Drei Zinnen Kritik

Drei Zinnen Filmkritik

Vor zwei Jahren hat sich Lea (Bérénice Bejo) von ihrem Mann getrennt. Seither lebt sie mit Aaron (Alexander Fehling) zusammen, der sich sehr gut mit Leas Sohn Tristan (Arian Montgomery) versteht. Der achtjährige hat sich mit der Situation arrangiert und die „Patchwork“-Familie will in einer einsam gelegenen Berghütte in Südtirol ein paar entspannte Tage verbringen. Doch vor Ort zeigt sich, dass unter der Oberfläche unterdrückte Gefühle und angestautes Misstrauen lauern: Tristan verhält sich Aaron gegenüber immer merkwürdiger und Lea versucht, die Wogen zu glätten. Doch im Laufe der Zeit werden die Spannungen zwischen Tristan und seinem „Ersatzvater“ immer größer. Im Rahmen einer Bergtour, die die Beiden unternehmen, droht die Situation zu eskalieren.

Die deutsch-italienische Ko-Produktion „Drei Zinnen“, ist der zweite Langfilm des Berliner Regisseurs Jan Zabeil. Schon sein von der Kritik hochgelobtes Debüt, „Der Fluss war einst ein Mensch“ (2011), besetzte er Alexander Fehling in der Hauptrolle. Zuletzt realisierte der 36-jährige Filmemacher den Kurzfilm „We will stay in touch about it“, ebenfalls mit Fehling. Der Ost-Berliner spielt in „Drei Zinnen“ seine zweite Kino-Hauptrolle in diesem Jahr, nachdem er im Sommer bereits in „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ zu sehen war. „Drei Zinnen“ erlebte seine Welturaufführung auf dem diesjährigen Filmfest in Locarno.


„Drei Zinnen“ ist ein metaphorisch aufgeladenes, psychologisches Familien-Drama vor betörender Alpen-Kulissen, in dem alle drei Hauptfiguren um ihr Recht auf Glück kämpfen. Drei Zinnen: das sind drei direkt nebeneinander liegende Berggipfel in den Dolomiten, eines der Natur-Highlights in der Region. Die drei Zinnen stehen aber auch für die drei Protagonisten, oder wie Tristan an einer Stelle des Films sagt: „Für Papa, Mama, Kind“. Denn Aaron unternimmt mit dem Jungen eine Wanderung zu seiner Lieblingsstelle, um ihm die spektakulären Gipfel zu zeigen. Doch so beschaulich wie die drei Zinnen da über den Dolomiten thronen, so dicht sie beieinander liegen und damit eine Einheit bilden, so beschaulich gestaltet sich das Miteinander der Patchwork-Familie in den Bergen später nicht mehr.

Doch zunächst beginnt alles friedlich und liebevoll: Lea, Aaron und Tristan freuen sich auf die Zeit in der Abgeschiedenheit der Natur. Das Verhältnis zwischen Tristan und seinem Ersatzvater ist gut und geprägt von Zuneigung. Das wird z.B. im Rahmen eines Schwimmbadbesuchs der Familie deutlich, wenn Aaron Tristan das Schwimmen beibringt. Er kümmert sich um ihn, ist rücksichtsvoll und lässt sich Zeit im Umgang mit dem Achtjährigen. Und ebenso Tristan scheint Aaron voll und ganz zu vertrauen und Spaß mit ihm zu haben. Das wird deutlich, als er sich im Schwimmbad an Aarons Rücken klammert und sich von ihm mitziehen lässt. Solch körperliche Nähe und Verbundenheit, findet sonst nur zwischen Vätern und ihren Söhnen statt.

Kurz nach Eintreffen in der Berghütte jedoch, verändert sich die Stimmung zwischen den Figuren. Dann wird auch der Film bedrohlicher und in seiner Atmosphäre düsterer. Vor allem die Darsteller sind es, die mit ihrem fein ausbalancierten, nuancenreichen Spiel, die Veränderung für den Zuschauer spürbar machen. Oft reichen schon kleine Gesten, scheinbar unbedeutende Betonungen am Satzende oder beiläufig geäußerte Bemerkungen, um die Stimmung kippen zu lassen. In den ruhigen, emotionalen Augenblicken des Films, wird das Innere der Charaktere nach außen gekehrt: deren Wünsche, Sehnsüchte, Ängste.

So fragt Tristan (ungeheuer vielschichtig: der junge Arian Montgomery) z.B. seine Mutter, als die Beiden ganz eng aneinander gekuschelt auf der Couch liegen, ob sich diese nicht vorstellen könne, den Papa wieder zu lieben. Hier wird klar: Tristan wünscht sich die „alte Familie“ zurück, er fühlt sich zwischen seinem leiblichen Vater und Aaron hin- und hergerissen, ist verwirrt und auf der Suche nach seinem Platz im komplizierten, verwirrenden Familiengefüge. Auch Aaron schwankt zwischen seinen Emotionen: mal fühlt er sich für Tristan verantwortlich und ihm wie ein Vater verbunden. Mal aber droht er, an den (scheinbaren) Erwartungen, die Tristan an ihn stellt, „zu ersticken“. Und Lea? Die mit Feingefühl spielende Bérénice Bejo steht zwischen den beiden, verlangt von Aaron aber (in einer sehr bedrückenden Szene), sich zurückzuhalten. Schließlich habe Tristan einen Vater.

In den letzten zwanzig Minuten wird aus dem eindringlichen Kammerspiel, das zu großen Teilen in der Hütte oder unmittelbar davor spielt, ein intensives, existenzialistisches Horrorstück inmitten einer prachtvollen Umgebung. Die schroffen Klippen, steilen Geröllhänge und kristallklaren Bäche, werden hier aber nicht nur in atemberaubenden, hellen Bildern eingefangen. Sie spielen gegen Ende des Films nicht zuletzt dramaturgisch eine wesentliche Rolle, wenn sie sich – ebenso wie das Befinden der Figuren in ihrer Gesamtheit – ab einem bestimmten Moment im Film zu wandeln beginnen. Denn ist die verwunschene Alpenwelt zu Beginn noch ebenso idyllisch und friedfertig wie die Stimmung innerhalb der Familie in der ersten Hälfte, wird die Natur allmählich zu einem lebensbedrohlichen, unberechenbaren Feind.

Fazit: Großartig gespieltes, stimmiges und überaus spannendes psychologisches Natur- und-Familiendrama, das sich vor allem im letzten Drittel in einen bedrückenden, unheilvollen Horrorthriller verwandelt.

Bewertung: 9/10

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.


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