Seit über 40 Jahren gehört Jean-Paul Gaultier zu den gefragtesten, populärsten Modeschöpfern und Designern der Welt. Seine erste eigene Modekollektion entwarf er Mitte der 70er, spätestens ab den frühen 80er-Jahren etablierte er sich als exzentrischer Künstler, der mit Vorliebe übergewichtige und tätowierte Models auf den Laufsteg schickte. Es dauerte nicht lange und die Presse bezeichnete den 1952 in der Nähe von Paris geborenen Gaultier als „Enfant terrible der Modeszene“. Ab den 90er-Jahren fand Gaultier endgültig Eingang in die Popkultur, als er provokante Bühnenoutfits für Künstlerinnen wie Kylie Minogue und Madonna (unvergessen: die Outfits für die „Blonde Ambition“-Tour) realisierte und wenig später auch Kostüme für Filme entwarf. Darunter Werke, die heute als Klassiker ihres Genres gelten: Etwa die „Stadt der verlorenen Kinder“ (1995) oder „Das 5. Element“ (1998).

In der im Herbst 2018 im Pariser Varietétheater Folies Bergère uraufgeführten „Fashion Freak Show“ lässt Gaultier sein Leben Revue passieren – mittels Theater, Videoinstallationen, Schauspiel, Tanz, Cabaret und Varieté. Die Doku „Freak & Chic“ schildert die Hintergründe und Vorbereitungen zu dieser wilden, bunten Show, die wenig später von Paris aus an vielen weiteren Orten der Welt zu sehen war. Zwei Jahre lang arbeitete Gaultier an der Realisierung dieses künstlerischen Großprojekts.

Der von Yann L’Hennoret realisierte Film lässt sich auf zweierlei Art lesen: Zum einen als Entstehungsgeschichte der opulenten Gaultier-Show „Freak & Chic“, die die Proben, Besprechungen (etwa mit Chic-Musiker Nile Rodgers, dessen „Le Freak“ in der Show zu hören ist), die Castings und Shootings zur Revue ausführlich dokumentiert und mit der Kamera einfängt. Gleichzeitig aber ist der Film ein Porträt über Gaultier selbst und erzählt (mitunter beiläufig und in Zwischentönen) von dessen prägenden Lebensstationen und einschneidenden Erlebnissen.

Nur ist es hier eben so, dass die Tänzer, Darsteller, Perfomances, Videos und Kostüme auf der Bühne vielfach stellvertretend für eine Episode aus Gaultiers Leben stehen und eine Geschichte erzählen. Das ist ein spannender und unverbrauchter Ansatz. Wenn etwa eine Frau mit einem prägnanten Spitz-BH die Bühne betritt, dann ist das natürlich ein Verweis auf dasselbe, längst zur Ikone gewordene und damals hochskandalöse Kleidungsstück, das Gaultier Ende der 80er-Jahre für Madonna entwarf. Oder wenn zwei männliche Tänzer gemeinsam unter einem riesigen gestreiften Pullover (Gaultiers Markenzeichen) tanzen und sich immer näher kommen, dann erzählt diese Szene von Gaultiers Lebensliebe: Von ihm und seinem langjährigen Lebensgefährten und Geschäftspartner Francis Menuge, der 1990 an den Folgen der Immunschwäche Aids starb.

Diese Sequenzen auf der Bühne sind weitaus spannender als die Szenen dahinter. Dazu zählen in erster Linie überraschungsarme „Behind-the-Scenes“-Momente, die man von vielen anderen Mode- und Modenschau-Dokus kennt. Inklusive unter Zeitdruck stehender Kostümdesigner und Schneider, übermotivierter Choreografen sowie euphorischer Augenblicke, wenn die Proben erfolgreich verliefen. Für Abwechslung sorgen die schrillen, extravaganten, teils enorm freizügigen Outfits sowie die als „Freaks“ verkleideten Outsider, Kreativen, Künstler und Grenzgänger, die alle in gewisser Weise für Gaultier selber stehen und eine wichtige Botschaft vermitteln: wie erfrischend und bereichernd das „Anderssein“, das Schamlose und Ausgefallene sein können.

Fazit: „Freak & Chic“ gewährt einen interessanten Blick auf das ereignisreiche Leben eines begnadeten Künstlers in Form einer biographischen, farbenfrohen Modenschau. So abwechslungsreich und bombastisch die Szenen auf der Bühne geraten sind, so generisch und wenig aufschlussreich kommt das „Behind-the-Scenes“-Material daher.

Bewertung: 6/10 Sterne


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