Ferdinand Kritik

Ferdinand ist nicht das, was man sich unter einem Jungbullen vorstellt: er ist emotional, sanftmütig und steht am liebsten auf der Weide um an den Blumen zu schnüffeln. Als er eines Tages mit ansehen muss, wie sein Vater abtransportiert wird, nimmt er Reißaus und flieht von seiner Zuchtfarm. Wenig später trifft er auf Nina, die auf einem spanischen Bauernhof lebt. Gemeinsam mit dem Mädchen verbringt er fortan ein ruhiges Leben und wächst über die Jahre zu einem stolzen, aber friedliebenden erwachsenen Bullen heran. Zu einer unerwarteten Katastrophe kommt es eines Tages, als Ferdinand von einer Biene gestochen wird und kurz die Kontrolle über sein Verhalten verliert. Im Dorf hält man ihn nun für einen wild gewordenen, gefährlichen Bullen, weshalb er in eine Stierzuchthaltung abgeschoben wird. Und dann soll er auch noch in der Arena gegen Matadore antreten. Für Ferdinand definitiv der falsche Ort. Mit ein paar anderen Außenseitern schließt er sich zusammen und plant den Ausbruch. Sein Ziel: zurück zu Nina auf den Bauernhof.

„Ferdinand“ beruht auf dem Kinderbuch „Ferdinand, der Stier“ von Munro Leaf und Robert Lawson, das 1936 erschien. Zwei Jahre später wurde die Geschichte von Walt Disney zu einem zwölfminütige, animierten Kurzfilm verarbeitet. Mit großem Erfolg: der Cartoon gewann im Jahr darauf den Oscar in der Kategorie „Bester animierter Kurzfilm“. Die moderne 3D-Neuauflage stammt von dem brasilianischen Regisseur Carlos Saldanha. Seinen Durchbruch als Regisseur feierte er 2006 mit dem zweiten Teil von „Ice Age“. Zuvor war er bereits als Co-Regisseur bei einigen erfolgreichen Animationsfilmen tätig, darunter z.B. „Robots“ (2005). Im Original wird der Stier Ferdinand von dem Wrestler und Rapper John Cena gesprochen.


„Ferdinand“ ist ganz auf seine herzensgute, liebenswürdige Hauptfigur zugeschnitten, die den Film von Anfang an trägt. Als Identifikationsfigur für die Kleinsten unter den Zuschauern, eignet sich der kräftige, aber sanfte Stier geradezu herausragend: er bleibt sich selbst treu, hat genug Selbstvertrauen und gibt nichts auf die Meinungen und (Vor-)Verurteilungen der anderen. Denn dies eine der wesentlichen Botschaften des Animationsfilms, das wird schon früh im Film klar: Menschen neigen dazu, andere nach ihrem Aussehen zu beurteilen und durch ihr engstirniges Schubladendenken, in Vorurteilen zu verharren. Dabei ist der feinfühligste, wahrlich „menschlichste“ unter allen Charakteren, ein mit viel Gerechtigkeitsbewusstsein ausgestattetes Tier: nämlich Ferdinand.

Diese Konzentration auf die starke, charismatische Hauptfigur führt allerdings dazu, dass die Nebenfiguren ein wenig blass und gleichförmig bleiben. Sowohl die tierischen (etwa die drei Igel Una, Dos und Cuatro), als auch die menschlichen, vor allem Nina. Schade ist nicht zuletzt, dass das ebenso gutmütige wie einfühlsame Mädchen nach dem Abtransport von Ferdinand, im weiteren filmischen Geschehen nahezu keine Rolle mehr spielt. Und erst gegen Ende wieder auftaucht. Die schablonenhaft angelegten Nebencharaktere sind jedoch die einzig nennenswerte Schwäche des Films. In allen anderen Bereichen nämlich funktioniert „Ferdinand“ als lehrreicher, sympathischer und kurzweiliger (trotz einer Laufzeit von über 105 Minuten) Animationsspaß ungemein gut.

Und das liegt in erster Linie am pfiffigen Humor, der sich – etwa zu gleichen Teilen – aus derbem Klamauk, herrlich schräger Situationskomik sowie subtilem, nuanciertem Witz zusammensetzt. Letzterer wird insbesondere in jener Szene deutlich, die in einem Porzellanladen verortet ist – eine der stärksten, vielschichtigsten Szenen des Films. Hier wandeln die Macher nicht nur eine gängige Redewendung gekonnt ab (nicht der Elefant sondern der Stier steht im Porzellanladen), sondern bringen in diesen wenigen Minuten das ganze empfindsame und taktvolle Wesen Ferdinands auf den Punkt. Der derb-rustikale und nicht zuletzt auch körperbetonte Klamauk kommt am ehesten in jenen Augenblicken durch, in denen Ferdinand von den anderen Außenseitern auf die Kämpfe in der Arena vorbereitet wird.

Doch trotz des hohen Humor-Anteils, lässt der Film auch Raum für nachdenkliche und schwermütige Momente. Ein wahres Gefühlschaos durchlebt der Zuschauer etwa beim Abtransport Ferdinands von Ninas Bauernhof. Der von Trauer und Verzweiflung durchzogene Blick von Ferdinand durch die engen Schlitze des Tiertransportwagens zurück auf die sich immer weiter entfernende Nina, lässt wahrscheinlich nicht einmal die erwachsenen Zuschauer kalt. Außerdem beweisen Saldanha und sein Team Mut, wenn sie die Kinobesucher mit dem harten, eigentlich zutiefst bedauerlichen Stierkampf-Alltag in der Arena, konfrontieren.

Fazit: Abgesehen von den am Reißbrett entworfenen, wenig originellen Nebenfiguren, ist der mit lehrreichen, wichtigen Botschaften ausgestattete „Ferdinand“ ein rundum gelungener Animationsspaß für die ganze Familie: melancholische Momente treffen auf abwechslungsreichen, zwischen Klamauk und Situationskomik changierenden Witz. Hinzu kommt eine fein ausgearbeitete, facettenreiche Hauptfigur, die sich geradezu perfekt zur Identifikation eignet.

Bewertung 7/10

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.


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