Pans Labyrinth

Pans Labyrinth

Immer wieder hört man (nicht unberechtigte) Klagen, wonach aus Hollywood fast nur noch Einheitsbrei, Superhelden-Verfilmungen und Remakes kämen. Umso erfreulicher ist es, wenn etwa europäische Produktionen, die für gewöhnlich im Sperrfeuer aggressiver Marketing-Maschinen amerikanischer Produktionen sang- und klanglos untergehen, internationales Aufsehen erregen.

Eine dieser Produktionen stammt von Guillermo Del Toro, der sich bis dato vor allem mit „Hellboy“ und „Blade“ einen klingenden Namen unter Filmfreunden geschaffen hatte.
2006 wagte er mit „Pans Labyrinth“ den Schritt außerhalb eingefahrener Hollywood-Rinnen und heimste geradezu eine Flut an Preisen ein. „Pans Labyrinth“ gewann unter anderem drei Oscars, nachdem der Streifen in sechs Kategorien nominiert worden war.
Waren die teils überschäumend begeisterten Kritiken gerechtfertigt? Dieser Frage wollen wir uns stellen.

Erwachsenwerden im Bürgerkrieg
1944 im faschistischen Spanien: Die hochschwangere Carmen (Ariadna Gil) befindet sich auf dem Weg zu ihrem Mann, dem Hauptmann Vidal (Sergi López), der in den Bergen antifaschistische Partisanen jagt. An ihrer Seite: Die zwölfjährige Tochter Ofelia (Ivana Baquero), Frucht ihres ersten Mannes.
Sehr rasch muss Ofelia feststellen, dass ihr Stiefvater ein tyrannisches, vor keiner Schandtat zurückschreckendes Monster in Menschengestalt ist. Während Hauptmann Vidal unerbittlich Francos Gegner bekämpft und tötet, geschieht Wundersames: Eine Fee erscheint und nimmt Ofelia mit in ein Labyrinth. Dort wartet ein Pan bereits auf sie und verkündet, sie sei die Wiedergeburt einer Prinzessin. Um in ihre wahre, magische Welt als Prinzessin zurückkehren zu können, müsse sie zunächst drei Prüfungen bestehen. Und diese Prüfungen erweisen sich als äußerst schwierig, muss sie doch auch mit den Umständen des Bürgerkrieges und vor allem gegen den eiskalten Stiefvater ankämpfen …

Kein Kinderfilm
Eines muss man vorausschicken: „Pans Labyrinth“ ist beileibe kein Kinderfilm! Wenngleich die Struktur des Filmes teilweise einem Märchen ähnelt, sind viele Szenen verstörend und, mehr noch, äußerst brutal. Sadistische Foltermethoden oder Erschießungen in Großaufnahme stehen nur scheinbar in hartem Kontrast zum märchenhaften Part des Filmes. Denn: „Pans Labyrinth“ bewegt sich auf zwei Handlungsebenen: Zum einen die mystische Welt, in die sich Ofelia hineinträumt. Zum anderen die triste Realität, die zu grausam für das sensible Mädchen ist, um sie ertragen zu können.
Regisseur del Toro versteht es meisterhaft, beide Ebenen zu verknüpfen, was zu einer grandiosen Inszenierung beiträgt, deren dichter Atmosphäre man sich nicht entziehen kann.
Die Ebene der Realität drängt sich in Ofelias Märchenwelt und überlagert sie auf diese Weise.
Die Botschaft ist klar: Selbst in ihren Gedanken und Tagträumen wird das unschuldige Mädchen vom Joch des Tyrannen bedrängt.

Blutige Bildsprache
Dass del Toros Wurzeln in blut- und effektgeladenen Filmen wie eben „Blade 2“ liegen, lässt sich weder verleugnen, noch hegt der Regisseur Absichten, dies zu tun. Sowohl in der realen, wie auch der fiktiven Welt wird gemordet und gefoltert. Die unverhohlen klaren Bilder der Gewalt bergen natürlich immer die Gefahr in sich, voyeuristisch zu wirken. Doch in „Pans Labyrinth“ sind Blut und Leid nicht Selbstzweck, um niedere Instinkte zu befriedigen, sondern wichtiger Teil der Handlung: Nur, wer die Gewalt begreift, kann sich ihrem Schrecken stellen.

Ofelia gerät unversehens in einen Strudel der Aussichtslosigkeit: Sie kann ihre schwangere Mutter nicht verlassen, aber jede Sekunde, die sie bei ihr verbringt, setzt sie dem kalten Zorn des Hauptmanns aus, dessen Zorn selbst Kinder nicht verschont.

Starke Charakterisierungen
Was „Pans Labyrinth“ gegenüber vielen anderen Filmen noch auszeichnet, sind die überaus lebendigen Charakterisierungen. Keine der Figuren muss ellenlange Monologe halten, um sich dem Zuschauer anzubiedern, im Gegenteil: Die Handlungen der einzelnen Personen stellen deren wichtigste Charakterisierungen dar.
Hauptmann Vidal etwa ist ein zur Liebe unfähiger, emotionaler Eisblock, was sich in der akkuraten Rasur oder dem mechanischen Warten der Taschenuhr widerspiegelt. Völlig konträr zu ihm agiert die kleine Ofelia gefühlsgesteuert und stets mit dem Vorsatz, Gutes in die Welt zu tragen. Allein: Die Umstände haben sich gegen sie verschworen, in einer Welt, die den Frieden nicht im Herzen, sondern in hohlen Phrasen wie eine Tarnkleidung vor sich her trägt.

Kein Popcorn-Kino
Auch wenn „Pans Labyrinth“ zwei Stunden Unterhaltung liefert, so ist er doch weit davon entfernt, sinnfreie Szenen aneinander zu knüpfen. Niemand, der diesen melancholischen, bedrückenden Film gesehen hat, wird ihn so rasch vergessen können.
Del Toro ist ein Meisterwerk gelungen, das dem Publikum kindliches, naives Staunen auf ungewöhnliche Weise präsentiert. Anders als etwa bei „Alice im Wunderland“ dient die Märchenwelt der Protagonistin nicht als schöner Tagtraum, sondern als Flucht vor der grausamen Realität, der sie sich natürlich trotzdem nicht entziehen kann.

Die ungewöhnliche Plotidee, die bedrückende Atmosphäre und die schlichtweg wunderbare Ausstattung machen „Pans Labyrinth“ zu einem Geniestreich, wie man ihn nur höchst selten genießen darf.
Wer ihn noch nicht gesehen hat, sollte dies unbedingt nachholen!

Darsteller
Ivana Baquero … Ofelia
Ariadna Gil … Carmen Vidal
Sergi López … Hauptmann Vidal
Maribel Verdú … Mercedes
Doug Jones … Pan
Alex Angulo … Dr. Ferreiro
Roger Casamajor … Pedro

Regie
Guillermo del Toro

Produktionsland, Jahr
Spanien/Mexiko, 2006

Pans Labyrinth Trailer


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