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obenMit „Oben“ feiert Pixar sein insgesamt zehntes Leinwandwerk – Grund genug, auf die derzeit grassierende 3D-Welle aufzuspringen und erstmals einen Film in 3D zu präsentieren. Zumindest finanziell erwies sich „Oben“ bereits in den USA als Überflieger: Fast 300 Millionen Dollar spülte das nicht ganz 100 Minuten lange Werk ein. Doch kann Pixars neuer Film auch inhaltlich überzeugen? Steigt ein in die Filmgondel und gönnt euch einen kritischen Blick darauf!
 

Mal oben, mal unten im Leben

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Carl (in der deutschen Synchronisation von Fred Maire bzw. Otto Schenk in der österreichischen Version gesprochen) blickt mit 78 Jahren auf ein langes, wenig erfülltes Leben zurück. Als Kind hatte er von tollen Abenteuern in fernen Ländern geträumt, wie sie sein Idol, der wagemutige Forscher Charles Muntz, im Kino präsentierte. Doch diese Träume erfüllten sich für den zurückhaltenden, schüchternen Carl nie.

Stattdessen heiratete er seine Jugendfreundin Ellie und wurde Luftballonverkäufer. Jahrzehnte später sitzt er in seinem alten Fernsehstuhl und kann sich nur noch an den Erinnerungen an seine früh verstorbene Frau erwärmen. Da sie keine Kinder gebären konnte, muss Carl sein Rentnerdasein völlig alleine zubringen.

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Eines Tages jedoch fasst er an einem Punkt tiefster Verzweiflung einen tollkühnen Plan: Um nicht in Altenheim zwangseingewiesen zu werden, knüpft er tausende Luftballons am Dach fest und fliegt mit seinem Haus nach Südamerika. Dummerweise hat sich ein blinder Passagier in Form des tollpatschigen Pfadfinders Russel eingeschlichen. Die wirklichen Probleme beginnen aber erst am Ziel seiner Reise: Zunächst ist er begeistert, seinem Jugendidol Charles Muntz zu begegnen, der sich vor vielen Jahren nach Südamerika zurückgezogen hat. Doch schon bald lernt er das finstere Gesicht des ehemaligen Abenteurers kennen und muss nicht nur um sein, sondern auch Russels Leben fürchten …

Zeit für Sentimentalitäten

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So wenig „Oben“ mit Pixars Vorgängerwerk „Wall-E“ gemeinsam haben mag, gibt es dennoch einen verblüffende Parallele: Beide Filme setzen in den ersten Filmminuten auf die Entwicklung der Geschichte anhand komischer, gleichzeitig melancholischer Storyelemente. Während in „Wall-E“ der Protagonist anfangs kein Wort spricht, ist der junge Carl in „Oben“ ebenfalls kein Quell der Redekunst. Und genau hierin verbergen sich die mit Abstand besten Momente der beiden Filme: Beinahe pantomimisch wird die Bühne für das folgende Abenteuer vorbereitet.

Viele wichtigen Informationen sowie die gesamte Charakterisierung werden in diesen berührenden Szenen offenbart, die auch in „Oben“ meist ohne Dialoge auskommen. Überhaupt liegt die Stärke der inzwischen zum Disney-Imperium gehörenden Pixar-Studios in der nonverbalen Kommunikation. Es wäre zweifellos mutig gewesen, den Weg der ersten Minuten weiterzugehen, gewiss aber auch weitaus weniger kassenträchtig, da gerade das jüngere Publikum vielleicht gelangweilt oder überfordert auf die unspektakuläre Erzählweise reagiert hätte.

Und … Action!

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Folglich entwickelt sich der Plot allmählich weg von einer wunderbaren Charakterzeichnung hin zu einem familientauglichen Blockbuster. Verständlich, wenngleich schade, da mit Carl erstmals eine interessante Figur aus jener Bevölkerungsschicht präsentiert wird, die seit Jahren in allen Industriestaaten an Relevanz zulegt. Weder ist Carl ein lustiger alter Knacker, über dessen Senilität sich die jüngeren Filmfiguren lustig machen können, noch einfach nur ein mürrischer, kinderfeindlicher Typ, den etwaige Streiche oder Beleidigungen völlig zu Recht treffen.

Carl ist eine starke Persönlichkeit mit biographischem Hintergrund, der um seine Frau trauert und mit der Welt vor der morschen Haustür längst abgeschlossen hat. Eine Welt, die in ihm und seinem Haus nur ein lästiges Hindernis bei Bauarbeiten sieht, und nicht einen Menschen, der trotz seiner Eigenheiten und seines mürrischen Verhaltens das Recht besitzen sollte, den Lebensabend auf seine eigene Art und Weise zu gestalten.

Mit Carl betrat Pixar somit Neuland: Keine putzigen Tiere oder lustigen Roboter springen hübsch animiert über die Leinwand – stattdessen plagt sich der Protagonist mit den Mühsalen des Alters ab und ist auf einen Treppenlift sowie Gehhilfen angewiesen.

Leider wird dieses originelle und mutige Konzept mit fortschreitender Handlung konterkariert: Während Carl anfangs den Treppenlift zum Bewältigen der Stufen benötigt, würde er schlussendlich selbst einem Indiana Jones Respekt abverlangen. Tatsächlich stellt die Handlung – ungewöhnlich für einen Pixar-Film – angesichts des furiosen Beginns eine kleine Enttäuschung dar: Die behutsame Entwicklung der ersten Hälfte wird in der zweiten fast völlig einer auf Action getrimmten Handlung geopfert.

Pfadfinder, der den Pfad nicht findet
Das jüngere Publikum findet in Russel eine Identifikationsfigur: Der übergewichtige, in der Natur schier hilflose Junge nervt zu Beginn den mürrischen Carl, gewinnt schlussendlich aber – dies darf wohl verraten werden – natürlich sein Herz. Die klassischen Themen vieler Animationsfilme sind auch hierbei vertreten: Freundschaft ist wichtig, nur gemeinsam können wir gewinnen, Egoismus ist böse, etc.

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Überraschenderweise hegt man als Zuschauer für den ungelenken Russel durchaus Sympathie. Zwar plappert er mitunter sehr viel und zeichnet sich durch große Naivität aus, doch hält sich all dies in vertretbarem Rahmen, sodass er eines der seltenen Exemplare erträglicher Filmkinder ist.

Der Rest der Charaktere wird weniger ernsthaft herausgearbeitet: Charles Muntz (souverän synchronisiert von Karlheinz Böhm) hätte sich einige Facetten mehr verdient, als den Stempel „durchgeknallter Abenteurer“. Auch die sprechenden Hunde vermögen nicht völlig zu überzeugen: Der finstere „Alpha“ erleidet ein ähnliches Schicksal wie sein Herrchen Muntz: Potenziell faszinierende Persönlichkeit, jedoch nur rudimentär herausgearbeitet.

Ausdrücklich loben muss man aber die Besetzung der Synchronsprecher, die perfekt ausgewählt wurden und die jeweiligen Leinwandcharaktere hervorragend widerspiegeln. Ganz im Gegensatz zu einigen grotesken Fehlbesetzungen, etwa dem in jeder Hinsicht katastrophalen „Himmel und Huhn“, der mit Verona Feldbusch oder Boris Becker „glänzte“.

Animationstechnisch „oben“
Erwartungsgemäß topp ist die technische Umsetzung gelungen, wobei 3D tatsächlich eine wertvolle Ergänzung, aber nicht der einzige Grund sind, sich an den knapp 100 Filmminuten zu ergötzen. Aus dem Rahmen fällt dabei die Unbelebtheit der südamerikanischen Szenerie, die Gelegenheit für großartige Impressionen geboten hätte. Mit Ausnahme des für die Handlung entscheidenden Riesenvogels hätte der Film somit auch in den USA spielen können.

Die Vorfilm-Vorhersage: „Teilweise wolkig“!

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Trotz all der kleineren oder größeren Schwächen ist „Oben“ ein empfehlenswerter Film für die ganze Familie, wobei ihm der sechsminütige Vorfilm „Teilweise wolkig“ beinahe die Show stiehlt.

Dieser zeigt – im wahrsten Sinne des Wortes, da keinerlei Dialoge vorkommen! – die mitunter schwierige Arbeit des Klapperstorchs bei der Zustellung des tierischen und menschlichen Nachwuchses.
Mehr sei nicht verraten, um keinerlei Gags vorwegzunehmen. Alleine dieser Vorfilm ist es schon wert, sich „Oben“ anzuschauen!

Fazit: Extrem starker Beginn, danach stete Verflachung und inkonsequente Charakterisierung. „Oben“ ist ganz sicher nicht das erhoffte Meisterwerk, dennoch einer der besten Pixar-Filme, wenngleich der Disney-Einfluss an mehreren Stellen deutlich durchschimmert.


Darsteller/Synchronsprecher

  • Carl … Fred Maire (Deutschland) / Otto Schenk (Österreich)
  • Russel … Maximilian Belle
  • Charles Muntz … Karlheinz Böhm
  • Dug … Dirk Bach
  • Ellie … Isabelle Rauscher
  • Alpha … Claus-Peter Damitz
  • Beta … Stefan Günther
  • Gamma … Pierre Peters-Arnolds

Regie
Pete Docter

Produktionsland, Jahr
USA, 2009

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