Inglourious Basterds Filmkritik

Was haben titelgebende „Inglourious Basterds“ mit Regisseur Quentin Tarantino gemeinsam? Ganz einfach: Beide pflegen keine Gefangenen zu machen. Wer sich in einen Film des mit „Pulp Fiction“ berühmt-berüchtigt gewordenen Sergio-Leone-Fans begibt, darf nebst expliziten Gewaltdarstellungen kuriose Dialoge wie auch großzügige Geschichtsschreibungen erwarten. Seine mit Superstar Brad Pitt in der Hauptrolle besetzte Weltkriegsgroteske macht von dieser Regel keine Ausnahme. Mitunter überraschende Gewaltausbrüche, schräge Dialoge und comicartige Charakterisierungen prägen den zweieinhalbstündigen Film.

In fünf Kapiteln schildert der US-Amerikaner vor dem Hintergrund des zweiten Weltkrieges die Geschicke bzw. Missgeschicke einer Spezialeinheit mit kühnem Vorhaben: Die gesamte Führungsspitze der Nazis auf einen Schlag zu erledigen. Ob diese Mission gelingt wird natürlich nicht verraten. Kein Geheimnis wird hingegen euer Kritikerbasterd daraus machen, ob sich Tarantinos bis dato kommerziell erfolgreichster Streifen für den Zuschauer lohnt.

Indianer auf Naziskalp-Jagd
1941. Der als „Judenjäger“ gefürchtete SS-Standartenführer Hans Landa (Christoph Waltz) inspiziert persönlich den Hof des französischen Bauern LaPedite (Denis Menochet), da man auf seinem Anwesen versteckte Juden vermutet. Tatsächlich gelingt es Landa, den zunächst verstockten Bauern mit Hilfe seiner psychologischen Raffinessen zum Verrat zu überreden. Bis auf ein fliehendes Mädchen werden alle Gesuchten ermordet.

Derweil wird eine alliierte Spezialeinheit, die „Inglourious Basterds“, hinter den feindlichen Linien abgesetzt. Unter der Führung des indianischstämmigen Aldo Raine (Brad Pitt) haben es sich die Männer zur Aufgabe gemacht, so viele Nazis wie nur möglich zu töten. Tatsächlich erwirbt sich die Einheit rasch einen Namen unter der Wehrmacht, weshalb Hitler (Martin Wuttke) persönlich alle Hebel in Gang setzt, die „Basterds“ zu eliminieren.

Doch diese schmieden inzwischen besonders perfide Pläne: Sie wollen die Pariser Filmpremiere eines deutschen Propagandastreifen, bei der unter anderem Hitler anwesend sein soll, für ein kühnes Unternehmen nutzen. Auf einen Schlag wollen sie die Nazi-Elite töten und somit den Krieg augenblicklich zu Gunsten der Alliierten entscheiden. Aber trotz tatkräftiger Mithilfe von Verschwörern wie der Schauspielerin Bridget von Hammersmark (Diane Kruger) scheint dieser Plan zum Scheitern verurteilt …

Spaghetti-Kriegswestern
Bereits die ersten Minuten zeigen, wes Geistes Kind Tarantino ist. Wer „Spiel mir das Lied vom Tod“ gesehen hat wird unschwer Parallelen zur ersten Viertelstunde von „Inglourious Basterds“ erkennen. Geradezu provokant langsam läuft der Film an. Natürlich weiß der Zuschauer, dass Bösewicht Hans Landa den Juden versteckenden französischen Bauern längst durchschaut hat. Doch anstatt dieses Wissen offen auf den Tisch zu legen, spielt der gewiefte SS- Standartenführer mit dem wenig heldenhaften Mann Katz und Maus. Geschickt laviert Tarantino um die Offenbarung herum und verunsichert den Zuschauer wiederholt: Wird Landa den hübschen Töchtern des Bauern etwas antun? Oder ihn vor den Augen der entsetzten jungen Frauen erschießen?

In dieser Tonart geht es unversehens weiter: Wenngleich die Handlung mitunter vorhersehbar scheint, spielt sie im Grunde eine beinahe schon unwesentliche Rolle. Tarantino legt weitaus mehr Augenmerk auf Stil, als auf den Plot. Was in vorliegendem Falle kein Beinbruch ist, im Gegenteil: Der B-Plot und die flachen Charaktere schaden dem Sehvergnügen in keiner Weise. Freilich muss man bei einem Tarantino-Film Kompromisse eingehen und sollte die Ansprüche an das jeweilige Machwerk nicht zu hoch ansetzen. Seine Filme sind der reinen Unterhaltung verpflichtet – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Entsprechend simpel fällt denn auch die Handlung aus: Westliche Soldaten töten Nazis und beabsichtigen, Hitler und seine Schergen ums Eck zu bringen. Viel mehr an Inhalt bietet der Streifen nicht, der sich schamlos sämtlicher Klischees – Apfelstrudel mampfende Nazis, coole Amis – bedient. Egal, denn in „Inglourious Basterds“ bilden die zahlreichen Details das Ganze. Wie bei einem Mosaik muss man das Bild aus einer bestimmten Distanz betrachten, um es in seiner Gänze bewundern zu können.

Wiener Oscar-Waltzer
Spannung bezieht das historisch unkorrekte Epos ohnehin aus der gegenseitigen Verfolgungsjagd zwischen den „Inglourious Basterds“ und Bösewicht Hans Landa. Dabei darf sich der gebürtige Wiener Christoph Waltz an die Fahnen heften, quasi im Alleingang den Film zu stemmen. Mühelos spielt er den mit albernem Schnauzbärtchen verunzierten Brad Pitt an die Wand, wofür er 2010 den „Oscar“ als Bester Nebendarsteller erhielt. Sei’s drum, dass ein deutschsprachiger Künstler im Filmgeschäft offenbar nur dann Erfolg haben kann, wenn er sich der Nazi-Thematik bedient. Und dass die aus nicht nachvollziehbaren Gründen in Hollywood ungemein erfolgreiche Diane Kruger auch in ihrer Rolle als Bridget von Hammersmark bestenfalls Laiendarsteller-Niveau beweist, Schwamm drüber.

Viel wichtiger ist das Ergebnis: Zweieinhalb Stunden sinnfreie Unterhaltung auf hohem Niveau mit zahlreichen filmhistorischen Anspielungen. Es ist beleibe kein Zufall, dass das große Attentat in einem Kino stattfinden soll oder mehrere Verräter der Filmbranche verbunden sind. Seit seinen Anfängen fasziniert das Medium und wurde für alle Arten der Propaganda eingespannt und missbraucht. Eine Tatsache, die Tarantino immer wieder augenzwinkernd kommentiert, etwa durch Ausschnitte aus einem fiktiven deutschen „Meisterwerk“, das wie von ihm selber inszeniert wirkt.

Fazit: Anspruchslos, die Historie verzerrend, laut und ordinär. Mit „Inglourious Basterds“ produzierte Quentin Tarantino seine eigenwillige Version eines Spaghetti-Western. Passenderweise musikalisch untermalt von Stücken aus Ennio Morricones Schaffen.

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Rainer Innreiter


Darsteller

  • Brad Pitt … Lt. Aldo Raine
  • Mélanie Laurent … Shosanna Dreyfus
  • Christoph Waltz … SS-Standartenführer Hans Landa
  • Eli Roth … Sgt. Donny Donowitz
  • Til Schweiger … Feldwebel Hugo Stiglitz
  • Diane Kruger … Bridget von Hammersmark
  • Michael Fassbender … Lt. Archie Hicox
  • Daniel Brühl … Fredrick Zoller
  • Gedeon Burkhard … Cpl. Wilhelm Wicki
  • Jacky Ido … Marcel
  • B. J. Novak … PFC Smithson Utivich
  • Omar Doom … Omar Ulmer
  • Sylvester Groth … Joseph Goebbels
  • August Diehl … SS-Sturmbannführer Dieter Hellstrom
  • Denis Menochet … Perrier LaPadite
  • Martin Wuttke … Adolf Hitler
  • Alexander Fehling … Hauptfeldwebel Wilhelm/Pola Negri
  • Mike Myers … General Ed Fenech

Regie
Quentin Tarantino

Produktionsland, Jahr
USA/Deutschland, 2009

Inglourious Basterds Trailer



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