Lost in Translation

Lost in Translation FilmkritikNeben dem seit Der weiße Hai anhaltenden Blockbuster-Wahn, der sich in teils unsäglichen Machwerken manifestiert, liefert Hollywood zum Glück doch immer wieder kleine, feine Meisterwerke, die den zerebral nicht völlig weggetretenen Cineasten auf niveauvolle Weise unterhalten und ihm das Gefühl geben, nicht erneut zwei Stunden des Lebens vergeudet zu haben.
Wer diesen Einführungssatz lesen und auf Anhieb verstehen kann bringt gute Ansätze mit, Lost in Translation genießen zu können. Alle anderen mögen sich ruhig und unauffällig zu den Ausgängen begeben und warten, bis ihre Nummer aufgerufen wird. Danke.
Völlig verdient erhielt Sofia Coppola – Tochter von Regie-Legende Francis Ford Coppola – einen Oscar für das beste Drehbuch des Jahres.

Zur Geschichte: Der abgetakelte, amerikanische Schauspieler Bob Harris (Bill Murray) verweilt eher widerwillig in Tokio, um einen bescheuerten Spirituosen-Werbespot (bin ja mal gespannt, ob Google diese Wortkreation an erster Stelle reiht) zu drehen. Derweil langweilt sich die junge Charlotte (Scarlett Johansson) an der Seite ihres Mannes, eines umtriebigen Fotografen.
Zufällig lernt sie in der Hotelbar Bob kennen – und schätzen. Denn Bob – gleichfalls wenig glücklich verheiratet – leidet gleich ihr an Schlaflosigkeit und Frust über ein vermeintlich sinnloses Leben, das nur noch aus alltäglichen Belanglosigkeiten zu bestehen scheint.
Rasch entwickelt sich eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden, in einer fremden Stadt verloren wirkenden Nachtschwärmern. Doch beide wissen, dass ihre gemeinsame Zeit begrenzt ist, denn Bobs Heimflug naht…

Lost in Translation ist einer jener vom Aussterben bedrohten Filme, die keine Sekunde langweilen. Von Beginn an wird der Zuschauer in die poetische, unaufdringliche Bildsprache geleitet: Ob der grelle Neonglanz des modernen Tokio bei Nacht oder die melancholische Besinnlichkeit des traditionellen Tokio bei Tag: Die Kulissen sind stets perfekt gewählt und tragen zur ruhigen, dennoch dichten Atmosphäre des Films bei. Es gibt keine hektischen Schnitte, keine verstörenden Szenenwechsel – butterweich fließt der Film dahin und lässt den Schauspielern Zeit, ihre Rollen zu entwickeln.

Überhaupt, die Besetzung: Wie riskant, einen Film auf zwei Schauspieler zuzuschneiden, die den gesamten Plot tragen müssen! Während Bill Murrays Brillanz (tatsächlich bietet der Film eine perfekte Plattform für Murray, sein Talent für skurrile, gleichzeitig tragische Figuren auszureizen) wenig überrascht, verblüfft die junge Scarlett Johansson in jeglicher Hinsicht. Ohne übertriebene Gesten oder fürchterliches „Overacting“ gibt sie ihrer Figur der Charlotte nicht nur ein (hübsches) Gesicht, sondern auch emotionale Tiefe.
Wenn sie traurig von ihrem Hotelzimmer auf das riesige Tokio herabblickt oder von ihrem Mann nur ein wenig Aufmerksamkeit wünscht, erfährt der Zuschauer aus ihren Blicken, aus ihrer Mimik davon. Meist sind keine Worte nötig, um ihre Stimmung auszudrücken, wie es bei weniger talentierten Schauspielern der Fall ist, die ihre Emotionen rhetorisch kund tun müssen.

Dennoch: Trotz ihrer grandiosen Leistung ist der alte Haudegen Bill Murray natürlich Star des Films. Er ist von Anfang an Sympathieträger und sorgt für die kleinen, aber gelungenen Witzeleien. Schade, dass dieser großartige Darsteller viel zu selten in adäquaten Rollen zu sehen ist und sich öfter für billige Klamotten hergibt, als für Filme wie diesen.

Der rote Faden des Filmes ist Sprache – sowohl im vordergründigen, als auch im übertragenen Sinne. Als Amerikaner in Tokio, der kein japanisch kann, ist er völlig auf radebrechende Dolmetscher angewiesen. Doch selbst in seiner Muttersprache stößt er mitunter auf Verständnislosigkeit: Die Telefonate mit seiner Frau, die in den USA geblieben ist, zeugen von einer Kluft zwischen dem, was er sagen möchte und dem, was er tatsächlich sagt. Die Kommunikation mit dem einstmals geliebten Menschen wird solcherart immer schwieriger; bis hin zu einem Punkt des Schweigens, an dem sie sich tatsächlich nichts mehr zu sagen haben, was man anhand der banalen Dialoge verfolgen kann.

Ähnliches widerfährt Charlotte, die bereits nach kurzer Ehe an einem Kommunikations-Defizit mit ihrem Mann leidet, das sie lediglich in Bobs Nähe beheben kann. Nur mit ihm kann sie jene Ängste und Erfahrungen austauschen, die sie belasten.

Einziger (kleiner) Kritikpunkt ist die Darstellung der japanischen Kultur: Die leider übliche westliche Arroganz gegenüber fremden Kulturen drückt sich dadurch aus, dass den Japanern unterschwellig vorgeworfen wird, kein oder nur ein schwer verständliches Englisch zu sprechen.
Apropos Kultur: Diese wird teilweise auf lärmende Spielhallen, Karaoke-Bars und hirnverbrannte TV-Shows reduziert. Wie würden wir auf einen ausländischen Film reagieren, der Österreicher und Deutsche als jodelnde Witzfiguren präsentierte, die nichts lustiger finden, als sich zu besaufen und Musikantenstadl oder dämliche Talkshows zu gucken? Nun gut, irgendwie stimmt das ja auch…

Nichtsdestotrotz stören Kleinigkeiten, da sie dieses großartigen Filmes unwürdig sind. Davon abgesehen ist Sofia Coppolas erst zweiter (!) Film ohne Zweifel einer der mit Abstand besten Filme des Jahres und um Längen witziger, spannender und berührender als der übliche Einheitsbrei oder peinliche Teenie-Komödien.

In Anlehnung an Kurt Vonneguts Frühstück für Helden: „So macht man das!“
Worauf wartet ihr noch? Kauft oder leiht euch den Film!


Darsteller

  • Scarlett Johansson
  • Bill Murray
  • Akiko Takeshita

Regie
Sofia Coppola

Produktionsland, Jahr
USA, 2003

Lost in Translation Trailer




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