnenoutfits, die Inneneinrichtungen der Wohnungen, die Alltagskleidung der handelnden Figuren oder die Autos auf den vielbefahrenen Londoner Straßen: „Rocketman“ atmet zu jeder Zeit den Geist der 70er und manövriert den Zuschauer direkt in dieses farbenfrohe, energetische Jahrzehnt. Das merkt man auch beim Soundtrack. Über zwei Drittel der Lieder stammen aus jener Dekade. Großes Lob gebührt den Machern einerseits, was die Auswahl der einzelnen Lieder anbelangt.

Denn neben allseits bekannten, noch heute allgegenwärtigen Pop-Klassikern wie „The Bitch is back“, „Tiny Dancer“ oder „Crocodile Rock“ stößt man hier auch auf einige weniger geläufige Songs, die bislang einzig Hardcore-Fans bekannt sein dürften (darunter der „Border Song“ oder „Amoreena“ aus Johns früher Karriere). Schade jedoch ist, dass „Rocketman“ die Zeit ab den mittleren 80er-Jahren ebenso wie die kompletten 90er-Jahre fast komplett außen vor lässt. Schade deshalb, da in dieser Zeit einige der wichtigsten, schönsten Stücke in Johns Karriere entstanden („Nikita“, „The One“). Dennoch schafft es „Rocketman“, die labile Persönlichkeit Johns akkurat herauszuarbeiten und all jenen Ereignissen, Lebensphasen sowie Personen Raum zuzugestehen, die ihn entscheidend geprägt haben: von der entbehrungseichen Kindheit und der von Selbstzweifeln geprägten Jugend über die kreative Partnerschaft mit Taupin, der arrangierten Hetero-Ehe in den Mitt-80ern bis hin zur späten Läuterung 1990, als John mit Anfang 40 die Abkehr von Drogen und Alkohol gelang.

Fazit: Temporeiches sowie schwungvolles Musical mit phantastischen Gesangs- und Tanzeinlagen, das die wesentlichen biografischen Etappen in Elton Johns Leben berücksichtigt – auch wenn die zweite Hälfte der 80er sowie die 90er-Jahre deutlich zu kurz kommen.

Bewertung: 7 von 10 Sternen

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.


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