Misery Kritik

Misery-KritikStephen King ist ein Phänomen. Er ist einer der meistgelesenen und erfolgreichsten Autoren der Gegenwart und hat bis heute über 400 Millionen Bücher verkauft. Auf sein Konto gehen bis heute über 40 Romane, dazu kommen noch etliche Kurzgeschichten, Essays, Kolumnen und Drehbücher. Ein Großteil seiner Romane lieferte die Vorlage für Kinofilme, Serien oder TV-Spielfilme. Dabei könnten die King-Verfilmungen in Sachen qualitativer filmischer Umsetzung und Adaption der Roman-Vorlagen unterschiedlicher nicht sein: Die Spanne reicht von katastrophalen Werken wie „Der Feuerteufel“ (1982) oder „Riding the bullet“ (2004) über belanglose da nur mittelmäßige Filme wie „Friedhof der Kuscheltiere“ (1989) und „Dreamcatcher“ (2002) bis hin zu Meisterwerken wie etwa „Carrie“ (1976), „Die Verurteilten“ (1994) und „The Green Mile“ von 1999. Nicht zu vergessen Kings Roman „Shining“, den Regie-Visionär Stanley Kubrick 1980 mit Jack Nicholson und Shelley Duvall meisterhaft verfilmte.

King selbst zeigt sich jedoch seit jeher mit den meisten seiner Verfilmungen unzufrieden. So ist er etwa von Kubricks Version von „Shining“ derart enttäuscht, dass er einige Jahre später ein verändertes Drehbuch für eine TV-Neuverfilmung schreibt. Einer der wenigen Filme, von denen King sich begeistert zeigt, ist die Verfilmung seiner Erzählung „Die Leiche“, die der amerikanische Regisseur Rob Reiner 1986 als Abenteuerfilm unter dem Titel „Stand by me“ inszeniert. Reiner ist es auch der – auf Kings Wunsch hin – bei dem Film „Misery“ (beruhend auf dem Roman „Sie“ von 1987) Regie führen soll. Eine gute Idee: 1990 gelingt Rob Reiner (der im Jahr zuvor mit „Harry und Sally“ einen Kassenknüller landet) mit „Misery“ die vermutlich gelungenste King-Verfilmung neben „Carrie“ und „Shining“. „Misery“ dürfte als effektvoller Psycho-Thriller und gleichsam beängstigender Blick in die Abgründe der menschlichen Seele wohl Stephen King selbst auch heute noch das Fürchten lehren.

Im Mittelpunkt der Handlung steht der erfolgreiche Schriftsteller Paul Sheldon, der es mit seiner „Misery“-Buchreihe zu Geld und Ruhm brachte. Nach einem Autounfall irgendwo in der entlegenen, verschneiten Einsamkeit gerät Sheldon in die rettenden Hände der Krankenschwester Annie Wilkes, die ihn mit zu sich nach Haus nimmt und sich um seine Verletzungen kümmert. Anne erweist sich als großer Verehrer von Paul und ist ein glühender Fan der Roman-Heldin „Misery“. Zum Dank für ihre Hilfe lässt Paul sie einen Blick in das Manuskript des neuesten „Misery“-Romans werfen, was ungeahnte Folgen nach sich zieht: Anne ist über das Ende des neuen Romans derart verärgert, dass nun ihr wahres, psychotisches Wesen zum Vorschein kommt. Sie verlangt ein neues Ende und verwandelt für dieses Ziel Pauls Krankenbett in eine Folterbank. Bewegungsunfähig durch seine Verletzungen und ohne Verbindung zu Außenwelt, erkennt Paul erst jetzt seine schier ausweglose Situation…

„Misery“ verdankt seine zutiefst beklemmende Atmosphäre und fast unerträgliche Spannung in erster Linie seinen beiden großartig agierenden Hauptdarstellern, die den Film tragen. Kathy Bates verkörpert die bösartige Krankenschwester als geistig verwirrte und kranke Frau, die sich zu Beginn noch in einer fast übertrieben fürsorglichen Güte liebevoll um ihren verletzten Lieblingsautor kümmert und ihn pflegt, sich nach und nach aber in eine sadistische Psychopathin verwandelt, die jeglichen Bezug zur Realität verliert. Man versetzt sich in Pauls Lage und kann seine Ängste nachempfinden, nachfühlen. Der Zuschauer fühlt mit Paul, er leidet regelrecht mit ihm. Bates gelingt es meisterhaft, dem Zuschauer Annes innere Dämonen und kranke Seele deutlich werden zu lassen. Ihre beängstigend realistische Darstellung bringt ihr 1991 zu Recht den Oscar ein. Als Autor Paul Sheldon liefert auch James Caan eine äußerst gelungene Vorstellung. Dabei war Caan längst nicht die erste Wahl bei der Besetzung der männlichen Hauptrolle. So lehnen etwa Michael Douglas, Harrison Ford, Al Pacino oder auch Robert de Niro die Rolle ab. Als Caan dann das Angebot erhält, erkennt er das Potential des Stoffes und sagt zu. Und er nutzt seine Chance: Caan überzeugt als hilf- und wehrloser Schriftsteller Paul Sheldon, der um sein Leben schreibt und langsam erkennen muss, dass er Anne ausgeliefert ist. Es scheint, als müsse er ihre grausigen Quälereien über sich ergehen lassen. Die Erniedrigung und Folter durch Anne gipfelt schließlich in einer Szene, die nur schwer zu ertragen ist. Genannte Szene wurde im Vergleich zur Romanvorlage nochmals deutlich entschärft, da die Macher dem Zuschauer nicht noch mehr „Leid“ zufügen wollten. Aber das Gezeigte genügt.

Regisseur Reiner versteht es zudem hervorragend, die Spannungs- und Schockmomente wohl dosiert und effektvoll einzusetzen. Er nutzt den (im wahrsten Sinne des Wortes) „engen“ Raum der Handlung (der Film spielt fast ausschließlich in Annes Haus) und kreiert ein beängstigendes Psycho-Kammerspiel, das dabei ganz ohne Spezialeffekte und künstliche Kulissen auskommt. Das intensive Spiel der beiden Hauptdarsteller, deren Gestik und Mimik sowie klassische Thriller-Elemente (Täter-Opfer-Beziehung, emotionaler und sich zuspitzender Konflikt der Hauptfiguren, Spannung) machen dies auch nicht erforderlich.

„Misery“ funktioniert als bitterböser, finsterer Psycho-Thriller auch heute noch. Eine der gelungensten King-Verfilmungen mit einer grandiosen Hauptdarstellerin, deren Leistung zu Recht mit einem Oscar gewürdigt wurde.


Darsteller

  • James Caan
  • Kathy Bates
  • Richard Farnsworth
  • Frances Sternhagen
  • Lauren Bacall
  • Graham Jarvis
  • Jerry Potter
  • Thomas Brunelle
  • June Christopher
  • Julie Payne
  • Archie Hahn III
  • Gregory Snegoff

Erscheinungsjahr
1990 / USA

Regie
Rob Reiner

Misery Trailer




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