Hereditary Kritik

Auch wenn im familiären Alltag nicht immer alles glatt geht, führt Annie Graham (Toni Collette) mit ihrem Mann Steve (Gabriel Byrne) und ihren beiden gemeinsamen Kindern insgesamt ein zufriedenes Leben in einem abseits gelegenen Waldhaus. Ihre zwei Sprösslinge, der pubertierende Peter (Alex Wolff) und die Außenseiterin Charlie (Milly Shapiro), liebt sie über alles. Das beschauliche Leben ändert sich jedoch, als eines Tages Annies herrische Mutter stirbt. Sie war das Familienoberhaupt und ihr Ableben setzt eine Reihe unheimlicher, mysteriöser Ereignisse in Gang, die Annie und ihre Familie stark verunsichert. Dazu beschleicht Annie das Gefühl, dass sich im Haus eine dunkle, übersinnliche Präsenz eingenistet hat. Allmählich kommt die Familie einem grausamen Geheimnis auf die Spur, das ihnen von ihren Vorfahren „vererbt“ wurde.

Der im Februar 2017 im US-Bundesstaat Utah gedrehte Horrorfilm „Hereditary“ wurde von Lars Knudsen produziert, der 2015 bereits für den Grusel-Hit „The Witch“ verantwortlich zeichnete. Für Regisseur Ari Aster, der ebenso das Script zum Film verfasste, ist es das Langfilmdebüt. Für seinen Erstling konnte er mit Toni Collette gleich einen bekannten Hollywood-Star für die Hauptrolle gewinnen. Collette feierte ihren Durchbruch 2000 in dem Mystery-Thriller „The 6th Sense“, wofür sie eine Oscar-Nominierung erhielt. Seitdem war sie sowohl in Indie-Erfolgen als auch in großen Blockbustern zu sehen, darunter „Little Miss Sunshine“ (2006), „Hitchcock“ (2012) oder „XXX – Die Rückkehr des Xander Cage“ (2017).


Seit Beginn des Jahrzehnts sorgen immer wieder atmosphärisch dicht inszenierte, mit unheilvollem Soundtrack gespickte Horrorfilme für Furore, in denen es um übernatürliche oder okkulte Bedrohungen (vor allem Dämonen und teuflische Gestalten) geht. Der Reigen dieser famosen Werke begann 2010 mit der „Insidious“-Reihe, gefolgt von den „Conjuring“-Filmen oder auch dem hervorragenden „Babadook“ (2014). Jüngere Werke wie „The Witch“ oder „Hagazussa“, in denen finstere Hexen für Tod und Verderben sorgen, führten diese Tradition zuletzt erfolgreich fort. Der beängstigend stilsicher inszenierte und furchterregende „Hereditary“ ist nun der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklung.

Der Film fasst die Stärken der vorher genannten Produktionen zusammen und verdichtet sie zu einer stellenweise kaum zu ertragenden, beklemmend-erschreckenden Tour-de-Force, die lange nachwirkt. „Hereditary“ kommt ohne Blut und unnötige Ekel-Effekte aus, auch das zeichnet die Filme dieser Welle neuartiger Geister-und Dämonen-Grusler aus, die um 2010 an Fahrt aufnahm. Stattdessen spielt sich der Horror im Kopf der Protagonisten und damit auch des Zuschauers ab. Versatzstücke des intelligenten psychologischen Horrors kommen bei „Hereditary“ auch noch dazu. Und das in hohem Maße, denn: die Gedanken, Ängste und Sorgen der Hauptfigur (großartig: Toni Collette) spiegeln sich nicht zuletzt in einer kleinen, detailverliebten Miniaturwelt wieder.

Annie baut als Künstlerin und Modellbauerin u.a. kleine Puppenhäuser und Miniaturwohnungen, die überall im Haus herumstehen. Auch um den Tod der Mutter zu verarbeiten und um mit der Vergangenheit ins Reine zu kommen, baut sie aktuell ein neues Exemplar für eine Ausstellung. Dabei geht die immer bedrohlicher werdende Atmosphäre im Film auf stimmige und kluge Weise Hand in Hand mit den sich allmählich verändernden Arbeiten und Werken von Annie. Stark ist, wie Regisseur Aster diese beiden Welten – die filmische Gegenwartshandlung und die Miniaturwelt – optisch bzw. technisch verschmelzen lässt und sie miteinander verschränkt: da gehen Bildausschnitte bzw. Einstellungen vom echten Haus der Grahams und vom Puppenhaus harmonisch und unmerklich ineinander über und die detailgetreu eingerichteten, kleinen Modell-Zimmer entpuppen sich teils als reale, echte Räume. Nicht zu vergessen die Mini-Figuren im Modellhaus, die irgendwann einfach nur noch ein Abbild von Annies düstersten Vorahnungen und von nicht bearbeiteten, traumatischen Ereignissen sind (Stichwort: Brust). Die Figuren stellen all dies quasi in einer eigenen, verstörenden kleinen Parallelwelt nach.

Aster ist es zudem hoch anzurechnen, dass er sich in seinem ruhig und gemächlich erzählten Film Zeit lässt, um die Handlung und die Figuren zu etablieren. Ohne Hektik und mit viel Geduld entfaltet er den schonungslosen und schauderhaften (okkulten) Wahnsinn, der allmählich über Annie und ihre Familie hereinbricht. Dabei bedient er sich nicht zuletzt auch eines effektvollen Sound-Designs, das von grauenerregenden Geräuschen und schrillem Geschrei bis hin zu verzerrten, schallenden Klängen reicht. Wieder eine Gemeinsamkeit mit den zu Beginn erwähnten, anderen starken Horrorfilmen, die durch Stil, Inszenierung und Stimmung überzeugen.

Fazit: Dank der harmonischen Verschränkung zweier Welten, eines leidenschaftlich agierenden Casts und der furchteinflößenden Grundstimmung, zählt der stilsicher inszenierte Höllentrip „Hereditary“ zum Besten, was das Horror-Gerne in diesem Jahr bisher zu bieten hatte.

Bewertung: 9/10

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.


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