Late Night Kritik

Katherine Newbury (Emma Thompson) ist seit 28 Jahren Gastgeberin ihrer eigene TV-Show „Tonight with Katherine Newbury“. Doch das Talk-Format hat mit sinkenden Einschaltquoten zu kämpfen und außerdem hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Katherine Frauen nicht ausstehen könne. Tatsächlich besteht ihr Autorenteam ausschließlich aus Männern. Als ihr die Senderchefin mitteilt, dass sie kurz vor der Entlassung steht und durch einen (jungen) Mann ersetzt werden soll, sieht die gewiefte Katherine nur eine Möglichkeit: Eine Frau muss frischen Wind in die Redaktion bringen. Wenig später erhält die farbige Molly Patel (Mindy Kaling), die keinerlei Comedy-Erfahrung hat, ihre einmalige Chance. Ihr Ziel ist es, die Show und damit Katherines Karriere vor dem Untergang zu bewahren. Doch bei den männlichen Autoren und Gag-Schreibern hat das andere Geschlecht einen schweren Stand.

Die britische Golden-Globe-Preisträgerin Emma Thompson ist seit Jahren außerordentlich gut im Geschäft und stellt damit eine Ausnahme in Hollywood dar: Vielfältige Rollenangebote für Frauen ab 50 Jahren sind in der Traumfabrik nach wie vor keine Selbstverständlichkeit. Thompson wirkte allein seit 2016 in fünf Hollywood-Produktionen unterschiedlicher Genres mit. Die Tragikomödie „Late Night“ feierte Anfang 2019 beim Sundance Filmfest seine Weltpremiere. Für die Filmverwertung in den USA erwarb Amazon die Vertriebsrechte.


Molly-Darstellerin Mindy Kaling gehört zu den aufstrebenden TV- und Stand-Up-Komikerinnen der USA und empfiehlt sich mit „Late Night“ ebenso als Autorin bissiger, augenzwinkernder Satiren. Die Story von „Late Night“ entstammt ihrer Feder und Kaling genießt es ungemein, einen messerscharfen, süffisanten Blick hinter die Kulissen der (US-) Entertainment- und Showbiz-Szene zu werfen – und damit genüsslich die Oberflächlichkeit einer ganzen Branche zu entlarven, in der es vor egozentrischen Selbstdarstellern und profitgeilen Entscheidern nur so wimmelt. Und in der es vor allem um Dinge wie Image, Quote und Reputation geht.

Dass muss die von Emma Thompson mit 43 (!) Emmys ausgezeichnete TV-Legende Newbury am eigenen Leib erfahren. Die großartige Thompson stattet ihre ambivalente Figur mit ignoranter Hochnäsigkeit und hartnäckiger Borniertheit aus. Gemeinsam mit ihrem Team aus männlichen Autoren steht sie gewissermaßen stellvertretend für steinzeitliche, gestrige Denk- und Verhaltensweisen. Für Menschen, die sich allem Neuen gegenüber verschließen und im Bewährten, Althergebrachten verharren. Kein Wunder, dass Newburys Show seit Jahre in der Zuschauergunst einbüßt: Die Talk-Lady und ihre Autoren erreichen die jüngeren Zuschauer nicht und setzen auf antiquiert wirkende Scherze. Sie haben den medialen Wandel und den Generationenwechsel verschlafen.

All dies prangert „Late night“ gekonnt an, ohne mit der Moralkeile zu schwingen oder allzu belehrend zu wirken. Dabei bedient sich Kaling jederzeit treffsicherer Pointen sowie überdeutlicher, alles andere als subtil daherkommender Verweise auf einige der großen Themen unserer Zeit: #MeToo, Black Identity, den neue Feminismus. Es geht Kaling also nicht nur um Medienschelte und Kritik an der Scheinheiligkeit des Showbiz mit seiner künstlichen, glattgebügelten Oberfläche. Sie spricht auch soziale Missstände und gesellschaftliche Probleme an. Und zeigt mit „Late Night“ die Dringlichkeit auf, verkrustete Strukturen aufzubrechen und gängige Rollenbilder sowie -klischees mehr denn je zu hinterfragen.

Fazit: Umwerfend gespielte, sozialkritische Satire, die von feinsinnigen Beobachtungen und tiefschwarzem Humor durchzogen ist.

Bewertung: 9/10

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.


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