Gimme Danger Kritik

Gimme Danger Filmkritik

„Gimme Danger“ widmet sich ausführlich und facettenreich der musikalischen Lebensleistung einer der wichtigsten Rockbands aller Zeiten, die als Wegbereiteter des Punk gilt: die Stooges. Obwohl sie sich bereits nach sieben Jahren auflösten und nur drei Alben während dieser „klassischen“ Phase veröffentlichten, gingen sie in die Geschichte ein. Ihr 73er-Werk „Raw Power“ gilt als Meilenstein des Garagen-Rock und Proto-Punk. Und das, obwohl es diese Musikstile offiziell noch gar nicht gab. Für Skandale und Aufsehen sorgte dabei immer wieder Frontmann Iggy Pop, der sich auf der Bühne schon mal mit Erdnussbutter einrieb oder mit scharfen Gegenständen blutig schnitt. Indie-Regisseur Jim Jarmusch erzählt in seiner Musik-Doku die Geschichte dieser einflussreichen, legendären Band.

Die porträtierten Stooges und Regisseur Jim Jarmusch passen gut zusammen. Denn während die Band um den „Godfather of Punk“ Iggy Pop zu den wegweisenden Rockbands der USA zählt, ist Jarmusch der wichtigste Indie-Regisseur in der Geschichte des amerikanischen Kinos. Jarmusch, mittlerweile 64, drehte einige der besten und wichtigsten Independent-Filme. Also Werke, die nicht von einem millionenschweren Studio vertrieben werden, über die der Filmemacher stets die künstlerische Kontrolle behält und die sich durch eine außergewöhnliche Umsetzung auszeichnen. Zu den Bekanntesten zählen u.a. „Down by law“ (1986) und „Night on Earth“ (1991). „Gimme Danger“ war ein Herzensprojekt von Jarmusch, der seit seiner Jugend Fan der Stooges ist. Seine Premiere erlebte „Gimme Danger“ auf dem letztjährigen Cannes-Festival.


Zunächst einmal ist „Gimme Danger“ eine formal wie auch handwerklich ausgewogene, äußert gelungene Musik-Dokumentation. In hier vermengen sich in erster Linie Interview-Schnipsel mit Konzertaufnahmen. Hinzu kommen abgefilmte Fotos vergangener Tage. Die packenden Ausschnitte der emotionsgeladenen, teils unfassbar chaotischen Liveauftritte machen klar, wie exzessiv und hemmungslos es bei Stooges-Gigs zugegangen sein muss. Und dabei verfügte Jarmusch noch nicht einmal über besonders viel Live-Material. Denn bei den Konzerten der 1967 in Michigan gegründeten Band waren es nicht selten Fans, Mitmusiker oder befreundete Kollegen, die filmten. Offizielles, qualitativ hochwertiges Material gibt es nur wenig und schon gar nicht von großen TV-Sendeanstalten. Dafür waren die Stooges während der Zeit ihres Bestehens zu gefürchtet, laut, rau und unangepasst. Oder, positiv formuliert: ihrer Zeit einfach zu weit voraus. Mindestens um zehn Jahre.

Dennoch stellen jene Konzertmitschnitte natürlich ein Highlight des Films dar. Vor allem da sie nochmals nachhaltig veranschaulichen, wieso Iggy Pop gleichermaßen gehasst (von Politikern, Moralaposteln und Konservativen) wie geliebt und abgöttisch verehrt (von seinen Fans und anderen Musikern) wurde. Wir sehen Pop, natürlich oben ohne, wie er sich von der aufgeheizten, pulsierenden Menge im Konzertsaal – im wahrsten Sinne – auf Händen tragen lässt. Oder wie er sich kopfüber ins Publikum vor der Bühne stürzt – offensichtlich in nicht mehr ganz nüchternem Zustand. Er selbst sagt an einer Stelle des Films, dass er sich bei Konzerten aufführte wie ein wilder Pavian. Das stimmt nicht, denn er war schlimmer und drastischer. Wie von der Tarantel gestochen hetzte er von einem Bühnenrand zum anderen, tanzte martialisch, schrie, schimpfte und zwischendurch sang er auch noch.

Jarmusch versteht auch sein dokumentarisches Handwerk und montiert die Einzelszenen und Sequenzen dramaturgisch sinnvoll sowie unterhaltsam miteinander. Unterhaltsam auch deshalb, da immer wieder auch ehemalige Weggefährten (so z.B. der frühere Manager der Stooges) und die Bandmitglieder selbst zu Wort kommen. Und sie haben herrliche, teils unglaubliche Anekdoten zu berichten. Allen voran jene, die Iggy Pop über die wilden Jahre aus dem Ärmel schüttelt. Auch Ron und Scott Asheton, der frühere Gitarrist und Schlagzeuger, kommen zu Wort. Allerdings musste Jarmusch hier auf älteres Archivmaterial zurückgreifen. Beide Musiker sind bereits verstorben. Angesichts des drastischen, exzessiven Lebens voller Drogen und Alkohol, ist es dabei fast ein Wunder, dass einer wie Iggy Pop mit seinen 70 Jahren überhaupt noch unter den Lebenden weilt. Aber zum Glück tut er das und hoffentlich auch noch viele Jahre. Selbstverständlich Oberkörper frei.

Fazit: Ein Film wie die Musik der Stooges: laut, energiegeladen und pulsierend. Regisseur Jim Jarmusch gelingt es, das Rock-Phänomen zu ergründen und klar zu machen, wieso die Musik der Gruppe als Vorläufer des Punk gilt.
Bewertung: 4/5

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.


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