Lost and Delirious

Lost and Delirious FilmkritikLost and Delirious FilmkritikDie junge Mary Bradford (Mischa Barton) wird von ihrem Vater und ihrer Stiefmutter in ein Mädchen-Internat gesteckt. Obwohl sie sich vor dieser neuen, fremden Welt fürchtet, legt Mary keinen Widerspruch ein. Wie bislang alles in ihrem Leben, lässt sie es geschehen.
Doch Mary fügt sich rasch in den Mikrokosmos des Internats ein, vor allem dank ihrer Zimmerkolleginnen Paulie (Piper Perabo) sowie Tori (Jessica Paré).

Dass Paulie und Tori mehr als nur eine besonders enge Freundschaft verbindet, erkennt die etwas weltentrückte Mary erst spät. Sie akzeptiert aber schweigend die flammende Liebe der beiden Mädchen und wird so zu deren Vertrauten.
Das Idyll der Liebe bzw. tiefen Freundschaft zerbricht jäh, als ausgerechnet Toris Schwester sie und Paulie zusammen im Bett erwischt. Während Paulie diese Peinlichkeit achselzuckend hinnimmt, sieht sich Tori vor die schwierige Wahl gestellt, ihre Liebesbeziehung zu bestreiten oder sich zu Paulie zu bekennen.

Wohl wissend, dass ihre reaktionären Eltern sie mit Schimpf und Schande aus der Familienbande ausschließen würden, gerät Tori in Panik, behauptet, Paulie hätte sie gegen ihren Willen bedrängt, und geht eine Beziehung mit einem Jungen ein, um allen Gerüchten über ihre „Andersartigkeit“ ein Ende zu bereiten.
Paulie gibt jedoch nicht kampflos auf und versucht mit allen Mitteln, Tori zurückzugewinnen und ihr das Geständnis der beidseitigen Liebe abzuringen. Immer stärker gerät Paulie ins soziale Abseits – bis sie nur noch auf Marys Freundschaft zählen kann und sie mit in den Abgrund zu reißen droht…

Filme über gleichgeschlechtliche Liebe sind stets eine Gradwanderung. Manche davon sind gut gemeint und setzen sich doch nur aus altbackenen Klischees und pseudo-toleranten Mätzchen zusammen; andere drücken hemmungslos auf die Tränendrüse und verklären ihre Protagonisten zu armen, vom grausamen Schicksal gebeutelten Außenseitern.
Und dann gibt es noch Komödien – vor allem jene aus deutschen Landen – die ohne ihren Klischee-Schwulen (Standardsatz: „Dein Freund hat einen geilen Arsch!“) völlig undenkbar wären.

Umso erfreulicher sind Filme wie dieser, der seine Hauptfiguren ernst nimmt und das zentrale Motiv des Streifens – darf Liebe zur Selbstverleugnung führen? – auf wunderbare Weise herausarbeitet.
Bemerkenswert ist bereits die Erzählperspektive: Das gesamte Geschehen, wird meist von Marys Warte aus beobachtet und kommentiert. Sie ist der eigentliche Drehpunkt der Geschichte, obwohl sie nur wenig spricht, vom Schluss abgesehen stets im Hintergrund bleibt und niemandem in Liebe zugetan ist. Gerade dadurch gewinnt der Film an emotionaler Nähe; weitaus mehr, als würde er aus der Sicht von Paulie oder Tori geschildert werden.

Mary hingegen ist eine fast beängstigend neutrale Beobachterin, die keines der beiden Mädchen in ihrer freundschaftlichen Gunst bevorzugt. Folgerichtig wird sie von Tori nach deren Bruch mit Paulie gebeten, ihrer einstigen Geliebten in dieser schweren Zeit beizustehen, während Paulie ihrerseits in ihr die loyale Freundin erkennt.
Wie in einem (guten) Drama üblich, steuert die Handlung unbarmherzig auf ein tragisches Ende zu. Konsequenterweise bildet Shakespeare den literarischen Rückhalt der Geschichte: Während im Schulunterricht seine Werke besprochen und diskutiert werden, nimmt sich Paulie die unsterblichen Monologe des großen Poeten zu Herzen und beginnt, um Tori auf melodramatische Weise zu werben.
Es mag billig erscheinen, beim Thema „Teenie-Liebe“ auf Englands berühmtesten Dichterfürsten zurückzugreifen. Aber selten ist der Rahmen treffender gewählt als in diesem Film.

Zugegebenermaßen trägt „Lost and Delirious“ an einigen Stellen zu dick auf, sodass der Pathosbogen arg überspannt wirkt. Die Metapher mit einem verletzten Raubvogel, der von Paulie gesund gepflegt wird und in dessen kalter Seele sie sich verstanden fühlt, ist doch ein bisschen abgestanden. Jedoch soll dies der Größe des kleinen Films keinen Abbruch leisten!

Wenngleich der Fokus naturgemäß auf den Mädchen liegt, bleiben die widersprüchlichen Gefühle der Erwachsenen nicht ausgespart. So versucht die ältliche Internatsleiterin vergeblich, Paulie zur „Vernunft“ zu bekehren, indem sie ihr indirekt gesteht, dereinst ähnliche Gefühle selber gehegt zu haben.

Erwähnt sei auch der Verzicht auf jegliche moralische Wertung: Die Frage, ob Liebe zwischen zwei Mädchen erlaubt ist, stellt sich erst gar nicht. Denn wie Paulie an einer Stelle erklärt, ist sie nicht lesbisch, sondern einfach nur in Tori verliebt. Dass diese kein Junge ist und somit ihre Hingabe den Konventionen widerspricht, muss der Liebenden egal sein.

Der visuelle Stil des Films (je größer der Seelenschmerz, desto „dunkler“ die Bilder), das geschickte Erzähltempo (an keinem Punkt wird der Film hektisch oder langweilig), die gelungene Musikauswahl, der Verzicht auf „voyeuristische“ Szenen sowie die darstellerische Leistung von Piper Perabo machen diesen Film zu einem der sehenswertesten Filme der letzten Jahre.
Dies ist kein „Lesben-Movie“, keine Teenie-Schmonzette oder gar eine stumpfsinnige Komödie – dies ist ein großartiger Liebesfilm, der seine Protagonisten und den Zuschauer ernst nimmt.


Darsteller
Piper Perabo … Pauline “Paulie” Oster
Jessica Paré … Victoria “Tori” Moller
Mischa Barton … Mary Bradford

Regie
Léa Pool

Produktionsland, Jahr
Kanada, 2001

Lost and Delirious Trailer




Weitere Filme/Informationen:

Leave a comment

Name: (Required)

eMail: (Required)

Website:

Comment: