Nine Dead Filmkritik

Nine Dead Filmkritik
Psychopath entführt Menschen und hält sie in einem kleinen Raum gefangen. Wem dieses Konzept bekannt vorkommt, der hat zumindest „Saw“ geguckt. „Nine Dead“, der neue Film des bislang noch wenig bekannten Regisseurs Chris Shadley versucht auf den fahrenden Zug der klaustrophobischen Psychothriller aufzuspringen. Ob ihm dieses Kunststück gelungen ist oder der Zug längst abgefahren ist, erfahrt ihr in nachfolgender, auch für Lebende höchst lesenswerter Kritik.

Das Psycho-Verwöhnprogramm: Betäuben, entführen, einsperren!
Ein Psychopath geht in der Stadt um. Der sein Gesicht hinter einer bizarren Gummimaske versteckende Unbekannte betäubt und entführt insgesamt neun Menschen, die verschiedener kaum sein könnten, und fesselt sie mit Handschellen an Stahlstangen in einem abgeriegelten Raum. Als er sich ihrer Aufmerksamkeit sicher sein kann, enthüllt er den Grund für ihre unfreiwillige Anwesenheit. Sie müssen den Grund für ihre Entführung selber herausfinden und ihm mitteilen. Denn ein dunkler Fleck in ihrer Vergangenheit verbindet sie alle miteinander. Der Haken daran: Sie haben exakt zehn Minuten Zeit für die Lösung des Rätsels, ehe der Entführer einen von ihnen erschießt.

Zunächst halten die Eingesperrten das Ganze für einen Bluff der Polizei, um Geständnisse herauszupressen. Doch nach Ablauf der zehn Minuten wird tatsächlich einer der Gefangenen erschossen. Wiederum gewährt ihnen der unerbittliche Maskenmann zehn Minuten, um den Grund für ihre Entführung herauszufinden. Die Zeit verrinnt und immer noch scheint einigen der Anwesenden der Ernst der Lage nicht bewusst zu sein: Sie halten mit wichtigen Informationen hinterm Berg, bis erneut zehn Minuten um sind und sich die Tür zum Raum öffnet …

Vertracktes Psychospiel …
Die Prämisse ist geradezu klassisch und erinnert an Hitchcock: Eine Gruppe von Menschen muss ein vertracktes Rätsel lösen, wobei es unvermeidlicherweise zu Konflikten kommt. Was bereits im Alltag schwierig genug ist, erweist sich mit buchstäblich vorgehaltener Pistole an der Schläfe als beinahe unmöglich zu meistern, nämlich den Zusammenhalt innerhalb einer Gruppe zu schaffen. Chris Shadley inszeniert seinen Film „Nine Dead“ mit neun äußerst unterschiedlichen Charakteren: Da wären etwa ein Pater, ein Gangster, ein Polizist, ein Vergewaltiger oder eine Staatsanwältin, die allesamt in einem Boot sitzen und doch außer Stande zu sein scheinen, in dieselbe Richtung zu rudern. Besonders reizvoll: Eine der Gefangenen ist die chinesische Ladenbesitzerin Nhung Chan (Lucille Soong), die kein Wort Englisch spricht …

Aus diesen scharfen Gegensätzen sollte der Plot seine Spannung gewinnen, was zunächst auch recht gut klappt. Die „bösen Jungs“ verweigern die Mitarbeit und machen sich über die anderen lustig, während die „Guten“ fleißig Theorien spinnen, was es mit dem Entführer auf sich hat und ob er seine Drohung tatsächlich in die Tat umsetzen würde. Vor allem die Sprachbarriere mit der Chinesin Chan führt zögernd begonnene Diskussionen ad absurdum.

Natürlich wäre es einfach, „Saw“ zum Vorbild für den Plot von „Nine Dead“ zu erklären. Während Jigsaw seine Opfer mittels ausgeklügelter, fieser Fallen malträtiert, quält sie der gegenständliche Verrückte weitaus perfider. Nämlich, indem er ihnen die Freilassung für den Fall in Aussicht stellt, dass sie ihm den Grund für ihre Entführung nennen können. Freilich: Ein fast unmögliches Unterfangen, wenn doch die eigenen Mitgefangenen jegliche konstruktive Diskussion unterminieren oder gar mit Lügen in die falsche Richtung treiben.

… dem es an Spannung mangelt
Was in der Theorie denkbar spannend klingt, erweist sich als rasch ermüdendes Katz-und-Maus-Spiel. Die meiste Zeit über dreht sich die Handlung hoffnungslos im Kreis: Einer der Gefangenen wird erschossen, was erst einmal ausgiebig debattiert werden muss. Statt sich zusammenzuraufen und angestrengt nachzudenken, was hinter dem Rätsel stecken müsste, ergehen sich die meisten Protagonisten in banalen Streitigkeiten. Dabei kommt den einzelnen Charakteren jeweils eine individuelle Klischeerolle zu: Der Geistliche spricht salbungsvoll, der Gangster wirft mit Beschimpfungen um sich, der Spießer der Truppe versetzt die anderen beinahe in Tiefschlaf, und so weiter.

In einem Kammerspiel dieser Art wären geschliffene, interessante Dialoge ein probates Mittel zur Steigerung der Spannung und Atmosphäre. Was hingegen geboten wird, sind meist sinnentleerte Phrasendreschereien und visuelle Flashbacks ohne jeglichen Wert für den Plot. Die Auflösung des Rätsels geschieht hingegen völlig überstürzt und nur schwer nachvollziehbar. Ebenso wie die Schlusssequenz, die einen cleveren Plottwist vortäuscht, aber faktisch einfach nur abstrus ist.

Seitens der Schauspieler kommen zwei bekannte Namen ins Psychospiel: Zum einen Daniel Baldwin, Bruder von Alec und Stephen Baldwin. Er meistert seine Rolle passabel – ganz im Gegensatz zum Star des Films, Ex-Teenie-Idol Melissa Joan Hart, bekannt vor allem aus der TV-Serie „Sabrina – total verhext!“. Ihrer Verkörperung einer knallharten Anwältin mangelt es an jeglicher Glaubwürdigkeit. Zudem lässt das völlig unpassende Makeup Melissa um mindestens zehn Jahre älter aussehen, als sie tatsächlich ist, und über die nervige Synchronstimme sollte man besser schweigen.

Chris Shadleys günstig produzierter Psychothriller zählt keineswegs zum Bodensatz des Genres. Mit seinen 95 Minuten ist er nicht allzu lang bemessen und taugt durchaus für einen launigen Videoabend zwischendurch, wenn alle „Saw“-Teile schon zigfach konsumiert wurden und nichts Besseres im Fernsehen läuft. Angesichts der potenziell spannenden Prämisse stellt sich aber doch rasch Ernüchterung ein und „Nine Dead“ reiht sich in die Riege jener Filme ein, die weitaus mehr versprechen als sie zu halten imstande sind.


Darsteller
Melissa Joan Hart … Kelley
William Lee Scott … Jackson
John Terry … Shooter
James C. Victor … Eddie Vigoda
Marc Macaulay … Pater Francis
Lucille Soong … Nhung Chan
Chip Bent … Sully
Edrick Browne … Leon
Daniel Baldwin … Detective Seager
Andrew Sensenig … Parks
Lawrence Turner … Coogan
John Cates … Christian
Emily Hart … York
Gina St. John … Nachrichtensprecherin
Ritchie Montgomery … Vincent Perez
Rebecca Newman … Stripper

Regie
Chris Shadley

Produktionsland, Jahr
USA, 2010

Nine Dead Trailer


Weitere Filme/Informationen:

2 Comments so far »

  1.  

    melli said

    Januar 17 2011 @ 02:01

    Ich kann dieser Kritik komplett zustimmen, besser kann man es nicht sagen 🙂

  2.  

    Welchen empfehlenswerten Film habe ich zuletzt gesehen? - Seite 9 said

    Juni 16 2011 @ 04:50

    […] […]

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