Moonlight Kritik

Moonlight Kritik

Im Zentrum von „Moonlight“ steht Chiron (u.a. Ashton Sanders). Der Film schildert episodenartig drei wichtige Kapitel in seinem Leben. Im Kapitel „Little“ werden die Umstände deutlich, in denen der farbige Junge aufwächst. Seine Mutter (Naomie Harris) ist drogensüchtig und kümmert sich nur ungenügend um ihren Sohn. In einer der Ärmsten Gegenden von Miami, bestimmen Gewalt und Unterdrückung seinen Alltag. Einzig der Drogendealer Juan (Mahershala Ali), bietet dem sensiblen, spindeldürren Jungen Lichtblicke. Juan nimmt sich des Kleinen an und lehrt ihn wichtige Lektionen. Die Episode „Chiron“ schildert, wie es dem mittlerweile fast erwachsenen Chiron in der Schule ergeht. Dort wird er täglich gemobbt. Zu Hause liegt unterdessen die cracksüchtige Mutter meist zugedröhnt auf der Couch. Da verliebt er sich in einen Jungen, den er jedoch aus den Augen verliert. Chiron und dieser Junge werden im letzten Kapitel, „Black“, wieder zusammengeführt. Aus ihm ist ein muskelbepackter Gangsta geworden, der noch immer mit seiner Identität ringt.

„Moonlight“ ist erst der zweite Film des ebenfalls in Miamis Armenvierteln aufgewachsenen Regisseurs Barry Jenkins. Bei den diesjährigen Oscars war „Moonlight“ dennoch der große (Überraschungs-) Abräumer und konnte u.a. den wichtigsten Preis gewinnen: den Oscar als „Bester Film“. Gedreht wurde das Drama an Originalschauplätzen in Miami, wofür ein Budget von lediglich anderthalb Millionen Dollar zur Verfügung stand. Allein in den USA spielte der Film, dessen Kapitel auch als eigenständige Kurzfilme funktionieren, bis heute fast 60 Millionen Dollar ein. Der Titel des Films geht zurück auf das Theaterstück, auf dem das Werk beruht: „In moonlight, black boys look blue“. Der Autor, Tarell McCraney, brachte es nie zur Aufführung, dafür erlebte die Geschichte auf der Leinwand seine große Widerauferstehung.




„Moonlight“ gehört sicherlich zu den außergewöhnlichsten Dramen der letzten Zeit. Was zuvorderst an der bemerkenswerten, vielschichtig gezeichneten Hauptfigur liegt. Es gibt nicht viele Filme, die dem Zuschauer anhand einer farbigen, schwulen Hauptfigur, die noch dazu schon früh mit Drogen und Illegalität in Berührung kommt, das Milieu der Armenviertel Miamis so nahe bringt. Und dabei nicht nur das Milieu bzw. die Viertel selbst, mit all ihren zwielichtigen Dealern und verarmten Bewohnern. Sondern eben auch das Leben in diesen sowohl als Kind, als Jugendlicher aber auch später als Erwachsener.

Es ist daher ein äußerst geschickter Schachzug von Regisseur Jenkins, „Moonlight“ zu Dritteln. Jede der Episoden ist ein kleiner, kurzer Film im (fertigen) Film und jede würde als eigenständiges Werk auch allein sehr gut funktionieren. Dennoch stehen die drei Kapitel gleichberechtigt nebeneinander und bilden eine harmonische, stimmige Einheit. Und: alle darin geschilderten Erlebnisse, sind prägende Ereignisse im Leben von Chiron. Sie haben ihn zu dem gemacht, der er am Ende des Films ist: ein mit seiner (auch sexuellen) Identität ringender Mann, der seine Verletzlichkeit und innere Zerrissenheit durch ein gestähltes, muskulöses Äußeres überdeckt.

Qualitativ fällt die letzte Episode im Vergleich zur Dringlichkeit der anderen, etwas ab. Darin sehen sich Chiron und sein früherer Schul-Schwarm nach vielen Jahren das erste Mal wieder. Das Treffen der Beiden ist zwar einfühlsam in Szene gesetzt und stets schwingt unterschwellig eine beklemmende Stimmung der Unsicherheit mit. Vor allem auf Seiten des wortkargen Chiron. Dennoch lassen die letzten 40 Minuten die Emotionalität und Intensität des vorher Gezeigten vermissen.

Dafür lassen die Geschehnisse in „Little“ und „Chiron“ wohl niemanden so leicht kalt. Ebenso wenig die Art ihrer Darstellung. Mitunter sind vor allem die Demütigungen, die der jugendliche Chiron durch seine Klassenkameraden ertragen muss, nur schwer zu ertragen. In erster Linie eine Szene auf dem Schulhof, in der er ausgerechnet von dem Jungen übel zugerichtet wird, in den er verliebt ist.

Einen kleinen Einblick in die schwere Kindheit von Chiron, gewährt das erste Kapitel. Es zeigt, wie aus ihm dieser scheue, stets mit gesenktem Kopf und traurigem Blick umherlaufende Heranwachsende werden konnte, der in der Schule meist nur als „Schwuchtel“ beschimpft wird. Die Umstände, in denen er heranwächst, sind dramatisch. All die Trauer ob der schwer drogensüchtigen Mutter, die ihn viel zu oft allein lässt, spiegelt sich eindrucksvoll im Gesicht von Jungdarsteller Alex R. Hibbert. Hibberts Leistung als gebrochener Junge, geht unter die Haut und gehört zu den intensivsten Erlebnissen des Films.

Ein Lob gebührt zuletzt auch dem inszenatorischen Einfallsreichtum von Regisseur Jenkins. Obwohl ihm nicht einmal zwei Millionen Dollar für die Realisierung zur Verfügung standen schafft er es, atmosphärisch und visuell voll zu überzeugen: dank des intelligenten Einsatzes der Lichteffekte, dem gekonnten Wechsel zwischen Handkamera und statischen Aufnahmen sowie einer dramaturgisch geschickten Verflechtung der einzelnen Episoden.

Fazit: Trotz leichter Schwächen im letzten Kapitel, überzeugt „Moonlight“ als kraftvolles, mutiges Drama vor allem mit seiner realistischen, unmittelbaren Milieu-Schilderung. Gerade die erste Hälfte ist, auch dank des brillanten Jung-Darstellers, emotional mitreißend und zutiefst bewegend geraten.

Bewertung 4/5

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.


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